Das Tuch des Lebens ist fertiggewoben, die zur Verfügung stehenden Fäden und Farben sind verbraucht, sind eingewoben in das Tuch, das nun das Leben selbst ist. Um die Qualität einer Handarbeit zu überprüfen,hat meine Mutter die bestickten Tücher oder Decken umgedreht, um die Hinterseite zu betrachten. Für den Laien ist dort nur ein schwacher Abklatsch des schönen Dekors auf der Schauseite zu sehen, viele abgeschnittene Fäden, ein paar ansatzweise erkennbare Muster, einzelne Verknüpfungen, aber mehr nicht. Mir gefällt dieses Bild: Wir sehen in unserem Leben meist ausschließlich die Rückseite von Ereignissen. Ihre mögliche Bedeutung und die Schönheit des Ganzen erkennen wir höchstens im Fragment.
ML:Obwohl wir wissen könnten, dass uns alles, aber auch wirklich alles passieren kann, halten wir viele negative Wendungen des Lebens für nicht möglich. Aber unser Leben besteht aus beidem: aus dem Vorhersehbaren und auch aus dem Nicht-Vorhersehbaren.
Die Unterseite des Lebens, von der du sprichst, ist der geheime Webplan unseres Lebens, den wir nicht kennen können, der sich – wenn überhaupt – nur indirekt aus unseren Lebenserfahrungen erschließt. Nehmen wir unsere Lebenserfahrungen ernst? Wie oft sind wir über Verhaltensweisen von nahen Menschen immer und immer wieder empört, obwohl wir es schon wissen könnten! Wie oft essen oder trinken wir das Falsche, vielleicht zu viel, obwohl es uns jedes Mal im Magen liegt? Wir könnten unseren geheimen Webplan kennen, wenn wir unsere Erfahrungen ernst nehmen würden. So würden wir gegen vieles, was uns immer wieder schicksalshaft begegnet, gerüstet sein. Die eigenen Erfahrungen zu ignorieren heißt, im Blindflug durchs Leben zu reisen.
HG:Ich möchte nochmals das Buch Ijob erwähnen. Es gehört zu den großen Schätzen der Weltliteratur. Schonungslos wirft der Leidende sein Unverständnis und seinen Schmerz auf Gott zurück: „Den Kreis meiner Freunde hast du mir zerstört. Du hast mich gepackt. Mein Verfall erhebt sich und tritt als Zeuge gegen mich auf.“ (Ijob 16,7f.) Das sind keine frommen Worte, aber gerade darin liegt der Durchbruch zu einer inneren Freiheit. Durch diese ehrliche Passage hindurch, ohne Schönrederei und Verharmlosung des Schmerzes, tut sich ein Korridor der Zuversicht auf.
ML:Wirkliche Katastrophen ziehen uns den Boden unter den Füßen weg. Ich habe noch eine andere Metapher für mich selbst formuliert: Ich stelle mir mein eigenes Selbst als Haus vor, das tragende Wände hat, aber auch Wände, die bloß zur internen Abgrenzung dienen und veränderbar sind. Es gibt negative Ereignisse, die mir zwar wehtun und mich verletzen, die mich aber nicht nachhaltig beeinträchtigen. Sie betreffen die nichttragenden Mauern, die die Hüter meiner Intimsphäre sind. Wenn aber die tragenden Mauern von einem Ereignis in Mitleidenschaft gezogen werden, dann bin ich insgesamt infrage gestellt. Mein Lebensraum ist bedroht, ich kann mich in diesem Haus nicht mehr finden, habe die Heimat verloren. Ein Gefühl tiefgehender Verlorenheit stellt sich ein.
HG:Lebensentwürfe liegen in Scherben. Ist es möglich, mit dem Leidenden eine solche, existentiell bedrohliche Verlorenheit auszuhalten – manchmal bis hin zum Punkt der Gottverlassenheit, an dem jeder „unerschütterliche“ Optimismus verdächtig wird? In diesen Momenten stützt mich der Blick auf Jesus, der dieser tiefsten Verlassenheit nicht ausgewichen ist. Bei seinem Tod am Kreuz hat er sie durchlitten. Eli, Eli, lema sabachtani? , das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46) Mit diesem Vers aus dem Psalm 22 hat Jesus nach seinem Vater geschrien und mit diesem Schrei alle Abgründe menschlicher Verlassenheit berührt. In äußerster Verzweiflung hat er sich durch alle Mauern der Einsamkeit hindurch an ein Du gerichtet. Der zitierte Psalm endet mit Zuversicht. Für uns bedeutet die geheimnisvolle Gottverlassenheit Jesu am Kreuz, dass auch in der letzten Einsamkeit eine Berührung mit Gott möglich ist …
ML:… eine letzte Geborgenheit. Wie tröstlich für den, der dazu einen Zugang hat! Wir müssen uns offenbar in die Verletzungen hineinbegeben, um sie zu überwinden. Ich denke an einen Freund, der keine Partnerin hat und sehr darunter leidet. Er klagt darüber, dass er niemanden hat, der ihn begrüßt, wenn er nach Hause kommt. Er fürchtet die Einsamkeit. Er schafft es nicht, sie zu ertragen, obwohl er ihr nicht entkommt. So bleibt die Einsamkeit für ihn ein bedrohliches Monster. Solche bedrohlichen Monster sind immer projizierte Ungeheuer, die wir uns möglichst vom Leib halten wollen und gerade dadurch in paradoxer Weise an uns binden. So wird mein Freund seine Einsamkeit nie los.
