HG:… und selbst schon einiges durchgemacht haben. Ich denke an einen befreundeten Künstler und Lehrer, der nach einem alkoholbedingten biografischen Desaster zwei Jahre in New York als Obdachloser dahinvegetiert hat. Seine schmerzhaften Erfahrungen führten bei ihm zu einer beeindruckenden Sensibilität gegenüber Menschen mit unterschiedlichsten Abhängigkeitserkrankungen. Er weiß, was es bedeutet, wenn durch eigenes Versagen Ehe und Familie zerbrechen, die Karriere scheitert und sich das ganze Leben nur mehr wie ein Scherbenhaufen anfühlt. Durch das Programm der Anonymen Alkoholiker hat er sich ins Leben zurückgekämpft. Er landete schließlich in Graz, wo er in unserem Pfarrhof wohnte. Ich durfte miterleben, wie viele Menschen er gerade mit seinem „verwundeten Herzen“ trösten konnte – auch mir hat er Hoffnung gegeben. Ich weiß, dass es auch nach dem schlimmsten Scheitern eine Chance für einen Neuanfang gibt.
ML:Das ist überhaupt die beste Übung für das Leben: selbst von etwas betroffen gewesen zu sein! Man muss nur aufpassen, dass man die eigene Erfahrung nicht ungefragt und unreflektiert auf den Anderen projiziert. Ich kann mir aber keinen Priester oder Psychotherapeuten vorstellen, der kompetent ist und nicht eigene Leidenserfahrungen als „Grundwissen“ mitbringt. Die Krisen sind die Geburtsmomente des Menschen.
HG:Krisen erschüttern bisherige Gewissheiten und stellen Gewohnheiten infrage. Sie lassen Sicherheiten zerschellen. Möglicherweise ist eine derartige Erschütterung auch ein Weckruf, eingefahrene Bequemlichkeiten aufzugeben und den Wert des Lebens mit neuer Dankbarkeit anzunehmen. Grundsätzlich betrachtet ist eine Krise jener ambivalente Zustand, in dem etwas an Bedeutung verliert oder verschwindet, das Neue aber noch nicht da ist. In diesen sensiblen Situationen sind Zuspruch und Begleitung besonders kostbar. Ein guter Trost ist wie eine Gehhilfe nach einer Beinoperation. Nach dem Bruch ist zwar alles wieder zusammengefügt, aber die Stärke zum selbständigen Gehen noch nicht vorhanden.
ML:Aber das Gehen muss die durch Krisen erschütterte Person selbst wieder erlernen. Der tröstende Begleiter ist, mit einem anderen Bild gesprochen, so etwas wie ein Rettungsring, der dem Ertrinkenden zum Überleben hilft. Schwimmen muss die betreffende Person selbst. Die Kunst ist zu verstehen, wann der Mensch in der Krise fähig ist, auch ohne den rettenden Ring zu schwimmen. Das ist das Ziel.
HG:Ja, wir sollten einander immer auch Ermöglicher von Freiheit sein. Durch das Trösten können leicht Abhängigkeitsverhältnisse aufgebaut werden, die Menschen in eine Unselbständigkeit drängen und damit eher lähmen. In diesem Fall, etwas scherzhaft bemerkt, brauchen auch die Tröster einen Trost. Sie müssen zur Erkenntnis ermutigt werden, dass sie nicht mehr wichtig sind. Wirkliches Trösten ist eine Ermächtigung zur Eigenverantwortung.
ML:Selbstverständlich brauchen die „gelernten“ Tröster immer wieder auch selbst Trost. Niemand kann nur aus den eigenen Quellen leben. Das bereits erwähnte Prinzip des Du, aus dem das Ich entsteht, bleibt eine immerwährende Wahrheit, nach der wir leben müssen. Nur wenn wir bereit sind, uns auch selbst trösten zu lassen, reichen die Länge unseres Armes und der Resonanzraum unseres Herzens längerfristig und verlässlich zum anderen hin.
HG:Das Angebot einer Vielzahl therapeutischer und seelsorglicher Berufe ist für den Tröstungsbedarf in der heutigen Zeit von enormer Bedeutung. Dennoch hat jeder Mensch den Auftrag und die Fähigkeit, seinen Nächsten zu trösten. Diese „selbstverständliche Pflicht“ dürfen wir nicht zu rasch an Profis delegieren, bleibt doch die wesentliche Basis der „Kunst des Tröstens“ der von uns allen geforderte Mut zur Begegnung mit Trostsuchenden in einer ganz natürlichen Offenheit.
