HG:Tränen können auch eine reinigende Wirkung haben, etwas wegwaschen, was die Seele belastet. Ich erinnere mich an einen schweren Verkehrsunfall meines Vaters während meiner Studienzeit in Tübingen. Er ist auf der winterlichen Bergstraße, die zu unserem Hof führt, ins Schleudern gekommen und die Böschung hinuntergestürzt. Wie durch ein Wunder hat er den Unfall überlebt, aber aufgrund innerer Verletzungen wäre er einige Zeit später dennoch fast verstorben. In dieser kritischen Phase ist mir bewusst geworden, dass ich mich nicht selten in kleinlicher Weise von meinem Vater distanziert habe, sein Auftreten war mir manchmal sogar peinlich. Heute sehe ich das vollkommen anders. Als ich nun von seinem kritischen Zustand auf der Intensivstation erfuhr, musste ich spontan weinen. Plötzlich stand mir meine eigene Lieblosigkeit vor Augen. Die Tränen waren heilsam und befreiend – gerne erinnere ich mich an die freudige Umarmung, als wir uns nach seiner Genesung wiedergesehen haben.
ML:Die Trauer ist ein Gefühl. Als Gefühl ist sie eine Information an uns selbst und auch an andere. Sie informiert, dass wir etwas, das uns existenziell wichtig war, verloren haben, letztlich, dass wir uns verloren haben.
In deinem Fall war es der Vater, den du als „selbstverständlich Anwesenden“ verloren hast. In Wahrheit hattest du ihn durch deine mangelnde Aufmerksamkeit schon vorher verloren. Erst durch den drohenden physischen Verlust bist du dir seines Wertes für dich innegeworden. An diesem Beispiel wird klar, welch großer Schatz das Trauern für uns ist.
Der Verlust macht uns häufig hilflos, wir fühlen uns wie ein Hirschkäfer am Rücken. Die Trauer ist das hilfloseste aller Gefühle. Sie macht uns Angst. Aber es zahlt sich aus zu trauern, denn es ist die einzige Möglichkeit, unsere Verluste nicht nur zu überwinden, sondern durch sie zu einem neuen, noch nie gekannten Reichtum im Leben zu kommen. Wir sollten uns daher trauen, traurig zu sein.
HG:Die Voraussetzung dafür ist, dass wir innerlich berührbar sind – oder wieder berührbar werden. Eine falsche Sicherheit oder eine eingebildete Stärke machen uns unempfindlich für das Elend der Welt. Ist es nicht ein Segen, weinen zu können – nicht nur über eine persönliche Verlusterfahrung, sondern über die großen Verwundungen unserer Zeit? Sie dauerhaft auszublenden, kommt eigentlich einer Lüge gleich. Die entsprechende Seligpreisung Jesu lautet: „Selig die Trauernden; sie werden getröstet werden.“ (Mt 5,4) Wie es nötig ist, sich herzhaft mit jemanden freuen zu können, so braucht es auch die Gabe zum Mit-Trauern, Mit-Leiden und Mit-Weinen.
Papst Franziskus hat beim Weltjugendtreffen in Manila sehr leidenschaftlich mit Jugendlichen darüber gesprochen: „Der Welt von heute fehlt das Weinen! Es weinen die Ausgegrenzten, es weinen die Ausgeklammerten, es weinen die Verachteten, doch diejenigen, die wie wir ein mehr oder weniger sorgenfreies Leben führen, verstehen nicht zu weinen. Gewisse Realitäten des Lebens sieht man nur mit Augen, die durch Tränen reingewaschen sind. Ich lade jeden von euch ein, sich zu fragen: Habe ich gelernt zu weinen? Habe ich gelernt zu weinen, wenn ich ein hungriges Kind sehe, ein Kind unter Drogeneinfluss auf der Straße, ein obdachloses, ein verlassenes Kind, ein missbrauchtes Kind, ein von der Gesellschaft als Sklave benutztes Kind? Oder ist mein Weinen das eigensinnige Weinen dessen, der weint, weil er gerne noch mehr haben möchte? Das ist das Erste, was ich euch sagen möchte: Lernen wir zu weinen.“
ML:„Worum es mir ging / Endlich / Berührt zu sein.“ So lautet eine Miniatur, die ich vor einigen Jahren in einem Gedichtband veröffentlicht habe. Weinen bedeutet psychologisch gesehen nicht gleich trauern. Wir weinen aus verschiedenen Gründen. Wir weinen aus Trauer, aus Freude, aus Wut, oft einmal auch ohne zu wissen, warum. Die Ursache des Weinens ist immer eine Berührung, ein Berührt-Sein. Das Schöne an diesem Zustand ist, dass wir damit mit unserer Umwelt in Verbindung sind und uns veränderbar machen, uns selbst zur Disposition stellen. In der Berührung sind wir wie ein erhitztes Erz, das geschmiedet werden kann. Wenn wir diese vermeiden, dann wirken wir herzlos autonom. Ja, die Herzlosigkeit ist ein Zustand der Unabhängigkeit, der allerdings auch einen Mangel an gegenseitigem Austausch, an gegenseitiger Information impliziert. Ich erinnere mich an unsere Gespräche über den „unbequemen Jesus“. Hat er nicht ausdrücklich Berührung und Tränen zugelassen?
