HG:Ich möchte von einem wirklichen Meister des Zuhörens, meinem Freund Marco Blumenreich, erzählen. Der heute 50-jährige Psychotherapeut ist mit einer angeborenen Schwäche des Sehnervs zur Welt gekommen und kann sich sein Leben lang nur an vagen Lichtkonturen orientieren. Er erzählt, dass seine Kindheit wie in einen Tränenschleier gehüllt war. Seine Eltern waren mit ihm, dem nahezu völlig blinden Kind, überfordert und wurden sogar gewalttätig. Mit 16 Jahren setzten sie ihn rücksichtslos auf die Straße. Über die drei schrecklichen Jahre der Obdachlosigkeit erzählt er kaum etwas, nur so viel, dass er sich entschlossen hat, seinen Eltern zu vergeben, um selbst überleben zu können. Mit 19 Jahren besuchte er schließlich eine Abendschule und holte die Matura nach. Es folgten eine Ausbildung zum Heilmasseur und ein Studium der Psychologie. Heute ist Marco Blumenreich ein erfolgreicher Therapeut in freier Praxis. Menschen, die ihn aufsuchen, sind von seiner Art des Zuhörens überwältigt. Nicht nur sein persönliches Durchleiden von Trostlosigkeit hat seine empathische Fähigkeit gesteigert, sondern auch seine Blindheit.
ML:Der Zuhörer ist also geduldig. Nur so kann er ein guter Tröster sein. Der Zuhörende kann mehr über die Person verstehen, der er zuhört, als diese über sich selbst. Denn er hört zu – er hört nicht nur. Es gibt eine Zuwendung, die man nur von anderen bekommen kann, zu der man selbst nicht fähig ist. Wir werden, wie es so schön heißt, nur durch das Du zum Ich. Der Geburtsprozess von unserem eigenen Ich wird durch das Zuhören eines Anderen gefördert. Der Zuhörer ist gleichsam die Hebamme. Solche Erfahrungen haben wir alle schon gemacht. Es hört uns jemand zu, und wir kommen selbst auf die Lösung, auf die wir, ohne dass uns jemand zugehört hätte, nicht gekommen wären.
HG:Wichtig ist, dass die tröstende Person alle eigenen Vorstellungen loslässt, vor allem keine vorschnellen Lösungen anbietet und dadurch unbeabsichtigt manipuliert. Die möglichst ungeteilte Aufmerksamkeit zählt, oft nur das Da-Sein. Vor allem ist es wichtig, sich vor Verharmlosungen und Dramatisierungen zu hüten, ganz speziell vor „üblichen“ Trostformeln und leeren Sprüchen: „Wird schon werden!“ „Kopf hoch!“ „Da müssen alle durch!“ Diese und ähnliche Sager erzeugen eher Stress und sind nicht hilfreich. Für den trauernden Menschen muss sich „ein sicherer Platz“ auftun, wo er den angemessenen Ausdruck für seine Trostlosigkeit finden kann.
ML:Aus der Trauerarbeit, die manchmal eine existenzielle Radikalität besitzt, die erschaudern lässt, entwickelt sich letztlich erstaunlich leise, aber bestimmt und klar eine neue Zuversicht. Noch einmal dürfen wir staunen, wie wenig und gleichzeitig viel dabei zu tun ist. Die Absicht des vermeintlich Tröstenden kann der Wunsch sein, eine Situation zu verändern, weil sie nicht erträglich scheint. Aber oft wäre das einfache Aushalten, nicht das Lösen des Problems, trostreicher. Es kann auch vorkommen, dass ein trauernder Mensch innerlich schon weiter ist als die Person, die sich zum Trösten berufen fühlt. Trost ist mit der Erfahrung verbunden, einfach sein zu dürfen und nichts und niemandem etwas beweisen zu müssen.
HG:Durch ein „hörendes Gespräch“ soll die zu tröstende Person die Gewissheit gewinnen, ernst genommen zu werden und auch wiederkommen zu dürfen. Auch Gesten sind wichtig. Es ist wichtig, sich selbst, dem tröstungsbedürftigen Nächsten und der Situation gegenüber treu zu bleiben. Möglicherweise steht ein längerer Weg bevor. Das Wort Trost hängt ja nicht zufällig etymologisch mit dem indogermanischen Wortstamm „treu“ zusammen und bedeutet „Festigkeit“, Verlässlichkeit, auch „seelischer Halt, Zuversicht und Ermutigung im Leid“.
