ML:Wunden zu verneinen ist eine Verdrängung von wichtiger Lebensrealität – und manchmal auch ein Schutz. Für den Perfektionisten sind Wunden inakzeptabel. Er möchte seine Vorstellungen durchsetzen, weil seine Ängste es ihm befehlen. Der Perfektionist hat etwas Autoritäres. Das ist meistens ziemlich abstoßend und in seiner Kälte trostlos.
HG:Ist es nicht gerade das Nicht-Perfekte, das uns offener, zugänglicher und verständnisvoller macht? Durch eine persönliche Schwäche, an der man leidet, kann eine innere Verbundenheit mit jemandem entstehen, der dasselbe Problem hat oder mit demselben Versagen kämpft. Durch eine persönliche „Verwundung“ kann es möglich werden, Menschen in ähnlichen Situationen und mit ähnlich schmerzvollen Erfahrungen besser zu verstehen. Wer Vergleichbares kennt, wird anders trösten können.
Selbst eine offenbar schwerwiegende Sünde kann in diesem Sinne ein Türöffner für ein Plus an Verständnis, Barmherzigkeit und Solidarität sein. Man könnte sogar sagen: Gott braucht diese Türöffner, diese Ritzen in der Wand, um uns menschlicher zu machen. Leonard Cohen singt in einem berühmten Lied genau von dieser heilsamen Bruchstelle: Forget your perfect offering. There is a crack in everything. That’s how the light gets in. Übersetzt: „Vergiss dein perfektes Opfer. Es gibt eine Bruchstelle in allem. So kann das Licht hereinfallen.“ Verständlicherweise wollen wir Bruchstellen vermeiden oder genieren uns dafür. Aber genau durch diese „undichten Stellen“, wie du es einmal formuliert hast, kann uns Gott erreichen – und das Leben neu gelingen.
ML:Ja, genau die Schwachstellen sind die Vernetzungspunkte, die Kontaktpunkte zwischen uns und den anderen, der Welt, sogar mit dem Göttlichen. In der Tat geben einem gerade die Schwächen einer Person das Gefühl, sie besser zu kennen.
Es fehlt Perfektionisten häufig an Empathie. Dahinter steht oft mangelnde Selbstliebe. Sie sind sich selbst nie genug, müssen daher immer besser werden. Wie gesagt, ein verzweifelter Versuch! Wer seine ganze Energie dafür benützt, sich selbst zu optimieren, hat meist die Hände nicht mehr frei für die Welt. Und der Perfektionist hat oft wenig Verständnis für die Schwächen anderer, da er auch den eigenen Schwächen gegenüber gnadenlos ist. Es ist grauenhaft anzusehen, wie sich eine solche Weltsicht gegen alles Lebendige stellt. Indem wir das Lebendige in der Welt nicht würdigen, entwürdigen wir uns selbst. Das ist trostlos.
Der Wahnsinn der Optimierung
ML:In vielen Unternehmen gehört es zum guten Ton, sich als Mitarbeiter ständig verbessern zu wollen. Wer sich nicht optimiert, gilt als unprofessionell. Mir wird immer wieder berichtet, dass Mitarbeiter in Gesprächen mit ihren Vorgesetzten sehr forsch und kränkend auf „Optimierungspotenziale“ hingewiesen werden.
HG:„Hat diese Person Potenzial?“ Eine scheinbar logische Frage, wenn es um verfügbare „Humanressourcen“ geht – und doch so verletzend, eigentlich entwürdigend. Sprechen wir so von Menschen? Womit rechtfertigt sich dieser durchaus übliche Optimierungsdruck, der sich auf eine fast ausschließlich ökonomische Bewertung von Personen richtet? Ausschöpfen, ausreizen, optimieren – ein irrationaler Wille zur permanenten Steigerung scheint uns anzutreiben. Glück gibt es in dieser Konzeption nur im Immer-Mehr, Immer-Besser, Immer-Schneller und Immer-Erfolgreicher. Paradoxerweise gilt gleichzeitig aber auch ein Immer-Entspannter und Immer-Cooler als maßgebliches Lebensdiktat.
Die damit ständig vermittelte Mangelerfahrung drängt zu einem Entwicklungs-, Erlebnis- und Konsumimperativ. Ein gnadenloses „Du musst!“ Der einzelne Mensch findet sich in einem trostlosen Optimierungsstress wieder, der alle Lebensbereiche erfasst, selbstverständlich auch die Freizeit. Selbst Kinder bleiben davon nicht verschont – ihre Zeit ist nahezu systematisch verplant: Fußball, Ballettunterricht, Schach, Chinesisch lernen, Gymnastik, Klavier, reiten … Diese Überfrachtung nimmt ihnen die heilsamen Momente des Alleinseins und des Leerlaufs.