Es ist wirklich so: Wir müssen uns unseren Verletzungen stellen und quasi Freunde von ihnen werden, um sie zu überwinden.
HG:Zu hohe Ansprüche und Träume von Perfektion können enormen Stress verursachen. Denken wir etwa an Szenen, die sich am Heiligen Abend abspielen. Alles wird perfekt arrangiert, um der ersehnten harmonischen Idylle Genüge zu tun. Es scheint jedoch wie vorprogrammiert, dass diese Inszenierung platzen wird. Vielleicht sind es nur ein paar nervige Aktionen der Nachbarn oder Kinder, die nicht „mitspielen“. Schon allein der emotionale Druck kann etwas an die Oberfläche bringen, das bereits längere Zeit gegoren und in einer Beziehung nicht mehr gestimmt hat. Weniger Show und dafür mehr ehrliche Begegnungen könnten einiges an Streit und Enttäuschungen vermeiden helfen. Einfach ausprobieren: weniger Hochglanz, dafür mehr Zeit füreinander. Vielleicht auch ein Wort der Entschuldigung, wenn man sich gegenseitig überfordert hat.
ML:Mehr Gelassenheit wäre gut. Sie ist teilweise auch erlernbar. Außerdem gilt für jede Familie und jedes System: Ein Perfektionsanspruch macht verletzlicher und ist störungsanfälliger als eine dynamische Ordnung, in der Fehler und mangelhafte Zustände sein dürfen. Im Nicht-Perfekten, manchmal sogar im Chaos gibt es mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Ein sicherer Weg in die Trostlosigkeit ist der Wunsch, es allen recht zu machen.
HG:Menschen arbeiten bis zum Umfallen, bleiben bis spät in die Nacht im Büro oder in der Firma. Wird das wirklich erwartet? Mit einem bewussten Weniger würden viele sich selbst und ihrem unmittelbaren Lebensumfeld wohl gerechter werden. Dahinter kann auch eine „Programmierung“ stecken. Vielleicht haben Eltern versucht, ihre ehrgeizigen Ziele, die sie selbst nicht erreichen konnten, mithilfe ihrer Kinder zu realisieren. Diesen wurde vermittelt, dass sie nur mit einem bestimmten Grad von Perfektion liebenswürdig seien. Meist wird jedoch gerade dadurch eine kreative Entfaltung der subjektiven Begabungen verhindert.
ML:Die Hemmung der Kreativität zeigt sich auch in dem verzweifelten Gefühl, nie den eigenen Ansprüchen zu genügen. Wenn du einen Perfektionisten fragst, was eigentlich „perfekt“ ist, wird er es nicht sagen können. Sein Verhalten mutet zwanghaft an. Er kann nicht, wie es die Daoisten so schön ausdrücken, mit dem großen Wasser fließen, sondern möchte das Leben in seine vorgefertigte Fassung hineinzwängen. Damit verunmöglicht er jeden Entwicklungsspielraum.
HG:Zum Leben gehören Störungen und Fehler – die vielen täglichen Ereignisse, die uns aufbauen, aber auch verletzen können. Wir sind Verursacher und Opfer unzähliger „Verwundungen“, und niemand geht ohne Schrammen und Verletzungen durchs Leben. Manche davon heilen wieder, andere bleiben unserer Seele eingeschrieben. Sie gehören zu unserer Biografie und machen unser ganz persönliches Profil aus. Sie anzunehmen macht uns menschlicher. Ich habe immer das Bild des auferstandenen Christus vor Augen, der den verängstigten Jüngern seine Wundmale zeigt. Genau daran haben sie ihn erkannt. Vor ihnen stand kein göttlicher Sunnyboy, der selbstherrlich über die Erde schwebt. Die sichtbaren Wunden, die ihm bei der Kreuzigung zugefügt wurden, haben ihr Vertrauen geweckt. Vielen ist die Diskussion rund um den „nackten Christus“ des Tiroler Bildhauers Rudi Wach bekannt. Die scheinbar provokante Kreuzesdarstellung auf der Innsbrucker Innbrücke hat jahrzehntelang für Wirbel gesorgt hat. Vordergründig haben sich die Leute an der Nacktheit gestoßen. Für mich schwer nachvollziehbar. Der eigentliche Skandal dieser Darstellung ist für mich das Fehlen der Wundmale. Ein Gekreuzigter ohne Wunden ist eine esoterische Lichtgestalt, die mit uns Menschen letztlich nichts zu tun hat. Von einem glattpolierten, „perfekten“ Christus geht kein Trost aus.
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