HG:Ja. „Warum weinst du?“ Das waren die ersten Worte Jesu nach seiner Auferstehung. Er stellte diese Frage Maria Magdalena, die am Boden zerstört war, wie der berühmte österliche Text berichtet (Joh 20,11–18). Neben ihrer Trauer über den Verlust des geliebten Rabbi musste sie am frühen Morgen beim Grab den nächsten Skandal entdecken. Offensichtlich war der Leichnam Jesu geraubt worden. „Warum weinst du?“ Sie drehte sich um und meinte, es sei der Gärtner. Erst als sie der Auferstandene beim Namen anspricht, erkennt sie ihn. „Maria!“ Mit ihrem Namen schwingt alles mit, was sie bewegt – ihre Ohnmacht, ihre leidenschaftliche Liebe, ihre Sehnsucht. Für Gott ist niemand nur ein Trauerfall. Er will uns genau dort begegnen, wo wir weinen. „Unsere Biografie kann auch über die Tränen erzählt werden“, sagt der portugiesische Kardinal José Tolentino de Mendonça, „die Tränen der Freude, der Feste, der lichtreichen Begegnungen; und die Tränen der dunklen Nacht, der Zerrissenheit, des Verlassen-Seins und der Reue.“
Wie überwältigend auch immer die Trauer sein mag, Tränen sind ein Geschenk – reinigend, befreiend und meist auch Ausdruck von Verbundenheit. Gott kennt sie und nimmt sie an wie ein Gebet. Wir müssen sie nicht verstecken.
Schicksalsschläge und Katastrophen
ML:Manche Menschen werden vom Leben geschlagen. Ich erinnere mich an eine Frau, die mich konsultierte, weil sie Probleme mit ihrer behinderten Tochter hatte. Wir sprachen über die Probleme, die das Mädchen in der aufkommenden Pubertät hatte. Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich mehr über das Schicksal der Frau. Sie hatte schon einmal eine Tochter gehabt, die in dem Alter, in dem sich nun die jetzige befand, auf einem Ferienlager das Opfer eines Mordanschlags geworden war. Genau am ersten Todestag der ersten Tochter wurde die zweite Tochter geboren. Bis zum zweiten Lebensjahr entwickelte sie sich völlig normal, dann trat plötzlich eine Entwicklungseinschränkung auf. Sie ging von Pontius zu Pilatus, kein Arzt konnte ihr sagen, wodurch die Behinderung ausgelöst worden war. Die Ehe der Frau zerbrach, wie so oft, wenn ein behindertes Kind in einer Familie da ist. Es faszinierte mich, wie gelassen und selbstverständlich diese Frau ihr Schicksal trotz der belastenden Geschichte angenommen hat.
Wir verwenden das Wort Schicksal nur, wenn wir die Illusion verwerfen müssen, unser Leben im Griff zu haben. Für diese Illusion sind wir bereit, sehr viel aufzuwenden, auch wenn wir damit letztlich nicht erfolgreich sein können. Vieles ist stärker, als wir es sind. Das Wort Schicksal bedeutet, dass wir dem Leben ausgesetzt sind. Auch wenn es uns nicht bewusst ist – eigentlich sind wir immer dem Leben ausgesetzt.
HG:Wir reden auch nur dann von einem Unglück, wenn etwas Unvorhersehbares passiert, dem wir hilflos gegenüberstehen. Das brutal Hereinbrechende macht uns zu schaffen. Mit einem Schlag ist alles anders. Unglücke melden sich nicht an – Verkehrsunfälle, Krebserkrankungen, Naturkatastrophen, Epidemien und vieles mehr. Blühende Städte und Regionen können plötzlich von Krieg und Terror überrannt und verwüstet werden. Denken wir an Syrien und einige andere Länder nach dem Arabischen Frühling. Plötzlich ist alles anders – im nahen Lebensumfeld und im großen Weltgeschehen. „Wie ein Weber hast du mein Leben zu Ende gewoben. Du schneidest mich ab wie ein fertig gewobenes Tuch.“ Dieser schöne und zugleich traurige Satz war in einer Parte zu finden, Teil eines Gebetes des alttestamentlichen Königs Hiskia (Jes 38,12).
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