Als die Nachricht von seinem Tod durch die Presse ging, meldete sich eine Frau namens Elvira Bledmannshofer bei der Landshuter Zeitung. Sie erklärte, sie sei die Ehefrau des Landwirts und lebe mittlerweile gemeinsam mit ihrer Schwägerin und deren Mann in Songkhla an der thailändischen Küste und habe durch Zufall die Meldung vom Tod ihres Mannes in einer deutschen Zeitung gesehen. Sie seien damals zu dritt abgehauen, weil ihr »Volltrottel von Ehemann« unberechenbar geworden sei.
In der Nachrichtensendung »Rundschau« im Bayerischen Fernsehen meinte Hauptkommissar Kardigglding daraufhin, die Identität der Anruferin müsse erst hundertprozentig geklärt werden. Sollte sich jedoch herausstellen, dass es sich tatsächlich um die Witwe des Landwirts handele, könne man daran nichts ändern. »Der Fall ist spätestens seit dem Freitod des als Täter verurteilten Mannes abgeschlossen«, sagte Kardigglding.
Was die Sache mit den geköpften Männern betraf, so arbeitete Kardigglding ruhig und zügig die Liste seiner Hauptverdächtigen ab. Da die Toten ohne Ausnahme Angestellte beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen waren, fand der Kommissar rasch eine Spur zu mehreren Drehbuchautoren, die nachweislich von den Redakteuren geknechtet, missachtet, schlecht bezahlt oder übersehen worden waren. Die Vernehmungen gestalteten sich ungewöhnlich einfach. Die Schreiberlinge, wie Kardigglding die Verdächtigen nannte, steigerten sich in derart atemberaubende Widersprüche hinein, dass der Kommissar allein drei von ihnen locker für fünf noch unaufgeklärte Morde im österreichischen Waldviertel hätte verantwortlich machen können. Sie waren kurz davor, alles zu gestehen. Aber es ging um die kopflosen Redakteure, und nachdem sein letzter Hauptverdächtiger, ein Autor, der sich von seinen Honoraren für unzählige Folgen der Reihen »Soko 5113« und »Die Rosenheimcops« eine Finca auf Mallorca, ein Apartment in Berlin und eine Achtzimmerwohnung in Quedlinburg gekauft hatte, aus dem Fenster gesprungen war, musste Kardigglding handeln. Die Presse saß ihm im Nacken, der Innenminister, die Intendanten von ARD und ZDF. Und der Bayerische Rundfunk ließ durchblicken, dass der Sender sein Beraterhonorar für die Serie »Unter unserem Himmel« streichen würde, falls der Kommissar nicht bald einen Täter präsentiere.
Da der theatralische Drehbuchautor aus einem Fenster im ersten Stock gesprungen war und dabei lediglich seine Kontaktlinsen verloren hatte, brauchte sich Kardigglding nicht weiter um ihn zu kümmern. Stattdessen ließ er einen Zeugen in sein Büro bringen, den er schon länger im Visier hatte. Der Mann war immer wieder in einem Pulk von Schaulustigen aufgefallen, und als er jetzt vor ihm saß, wusste Kardigglding, dass er wieder einmal den richtigen Riecher gehabt hatte. Der Mann war ein verhinderter Schriftsteller, er hatte sich unzählige Male mit halbgaren Drehbüchern bei Produktionsfirmen und Redaktionen beworben, er schrieb Hassbriefe an sämtliche Sender, und er war schon einmal in Urlaub in Südamerika gewesen.
Am nächsten Morgen hatte Kardigglding sein Geständnis. Der Täter – er hieß Max Geier, war 56 Jahre alt und arbeitslos – hatte zugegeben, mit einer zwei Kilo schweren und einen Meter langen Machete die acht Männer aus Wut und Verzweiflung enthauptet zu haben. Jedem von ihnen habe er aufgelauert und die Tat minutiös vorbereitet. Er bereue nichts.
Ein Jahr später sprach das Landgericht München 1 das Urteil: lebenslänglich für Max Geier. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmete Hauptkommissar Neidhard Kardigglding ein ganzes Heft, und der Bayerische Rundfunk richtete dem verdienstvollen Staatsbeamten eine eigene Talkshow anstelle der »Münchner Runde« ein. Die Tatsache, dass es sich bei dem Verurteilten um einen blinden, contergangeschädigten, nur sechzig Kilogramm wiegenden Mann handelte, spielte sowohl bei der Urteilsfindung als auch im Verlauf der Berichterstattung eine eher untergeordnete Rolle.
TILO BALLIEN
Bei ihr ist noch Licht
Gerade ist sie wieder rein. Jetzt kann ich rauchen. Ich will noch etwas warten.
