„Mein Sohn ist tot. Ich fühle mich an seinem Tode mitschuldig. – Als kleiner Junge war er ein Sonyboy. Den ersten Schmetterling sah er im Frühjahr. Und die einzige Sonnenblume, die aus dem Samen erblühte, wuchs in seinem Topf. Der Frosch, den er im Bach gefangen hatte, quakte zu seinem Vergnügen, wenn er ihn rief. Der Bussard kreiste über ihm, sobald er in den Wald ging. Die Enten im Teich hatte er dressiert, dass sie über eine Leiter hintereinander liefen und morgens auf dem Dach eines niedrigen Schuppens ihre Körner holten. Hund Robby und Kater Hermann liefen ihm entgegen, wenn er aus der Schule nach Hause kam. Er investierte viel Zeit, die Tiere zu versorgen, sie vertraut zu machen. Ein Rabe weckte ihn morgens in seinem Bett, wenn sein Fenster geöffnet war. Geduldig wartete der Rabe, pickend und lärmend, zerkratzte die Tapete hinter dem Kopfende seines Bettes, was der Mutter nun gar nicht gefiel, bis Marcel sich endlich reckte und wach wurde. Dann holte Marcel Brotkrümel und fütterte seinen Raben. In der Schule hatte er keine nennenswerten Probleme. Seine Mutter unterstütze seine Aktivitäten. Sie war sehr stolz auf ihren Sohn. Wir liebten ihn beide sehr. In der Pubertät gab es zwischen meinem Sohn und mir schon einige disharmonische Situationen. Aber da ich sehr häufig unterwegs war, wurde der Machtkampf zwischen uns beiden nie ausgetragen. Als meine Frau starb, war Marcel gerade achtzehn geworden. Der Tod seiner geliebten Mutter hatte ihn aus der Bahn geworfen. Mit diesem Tag war er erwachsen geworden. Seither gab es den unbekümmerten Jungen nicht mehr. Ein Hauch von Vorwurf mir gegenüber am Tode der Mutter Schuld zu haben, glaubte ich bei ihm zu spüren. Es war wohl eher Verzweiflung und Schmerz über den Verlust eines so sehr geliebten Menschen. Das Band zwischen meinem Sohn und mir war empfindlich dünn geworden und hatte seine Elastizität von Verstehen und Vertrauen verloren. Jahre waren vergangen. Marcel hatte seine Karriere als Banker gemacht. Er hatte in New York, Paris und Zürich Erfahrungen gesammelt und lebte nun seit drei Jahren in London. Erst vor einem Jahr hatte ich ihn in England besucht und während eines gemeinsamen Wochenendes haben wir Nähe für einander gespürt und herausgefunden, dass wir um den gleichen Menschen geweint hatten. Seine hübsche Freundin Angela habe ich während eines Dinners erlebt. Sie war sehr zurückhaltend, jedoch auch sehr selbstbewusst. Seit diesem Wochenende hatten wir ein neues harmonisches Miteinander. Ich habe dort meinen Sohn wiederbekommen. Ein neues Gefühl für Marcel war entstanden. Mir gegenüber stand ein Mann, kein Kind mehr, ein Mensch, dessen Nähe ich spürte, der in meinen Gedanken einen festen Platz einnahm. Ich glaubte, ihn zu kennen, weil er ja mein Sohn war. Wie einfach hatte ich es mir gemacht. Wie wenig habe ich wirklich von ihm gewusst. Und doch, auch wenn ich nur einen Teil von ihm kannte, so wurde nun mit seinem Tod ein Stück aus mir herausgeschnitten. Wie mit einem Skalpell säuberlich herausgetrennt. Ähnlich wie damals, als ich meine Frau verlor. – Und immer wieder steht der Mensch vor dem ewigen Alleinsein.“ Die letzten Worte flüstert Wendelin leise, als spräche er zu sich selbst.
Es ist ganz ruhig. Eine Stille, die der Würde des Augenblickes angemessen ist und nicht verletzt werden darf.
Wanda weiß, sie muss diese Stille ertragen. Sie scheint endlos.
Erneut beginnt Wendelin zu sprechen: „Man hat ihn in seinem Office gefunden. Er hatte sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. – Das große WARUM steht im Raum. Die Antwort bleibt offen. Ich werde viel Zeit benötigen, um herauszufinden, wo mein Part in diesem Spiel beginnt und endet. – Nichts habe ich über ihn gewusst. Wie weit entfernt waren wir uns, dass er mit seinen Sorgen nicht zu mir kommen konnte. Wie verzweifelt muss er gewesen sein – Am Ende habe ich als Vater total versagt.“
Wieder ist es still geworden. Wanda ist erschüttert. Mitgefühl und Hilflosigkeit lassen sie vergebens nach Worten suchen.
Was kann ein Mensch in einem solchen Augenblick einem anderen Tröstliches sagen? Was kann man überhaupt sagen?
Wanda sieht Wendelin hilflos an. Stumm versucht sie ihr Mitgefühl aber auch ihr Entsetzen auszudrücken.
