Ich schätze, dass sie so neunzehn, vielleicht zwanzig ist. Genau weiß ich das nicht, müsste aber hinkommen. Während der Fahrt hat sie aus dem Fenster oder vor sich hin geschaut und manchmal mit der Hand ihr Haar geprüft. Ob es schon trocken ist. Sie ist brünett. Brünett gefällt mir am besten. Vielleicht ist deshalb alles so gekommen, wie es jetzt ist. Ich dachte, ich setze mich direkt hinter sie. Bestimmt duftet ihr Haar gut, oder vielleicht berührt mich eine Strähne, wenn ich eine Hand wie zufällig und ein bisschen lässig auf die Vorderlehne lege. Aber das habe ich dann natürlich nicht gewagt. Ich bin nicht so einer.
Die Fahrt war lang. Sie stieg erst an der Endhaltestelle aus, draußen in der Waldheimsiedlung, wo die flachen Neubauten und viele Einfamilienhäuser stehen. Ich sah ihr unauffällig nach. Es war schon dämmerig. Der Regen hatte nachgelassen, es tröpfelte nur noch ein kleines bisschen, unentschlossen und lustlos. Ich drehte mir eine Zigarette, während sich die Leute entfernten. Als sie so fünfzig Meter weit gegangen war, folgte ich ihr.
Sie ging gut zweihundert Meter in die Siedlung hinein, bis zu den Häusern, die ganz am Rand des Wäldchens stehen, hinter dem der See beginnt. Sie betrat das Haus Krähenwinkel 32, eines dieser flachen Mietshäuser für vier Parteien, die nach hinten raus unten große Terrassen und oben Balkons über die ganze Hausfront haben. Kurz danach ging ein Licht im ersten Stock an. Wahrscheinlich die Küche. Alles andere blieb dunkel.
Ich ging auf die andere Straßenseite und zündete mir die Zigarette an. Ich holte meinen Stadtplan hervor. Ich habe immer einen Stadtplan bei mir, man weiß ja nie, wohin einen der Tag führt. Ich tat, als suchte ich etwas auf dem Plan. Tat ich ja auch wirklich. Wann ist man schon mal hier draußen? Ich musste mich erst ein wenig orientieren. Dann ging ich zur nächsten Ecke, wo der Krähenwinkel schon fast an den See stößt und der Fischerweg links abbiegt.
Rechts beginnt der Wald. Da ist nur so eine Art Trampelpfad, den wahrscheinlich Kinder beim Spielen ausgetreten haben. Ich folgte ihm, schlug mich dann rechts in die Büsche, stieg den kleinen Abhang hoch und war bald auf der Rückseite vom Krähenwinkel 32. Ich hatte die Häuser genau abgezählt. Die Ecke ist die 38. Bei ihr war alles dunkel. Ich rauchte meine Zigarette zu Ende, ohne den Blick von ihren Fenstern zu nehmen, ein normal großes, und zum Balkon hin ein breites mit der Balkontür daneben. Alles ohne Gardinen.
Ich wartete. Geduld ist eine meiner Stärken. Ich habe Zeit. Irgendwann ging das Licht an. Sie trug jetzt keinen Mantel mehr, nur Rock und Pullover. Ich sah, dass sie schlank war, nicht zu sehr, aber auch nicht pummelig. Viele Möbel konnte ich nicht erkennen, obwohl ich gute Sicht hatte. Das lag am Blickwinkel leicht von schräg unten. Der Balkon stört nicht groß, weil er nur ein dünnes Gitter hat. Trotzdem schade, dass der Hügel nicht höher ist, auf dem ich stehe. Wahrscheinlich hat man ihn nur als Lärmschutz angelegt wegen der Autobahn, die auf der anderen Seite nicht weit entfernt verläuft. Hier sind nur Büsche, nichts zum Raufklettern. Also kommt man nicht höher.
Ich erkannte ein Regal mit vielen Büchern und einem blauen Plüschtier, eines von diesen billigen Viechern, die man auf dem Rummel an der Losbude bekommt, wenn man Pech hat, oder wenn man mit drei Würfen alle Büchsen vom Brett schmeißt. Bestimmt hat sie das mal geschenkt bekommen und traut sich nicht, es wegzuschmeißen, falls der mal kommt, der ihr das geschenkt hat und fragt, wo sie es denn hat.
Sie legte ihre Handtasche ab, vermutlich auf einen Sessel oder so was. Sie stellte den CD-Player an, der im Regal zwischen den Büchern steht. Aber hören konnte ich natürlich nichts. Ich drehte mir eine neue Zigarette, aber ich wurde damit nicht fertig, weil etwas geschah, worauf man immer hofft, was aber ganz selten eintritt.