ML:Die Eigen- und Fremdausbeutung ist in allen Bereichen präsent. Wir machen uns auf diese Weise zum Objekt. Sich selbst oder andere zum Objekt zu machen bedeutet immer, sich und anderen Gewalt anzutun. So einfach ist das. Faktum ist, dass kein Mensch eine „eierlegende Wollmilchsau“ ist. Das bedeutet, dass keiner auf jedem Gebiet gut sein kann. Die Energie, die wir zur Optimierung nützen, fehlt uns möglicherweise in anderen Bereichen.
Die Optimierung ist der Feind des Optimalen. Sie ist die Karotte vor der Nase, die man nie erreicht. Es ist naheliegend, dass man Menschen leicht in Abhängigkeit bringen kann, wenn man ihnen vermittelt, dass das, was sie machen, nie optimal ist, sondern stets optimiert werden müsse. So versklavt man freie Menschen und kann sie für die eigenen Ziele missbrauchen und manipulieren. Die Optimierung ist ein subtiles Folterinstrument und repräsentiert die dunkle Seite des Kapitalismus.
HG:Die permanente Optimierung der Karriere gehört hier dazu – muss doch die eigene Biografie eine Erfolgsgeschichte sein! Dem Diktat der Selbstoptimierung wird nicht selten auch der private und intimste Lebensbereich unterworfen. Zuerst trifft es meist den Körper – er muss optimal sportlich, durchtrainiert, attraktiv und sexy sein. Für viele ist es selbstverständlich, den eigenen Body zu schinden, bis die optimale Form erreicht ist. Ja, der vielfältige Körperkult verlangt seine Opfer. Dieses Diktat der Selbstoptimierung macht auch vor dem Spirituellen nicht halt – manche Meditationstechniken sind einem subtilen Leistungsdenken verpflichtet. Das Versprechen lautet, dass sich durch entsprechende spirituelle Praxis und Übung ein höheres Maß an Zufriedenheit und beruflichem Erfolg einstellen würde.
ML:Grundsätzlich ist bei aller berechtigten Kritik, die wir vorgebracht haben, gegen die Selbstoptimierung nichts zu sagen, finde ich. Es ist durchaus positiv, wenn Menschen etwas aus sich machen wollen. Sich und anderen Anreize zu setzen, um sich zu entwickeln, ist keineswegs verwerflich, ganz im Gegenteil. Was aber auffällt, ist die hemmungslose Neigung zur Selbstinstrumentalisierung, die dadurch zu entstehen droht. Der optimierte Mensch macht sich selbst zum Werkzeug, mit dem er seine Ziele verfolgt. Nicht die Selbstoptimierung als solche, sondern die Verstrickung ist das Problem. Wir verlieren in der Selbstoptimierung den eigenen Kompass.
HG:Du hast Recht. Ich möchte mit meiner Kritik am Optimierungswahn auch nicht einer bloßen Bequemlichkeit das Wort reden. Es ist in jedem Fall notwendig, an sich zu arbeiten und sich selbst zu fordern, um das Beste geben zu können. Einen unbeteiligten Schongang möchte ich nicht heiligsprechen. Dennoch sehnen wir uns nach dem Punkt, wo wir uns nicht mehr krampfhaft selbst erfinden und vor anderen präsentieren müssen.
Das letzte Gemälde Rembrandts, das sich bei seinem Tod 1669 fast fertig auf der Staffelei befand, trägt den Titel „Simeon und das Jesuskind“. Rembrandt war müde und erschöpft von der Misere seiner letzten Jahre. 1642 starb seine geliebte Frau Saskia. Das Einzige, was ihm blieb, war sein geliebter Sohn Titus, der jedoch 1668 mit 27 Jahren verstarb. Auf dem Bild liegt ein Baby auf den Armen des greisen Simeon, dessen Hände jedoch unter dem Kind hindurch nach etwas anderem zu greifen scheinen. Offensichtlich hat sich Rembrandt mit diesem Gemälde auf seinen eigenen Tod vorbereitet. Er hat in seiner Zeit die Möglichkeiten der Malerei unablässig optimiert und mit einer höchst erfolgreichen Werkstätte neue Maßstäbe künstlerischer Produktion gesetzt. In bitterer Armut beendet er sein Leben, aber reflektiert es mit dem biblischen Ereignis der „Darstellung des Herrn“. Er sieht sich im Bild des greisen Simeon, der sein Leben lang auf diese entscheidende Begegnung mit dem Messias gewartet hat: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du allen bereitet hast, ein Licht, das alle erleuchtet.“ (Lk 1,29f.) Ein lichtvoller Abschied, nicht wahr?
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