II WAS MACHT UNS TROSTLOS?
Wenn Gott uns heimbringt
aus den schlaflosen Nächten,
aus dem fruchtlosen Reden,
aus den verlorenen Stunden,
aus der Jagd nach dem Geld,
aus der Angst vor dem Tod,
aus Kampf und aus Gier,
wenn Gott uns heimbringt, das wird ein Fest sein!
Es werden lachen nach langen Jahren der Armut,
die Hunger gelitten.
Es werden singen nach langen unfreien Nächten,
die von Mächten gelitten.
Es werden tanzen die Gerechten,
die auf Erden kämpften
und litten für eine bessere Welt!
Wenn Gott uns heimführt, das wird ein Fest sein!
Den Verirrten werden die Binden von den Augen genommen.
Sie werden sehen.
Die Suchenden finden endlich ihr Du.
Niemand quält sich mehr mit der Frage „Warum?“
Wenn Gott uns heimführt, das wird ein Fest sein!
Ein Fest ohne Ende.
Martin Gutl, Er führt uns heim (gekürzt)
HG:Trauer kann Menschen gänzlich überwältigen, manchmal sogar in die Verzweiflung treiben. Ich erinnere mich an ein Trauergespräch mit einem Vater, dessen Sohn bei einem Lawinenabgang tödlich verunglückte. Der junge Mann wollte seinen Freunden seine Kenntnisse über das Verhalten in lawinengefährdeten Zonen vermitteln und kam dabei selbst ums Leben. Ein wahnsinniger Schock für alle Beteiligten, die aus der Lawine geborgen werden konnten, und für die Familie. Unser gebrochenes Gespräch unter Tränen hatte noch nicht lange gedauert, als der Mann plötzlich aufsprang, zu meinem Bücherschrank ging und darauf mehrmals mit seiner Faust einschlug. „Dieser Wahnsinn, ich halt das nicht aus, dieser Wahnsinn!“ Mit den Schlägen und mit diesen Worten hat er seine Trauer herausgeschrien.
ML:Zum Glück hast du ihm die Freiheit für diese Äußerung seiner Trauer zugestanden. Jeder Mensch trauert auf seine Weise. Echter Trost muss zur Trauer verhelfen, ihr einen Raum bereiten und sie keinesfalls abwürgen.
HG:Ja, es ist auch meine Erfahrung, dass Trauer Zeit braucht. Sie unter einer zu schnellen Beherrschtheit oder scheinbaren Glaubensstärke zu verstecken, rächt sich früher oder später. „Ein Jahr musst du trauern, dann musst du dich wieder freuen!“ Die Pointe dieses eigenwilligen Sprichwortes ist das befremdliche Müssen. Wir wissen, dass sich weder Trauer noch Freude verordnen lassen. Und dennoch ist es eine tiefe Weisheit, dass beides sein muss – und seine Zeit braucht. Im Jüdischen gibt es den Brauch, dass zur „Jahrzeit der Beerdigung“ zu Hause eine Kerze entzündet wird. Ähnlich sind bei uns die Gottesdienste zum Jahrtag. Wenn Trauer nicht stattfindet, legt sich ein dunkler Schleier auf die Seele, der …
ML:… alles Leben abtötet, vergleichbar mit einer dunklen Plane, die über eine Wiese gelegt wird. Die Grashalme darunter werden gelb und können nicht mehr wachsen. Wenn die Plane jedoch entfernt wird, kann nach einiger Zeit wieder frisches Gras wachsen. Die Trauer hat, wie du sagst, viele Gesichter. Sie hat nicht nur das Gesicht der Tränen, sondern kann sich etwa auch in Aggression, Ängsten oder in einer Verbitterung ausdrücken.
Natürlich ist zu beobachten, dass sich bei manchen Menschen auch nach langer Trauer keine neue Lebensfreude einstellen will. Wenn Trauernde den Verlust nicht akzeptieren, also einfach nicht loslassen wollen, kommt der Trauerprozess zu keinem Ende.
„Ein Jahr musst du trauern, dann musst du dich wieder freuen“ – das ist auch so etwas wie eine ermutigende Handlungsanweisung für Trauer. Auch wenn wir es uns vielleicht nicht vorstellen können: Wir werden uns wieder freuen und lachen können. Zum Schluss der vollzogenen Trauer wartet nämlich der „gelungene“ Abschied.
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