„Ich finde es bewundernswert, dass sich Leute für dieses Projekt einsetzten. Gerne würde ich sehen, wie das in der Praxis gestaltet wird. Lass uns den kleinen Umweg machen, bevor wir dann in den Norden aufbrechen.“
„Willst du etwa dort tätig werden?“
„Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde ich bestimmt meinen Einsatz einbringen. Aber so, in meinem Alter – leider zu spät. Aber ich würde gerne wissen, was ich versäumt habe.“
Mit dem Auto brauchen sie etwa 50 Minuten bis zur Kapelle. Mitten im Wald in einer Lichtung gelegen, stehen sie vor einer Kapelle in einem Gutshof ähnlichen Park gelegen.
Der Spätnachmittag vermittelt ein ungewöhnliches Licht. In dem einzigen Innenraum scheinen die letzten Sonnenstrahlen das Licht zu verstärken und zu bündeln, als würde später die Nacht von diesem gespeicherten Licht erhellt, somit den Energiefluss innerhalb dieses Raumes in den nächsten Tag fließen lassen, um dann wieder neu zu beginnen und neue Energie aufzunehmen.
Eine Türe führt zur modern eingerichteten Küche. In der Mitte steht ein Gasherd mit sechs Kochstellen und rechts neben dem Geschirrschrank befindet sich der Kühlraum. Back- und Micro-ofen sowie Arbeitsplatten sind neben dem Spülautomaten angebracht. Von dieser funktionstüchtigen Küche in gepflegtem Zustand, können Gäste mit Essen versorgt werden. Obwohl niemand hier zu sein scheint, sind alle Türen geöffnet. Die Missionsanlage besteht aus einem U-förmigen Gebäude. Im kleineren Teil befindet sich der sakrale Raum. Wanda ist begeistert von der Lage und von der Einrichtung. Zu gerne hätte sie gewusst, welche und wie häufig hier Veranstaltungen stattfinden. Es wäre der geeignete Ort für eine soziale Einrichtung.
Lächelnd nimmt sie Wendelins Arm und die beiden gehen weiter in den Wald. Es ist sehr heiß. In den Bäumen geht es sehr lebendig zu. Vögel fliegen zwitschernd zwischen den Zweigen hindurch, Eichhörnchen huschen den Baumstamm hinauf, überall ist Leben und Lebensfreude spürbar. Durch ein leises Scharren im Laub aufmerksam geworden, entdeckt Wendelin eine Eidechse, die sich durch das Unterholz schlängelt. Wendelin hat einen kleinen Steinhügel entdeckt, dem er seine ganze Aufmerksamkeit widmet. Er schiebt einen der oberen Steine etwas zur Seite und ihm eröffnet sich eine Welt voller Leben. Es wimmelt und krabbelt von unzähligen Käfern, Würmern und Insekten, die sich hier zwischen den Steinen ihre Wohnung gebaut haben. Eine ganze Weile beobachtet er das geschäftige Treiben, ähnlich eines Ameisenhügels.
Versunken in Erinnerung an seine Kinderzeit, betrachtet Wendelin mit welch einer Emsigkeit die Insekten ihren Tag gestalten.
„Wanda, schau’ nur wie viel Leben sich unter diesen Steinen verbirgt.“
Lächelnd geht sie zu Wendelin und streicht über seinen Rücken.
Was für ein wunderbarer Mann.
Wendelin setzt sich zu Wanda auf die Bank. Schweigend hängt jeder seinen eigenen Gedanken nach. Beide haben ja ein Leben ohne den anderen schon gelebt, bevor sie sich neu begegneten.
Aus einem plötzlichen Impuls legt Wanda ihre Hand auf seinen Arm. „Wendelin, soll ich dir sagen, was ich jetzt gerne möchte?“
Wendelin schaut ihr in die Augen. Am liebsten würde er die Hand von Wanda streicheln, die auf seinem Arm ruht. Aber er fürchtet, sie würde sie zurückziehen.
„Was möchtest du Wanda?“, er versucht seiner Stimme Festigkeit zu geben, was ihm aber nicht ganz gelingen will.
„Ich möchte dich einfach küssen.“
Wendelin umfasst ihr Gesicht mit beiden Händen. Er schaut auf ihre Lippen, die sich leicht geöffnet haben. Langsam nähert sein Mund sich dem ihren. In einem langen Kuss bestätigen sie beide, was sie für einander empfinden.
„Ich habe bei dir ein Gefühl, was ich es damals als Oberschüler hatte, als ich zum ersten Mal ein Mädchen in den Armen hielt. Eben ein Gefühl der Unsicherheit. – Schon lange habe ich mir gewünscht, dich zu küssen. – Du bist ein wunderbares Mädchen!“
„Oberschüler“ hat er gesagt, einer der noch zur Penne geht!
„Wo bist du denn zur Schule gegangen, als Oberschüler?“
Ohne eine Antwort zu geben, streichelt Wendelin über ihren Rücken und ihre nackten Arme. So sitzen sie lange ohne ein Wort.
Wendelin hält eine neue Wanda in seinen Armen. Von der selbstbewussten Frau ist nun nichts mehr zu spüren. Dabei kehrt seine Selbstsicherheit zurück, beschützend drückt er sich an sich. Sie scheint in diesem Augenblick so zerbrechlich.
Eine ganze Weile hatten sie auf dem Baumstamm gesessen verträumt dem lebendigen Treiben auf dem Biotop zugeschaut.
Ob das, was sie zu Wendelin hinzieht, mit Liebe zu definieren ist? Was ist schon Liebe? Abnutzungserscheinungen weist sie auf. Ein zu oft und zu schnell gesprochenes Wort. Seiner eigentlichen Bedeutung scheint es oft so weit entfernt zu sein. Für Wanda ist Liebe etwas so Besonderes, dass sie es nur sehr selten in ihrem Leben ausgesprochen hat! Das wird sich auch nicht ändern.
Sie, Wanda, ist sehr vorsichtig geworden, mit diesem Wort. Und sie glaubt, je häufiger man es benutzt, umso mehr verliere es seinen Wert. Aber nun will sie sich nicht mit diesen Gedanken beschäftigen und schiebt sie weg. Was ist nur los? Unterschiedliche Erinnerungen, fast chaotisch anmutend, die vergessen waren – oder nur verdrängt – scheinen sie einzuholen. Warum gerade jetzt?
Einfach nur da sein, ruhig sein, dem inneren Frieden lauschend Geborgenheit spürend.
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