ML:Als ich 19 Jahre alt war, entschied ich mich, nach der Matura als Volontär in einer katholischen Missionsstation im südindischen Chennai mitzuarbeiten. Die Station befand sich mitten in einem Slum und erfüllte viele Aufgaben. Neben einem kleinen Spital mit einer relativ großen Ambulanz gab es unter anderem eine Leprastation und ein Internat für Kinder, die von ihren leprakranken Eltern abgesondert wurden. Teil der täglichen Arbeit war eine Ausspeisung für die in der unmittelbaren Umgebung lebenden Ärmsten der Armen. Verwaiste Kinder und Jugendliche, die als Bettler in der Stadt ihr Leben fristeten, fanden in unserem Zentrum eine Wohnstatt und bekamen die Möglichkeit zu einer Berufsausbildung. Für diese speziellen Kinder und Jugendlichen war ich zuständig. Ich musste mich um alle ihre Belange kümmern – vom Aufstehen bis zur Bettruhe. Ich war quasi der Elternersatz. Auf diese Weise lernte ich sehr viele Menschen kennen, kam mit ihren Schicksalen in Berührung und war von vielen Begegnungen tief berührt. Obwohl ich bei dieser Betreuungsarbeit nichts verdiente, kam ich immer mehr zur Einsicht, dass diese Menschen in Südindien mir wesentlich mehr gegeben haben, als ich für sie tun konnte. Ich fühle mich heute noch, nach so vielen Jahrzehnten, von ihnen reich beschenkt.
HG:Solche Erfahrungen sind sehr kostbar. Ähnliches kann ich von einem Wohnhaus der Caritas in Graz erzählen. Von außen betrachtet war es eine Ansammlung biografischer Katastrophen, ein letztes Refugium meist alkoholkranker Menschen mit schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Dennoch war der soziale Zusammenhalt in diesem scheinbar chaotischen Haus trotz der Unruhe und der vielen Grobheiten, die es auch gab, um vieles stärker als in jedem bürgerlichen Mehrparteienhaus. Eine an Parkinson erkrankte Bewohnerin wurde ganz selbstverständlich von den Mitbewohnerinnen betreut. Das, was ich in diesem Haus an ungeschminkter und oft auch humorvoller Lebenserfahrung „mitbekommen“ habe, war bei weitem mehr als das, was ich als Pfarrer den Leuten geben konnte. Nahezu bei jedem Todesfall gab es einen Gottesdienst mit einer ehrlichen, aber würdigenden Trauerrede von jemandem aus dem Haus, gefolgt von einem ausgezeichneten Essen. Ja, es stimmt: Die Leute, die am sozialen Existenzrand der Gesellschaft gelandet sind, haben mich gestärkt. Es war eine Schule bei den Armen. Jede Form der Überlegenheit ist unangebracht, weil wir alle trostbedürftig sind und einander brauchen.
ML:Ähnliches beobachte ich, wenn schwer kranke Menschen, die an der Schwelle ihres Todes stehen, von ihren Freunden und Angehörigen besucht werden. So sehr die Besucher auch Hoffnung ausstrahlen möchten, so wenig gelingt ihnen das. Man spürt die Verzweiflung und Trauer. Und so kommt es nicht selten vor, dass die Betroffenen selbst in die Rolle kommen, die Besucher, die eigentlich die Tröster sein sollten, zu trösten. Wer also tröstet wen? Wir brauchen einander. Im lateinischen Wort consolatio und im englischen comfort für Trost ist dieses Mit-Sein schön ausgedrückt.
HG:Den entscheidenden Satz, der uns aus einer Trauer oder Verzweiflung herausführen kann, können wir uns meist nicht selbst sagen. Ich habe bis heute den Klang der Worte meiner Eltern in mir: „Beruhige dich, alles wird gut!“ Dazu gehörte ein Umarmt-Werden, kurzes Streicheln, ein wenig Kuscheln – und die Welt war für mich als Kind wieder in Ordnung. Damit wurde die Basis meines Urvertrauens ins Leben geschaffen. Leider können nicht alle Menschen auf ein solches Lebensfundament bauen, ihr eigenes fühlt sich oft brüchig und instabil an. Sie werden vom Gefühl getrieben, dass alles schiefgehen oder in einem großen Malheur enden wird.
ML:Tröstung passiert durch gegenseitige Begleitung. Sie ist ganz wesentlich ein liebevolles Dabei-Sein und entzieht sich weitestgehend der professionellen Kompetenz. Freilich ist es so, wie man es bei einem genialen Pianisten erlebt. Er spielt, als würde er sich nicht anstrengen müssen. Er vermittelt, dass er einfach gern spielt und mit dem Instrument und der Musik eins ist. Alle Zuhörenden wissen aber, dass unendlich viele Stunden der Übung dafür notwendig waren. Wer wirklich trösten will, muss auch mit sich selbst schon gerungen haben …
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