Sie zog ihren Pullover aus. Sie hatte sehr helle Haut. Ich wünschte, sie hätte länger so gestanden, den Pulli in der einen Hand und mit der anderen sich durch das Haar fahrend. Das Haar wurde dadurch nicht ordentlicher, eher wilder. Das sah gut aus. Ich dachte einen Moment lang, das macht sie für mich, aber das ist natürlich Quatsch. Sie wusste ja gar nichts von mir. Sie schien etwas zu überlegen und sich nicht schlüssig zu werden.
Dann legte sie den Pullover ab, wahrscheinlich auf dem Sessel, wo schon ihre Handtasche war, und zog ihren weißen BH aus. Ich musste ganz schön schlucken, dabei machte sie das ganz sachlich, hinten aufhaken, den einen Arm durch den Träger und, schwupps, den anderen. Fertig. Ihre Brüste sind klein. Sie würden leicht in meine hohle Hand passen. Das ist wie füreinander gemacht, so eine Frauenbrust und eine leicht gewölbte Männerhand. Das hat die Natur so eingerichtet, dass alles zusammenpasst. Und fest sind ihre Brüste bestimmt auch, jedenfalls bewegten sie sich kaum, als sie sich vorbeugte, um den BH wegzulegen. Ich kann das beurteilen, ich gehe im Sommer viel ins Freibad. Ich bin, kann man sagen, ein Kenner.
Sie nahm aus ihrer Tasche einen dunkelroten BH, an dem noch das Preisschild baumelte. Da war ich echt verblüfft. So eine! Ich bin wirklich ein guter Beobachter, aber ich hatte im Kaufhaus nichts bemerkt. Ob sie da Routine hat? Bestimmt, dachte ich. Eine, die nicht oft klaut, ist so nervös, dass sie gleich auffällt. Da muss man ganz cool bleiben, ganz gleichgültig wirken, so als habe man überhaupt kein Interesse an irgendwas. Ich meine, so mache ich das ja auch, wenn ich mal Leuten hinterhergehe. Das fällt keinem Schwein auf.
Sie zog den BH an, aber nicht wie in den Videos. Sie machte den Verschluss vorne vor dem Bauch zu, drehte das Teil nach hinten und schlüpfte mit den Armen durch die Träger. Dann erst zog sie ihn richtig hoch und verstaute ihre kleinen Brüste in den Körbchen. So machen das die Frauen nämlich in Wirklichkeit! Einfach so, ohne großes Brimborium. Da lügen die Filme. Dabei ist das so doch viel aufregender, eben weil sie es so selbstverständlich macht, als wäre nix dabei. Für sie ist ja auch nix dabei, und sie kann ja nicht ahnen, wie aufregend das für einen Mann ist, der zuguckt. Da ist sie ganz unschuldig, da kann sie nix für. Das kann ihr keiner vorwerfen.
Sie drehte sich um und guckte über die Schulter, wahrscheinlich zu einem Spiegel, den ich nicht sehen konnte. Richtige Tanzschritte machte sie, ganz kleine, zierliche, auf der Stelle, vielleicht zu der Musik aus dem Radio, die ich nicht hören konnte. Nach einer Weile hörte sie auf zu tanzen. Sie nahm von irgendwo eine kleine Schere und schnitt das Preisschild ab, ohne den BH dafür auszuziehen. Aber ich war nicht enttäuscht. Ich war so fasziniert, dass ich kaum bemerkte, dass mir Papier und Tabakkrümel einfach aus der Hand gefallen waren. Scheiß auf die Zigarette!
Sie zog ihren dunklen Rock aus. Der Reißverschluss war links an der Seite, nicht hinten. Sie ging in eine Ecke und kam mit einer hellen Hose wieder an dieselbe Stelle, wo sie vorher gestanden und getanzt hatte. Wahrscheinlich ist das der beste Fleck im Zimmer, wo sie sich gut im Spiegel sehen kann. Sie trug einen weißen Tanga, so eine Art Nichts mit Spitze, ein winziges Dreieck vorne, um die Taille und hinten nur ein Faden wie Zahnseide. Im Freibad sind diese Dinger in diesem Jahr aus der Mode. Da waren die letzten Jahre besser.
Ihr Po beim Bücken, als sie in die Hose stieg! O Mann! Ich meine, im Freibad, die Mädchen wissen ja, dass alle zugucken, wenn sie sich zum Handtuch bücken, wenn sie aus dem Wasser oder von der Dusche kommen. Die wissen ganz genau, wie sie sich bewegen. Die wollen die Kerle anwichsen, ist doch klar. Aber wehe, man kommt ihnen dann wirklich zu nahe! Als ob man ein Triebtäter wäre oder so was. Einen anmachen und dann Ohrfeige, das macht den Weibern Spaß. Aber sie? Sie hatte doch keine Ahnung, dass ihr jemand zuschaut. Und trotzdem bewegte sie sich genau wie die Mädchen im Freibad. Sie ist einfach sexy, von Natur.
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