Dann hörte sie Wendelin sagen: „Sorry, ich habe dir einen Schock versetzt. Sorry, Wanda. Vielleicht hätte ich nach besseren Worten suchen sollen. – Ich hatte einige Tage Zeit, um mich mit dem Unabänderlichen abzufinden, jedoch für dich ist es sehr plötzlich …“ –
„Es tut mir so entsetzlich leid.“
Wanda geht zum Fenster und öffnete es. Die kühle Luft tut ihr gut. – Sie friert obwohl die Sonnenstrahlen ihre nackten Arme wärmen.
Dann dreht sie sich um und geht zu Wendelin hin. Stumm umarmt sie ihn. So stehen sie lange als suche der eine bei dem anderen Halt. Als sie sich von einander lösen, spürte Wanda wie sich auch die Spannung in ihr langsam löst.
„Wie wenig ist doch der Mensch im Vergleich zur Unendlichkeit, was bleibt ist ein Nichts – und doch, wie viel ist er im Vergleich zum Nichts! – Es ist Alles! Der Körper löst sich auf, vergeht. Was bleibt, sind die Spuren der Liebe. Wir bleiben zurück mit unserem Gefühl, das ist die Verbindung. Trauer wird abgelöst von Erinnerungen. Alles was begonnen hat, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Wenn zwei Menschen einander lieben, entstehen Gefühle für einander. Es ist etwas geschehen, was durch nichts mehr ungeschehen gemacht werden kann. Emotionen können sich verändern, zur Erinnerung werden, aber sie können nicht verloren gehen.
Dieser Tod hat außer der Trauer, die bei dir ausgelöst wurde, eine Bedeutung. Es wird nun nichts mehr so sein wie vorher. Wenn du magst, versuchen wir gemeinsam die Bedeutung dieser Tatsache für dich zu erkennen und die Veränderung in eine Richtung zu bringen, die deine Bestimmung sein könnte. Du siehst, ich glaube ganz fest an Aufgaben, die wir wahrzunehmen haben in diesem Leben. Wenn du das erkennst und annimmst, wird die Zeit deine Verbündete werden. Gemeinsam mit ihr wirst du immer mehr erkennen, wohin dein Weg führt. Du bist nur dir selber gegenüber verantwortlich. Das beinhaltet, dass du dir selber verpflichtet bist, dich zu lieben und so anzunehmen, wie du bist. Wenn es möglich ist, respektiere die Entscheidung deines Sohnes, die er für sich getroffen hat, ohne dass du dabei Schuldgefühle empfindest. Es gibt keine Schuld. Schuld und Angst sind Monster und Killer, sie haben keinen Nutzen. Wir haben kein Recht, jemandem oder gar sich selber, Schuld’ zuzusprechen, für etwas, was wir nicht verstehen. Aber es gibt die Verantwortung. Schuldzuweisung ist auch immer Rechtfertigung und aus einem destruktiven Verhalten entstanden. Konstruktiv sein, heißt, annehmen und einen neuen Weg finden. Denn, der Weg ist das Ziel. Auch weiterhin. Wir dürfen klagen und fragen und zweifeln und trauern. Aus diesen unterschiedlichen Phasen entstehen konstruktive Ansätze zur positiven Weiterentwicklung.“
„Eines kann ich annehmen. Das eine Veränderung begonnen hat. Aber mit der Schuld, da habe ich ein Problem. Verantwortung zu haben bedeutet doch gleichzeitig auch Schuld zu übernehmen. Das eine ist mit dem anderen verknüpft.“
„Verantwortung ist begrenzt. Es wäre vermessen, zu glauben, ein Mensch könne die totale Verantwortung für einen anderen übernehmen. Jeder Mensch hat durch die Tatsache, mit einem freien Willen geboren zu sein, auch die Verantwortung für seine Entscheidungen übernommen, ja übernehmen müssen. Du und ich, haben die Verantwortung für unser Handeln. Und den Respekt vor dem Anders-Sein des Anderen. Und mit diesem Respekt grenzen wir uns ab. Deine Trauer gehört dir. Dein Sohn hat eine Entscheidung getroffen, die du annehmen musst. Ich habe den Respekt vor deiner Trauer. Ich spüre deinen Schmerz und stehe hilflos dem Geschehen gegenüber. Was mir bleibt ist die Möglichkeit, über Schuld mit dir zu sprechen. Heute oder irgendwann. Ich kann meine Gefühle nicht auf dich übertragen. Aber ich kann mit dir über Dinge reden, die mich berühren, weil sie eine große Bedeutung für dich haben. Dein Sohn hat den Suizid gewählt. Es war seine Entscheidung. Nun ist es an Dir, ihm deinen Respekt zu erweisen. Deine Aufgabe kann es sein, das Geschehene anzunehmen. Auf ein WARUM wirst du keine Antwort finden. Annehmen ist der einzige Weg für dich und für ihn, Frieden zu finden.“
Читать дальше