Ich habe viel Zeit. Meine Arbeitslosigkeit stört mich nicht, was diesen Aspekt betrifft. Ich habe gern viel Zeit. Zum Nachdenken. Ich denke viel nach, sehr viel. Ich kann stundenlang über irgendwas grübeln. Manchmal schreibe ich auf, was ich wichtig finde. Das vernichte ich meistens, wenn ich es später wieder lese. Aber ich vergesse nie, was ich einmal gedacht und aufgeschrieben habe. Deshalb kann ich es ruhig zerreißen, weil ich es im Kopf habe. Aber das muss niemand anders lesen. Erst recht das Tagebuch nicht.
Viel Zeit zu haben kann teuer sein. Ich komme hin mit meinem Geld. Ich gehe nicht in Cafés oder in Kneipen oder ins Kino. Bier zu Hause ist billiger. Und mehr Kino als die Glotze bieten die Filmpaläste auch nicht. Und die Videotheken sind doch echt billig. Ich weiß gar nicht, wie die überleben. Zu Hause habe ich jedenfalls keinen Popcorngestank in der Nase wie im Kino und muss nicht zusehen, wie Pärchen miteinander knutschen. Die kriegen vom Film oft gar nichts mit. Ich bin allein. Eigentlich immer. Beim Videogucken kann ich machen, was ich will. Ich ziehe die Vorhänge zu und bin ganz für mich.
Was ich sagen will: Ich hätte an diesem bestimmten Tag nie und nimmer überlegt, ob ich nicht trotz der damit verbundenen Kosten reingehen soll, wenn es plötzlich nicht wie verrückt angefangen hätte zu regnen. Der Himmel war aschgrau und die Atmosphäre schwer. Man fühlte sich wie unter einer umgedrehten alten Zinkbadewanne. Im Radio hatten sie zwar gesagt, die Sonne würde den ganzen Tag nicht scheinen, aber von Regen war keine Rede gewesen. Deshalb hatte ich den Schirm zu Hause gelassen. Pech. Oder auch nicht. Denn hätte ich einen Schirm gehabt, wäre ich ihr vermutlich nie begegnet. Das war also geradezu schicksalhaft. Irgendwie.
Natürlich hätte es auch jemand völlig anderes sein können als gerade sie. Daran habe ich schon manchmal gedacht. Sie verließ das Café, als ich mich unter dem Vordach unterstellen wollte, um mich vor dem Regen zu schützen oder, wie gesagt, vielleicht sogar reinzugehen. Sie warf einen ärgerlichen Blick zum Himmel. Ihre Augen waren groß und dunkel. Ich bin ihr nachgegangen, ganz spontan. Ich bin schon manchmal Leuten nachgegangen, einfach so. Mal gucken, was sie so machen. Aber die meisten machen nichts. Ich meine, nichts Besonderes oder Aufregendes. Die meisten gehen nach Hause oder verschwinden jedenfalls in irgendwelchen Häusern, und ab diesem Zeitpunkt sind sie einfach weg. Da kann man ewig warten. Sie bleiben, wo sie sind. Stinklangweilig. In die meisten Häuser kann man ja nicht reinsehen, wenigstens nicht in die oberen Stockwerke.
Sie rannte unter dem Regen hindurch in das Kaufhaus zwei Häuser weiter. Dort ist sie dann nur herumgeschlendert und hat sich Sachen angesehen. In der Abteilung für Damenwäsche ist sie lange geblieben. Da konnte ich sie nur aus sicherer Entfernung beobachten, damit keiner denkt: Was macht der Kerl da in der Dessous-Abteilung? Würde ja niemand glauben, wenn ich sagte: Ich guck mir was für meine Alte an. Ich fragte mich, ob sie solche Sachen trägt wie die, die sie sich anschaut, so ganz zarte Teile. Sie hat aber nichts gekauft. Ich dachte, wahrscheinlich hatte sie auch einfach keinen Schirm dabei und wollte nur den Regenguss abwarten.
Als der Regen vorüber war, ist sie vom Kaufhaus zur Bushaltestelle gegangen. Ich habe die Monatskarte vom Sozialamt, also bin ich mit in den Bus. Sie hat bezahlt, also fährt sie nicht regelmäßig, schloss ich daraus. Ich bin, glaube ich, ein ganz guter Beobachter. Ich habe mich ganz hinten in die letzte Bank gesetzt, damit ich sie immer im Blick hatte. Sie wirkte müde. Einmal hat ihr Handy geklingelt, nix Ausgefallenes wie melodisches Furzen oder irgendein Popsong, wie das jetzt viele lustig finden, einfach nur Klingeling. Sie hat nur ein wenig mürrisch aufs Display geschaut und ist nicht rangegangen. Das hat mich gefreut.
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