Hermann Glettler und Michael Lehofer
I DIE KUNST DES TRÖSTENS
Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen
Wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut
Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht
Es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
dass die Frucht so bunt wie die Blume sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden
und dass wir aus der Flut
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.
Hilde Domin, Bitte
HG:Ungebrochen ist der Tröstungsbedarf in unserer trostlosen Welt. Von einer Krebsdiagnose oder einer anderen Krankheit überrascht, die Arbeit verloren oder mit dem eigenen Betrieb im Überlebenskampf, aus der Heimat vertrieben oder vor Krieg und Terror geflüchtet. Unzählige Menschen suchen Trost: Mutlose, Verzweifelte, Kranke, Verfolgte, Gedemütigte, Gefangene, Schwache, Überlastete, Gescheiterte, Sterbende und um sie Trauernde. Sehnsucht nach Trost haben der Teenager mit Liebeskummer und ebenso das Ehepaar, das sich nach vielen Jahren auseinandergelebt hat. Auch die vielen, die unter Erschöpfung, Vereinsamung und dem Gefühl leiden, nichts bewirken und verändern zu können, sind trostbedürftig. Viele leben und sterben trostlos. Gleichzeitig tut sich ein riesiger Markt von Vertröstungsangeboten auf. Die Produktpalette von Gütern und Luxusartikeln, die Trost verheißen, wird immer größer. Ratgeberliteratur und Esoterikangebote boomen, und auch die Film- und Unterhaltungsindustrie profitiert vom unruhigen, nach Tröstung hungernden Menschen. Aber was unterscheidet den „echten“ Trost von seinem Gegenteil, nämlich der Vertröstung? Trost ist meist fragwürdig und in der Folge auch wirkungslos, wenn er als Trost etikettiert daherkommt. Er ist dann willkommen und ersehnt, wenn er sich wie menschliche Nähe anfühlt, wie ein wohltuender Raum, der sich nach erlittener Enge und Bedrängnis plötzlich auftut.
ML:Wenn man an ein Baby denkt, das mit hochrotem Kopf schreit und sich durch nichts beruhigen lässt, dann kann man sich vorstellen, was es bedeutet, untröstlich zu sein. Greifbar wird das intensive Bemühen der Mutter, die alles versucht, um das Kind zu beruhigen. Sie wird aus ihrer Erfahrung mit dem Kind alle Register des Tröstens ziehen, um dem Untröstlichen des Kindes entgegenzuwirken. Leider geraten Kinder manchmal derart in eine Schreitrance, dass gar nichts mehr zu helfen scheint. In solchen Fällen sind alle Beteiligten verzweifelt: die Eltern, das Kind und mitunter auch die Nachbarn oder Mitanwesenden. Noch extremer ist dies bei den sogenannten Schreibabys. Eine solche Situation kann alle an den Rand eines Nervenzusammenbruches treiben. Weder Trost noch Vertröstung helfen in so einem Fall. Eventuell das Wissen, dass es irgendwann einmal doch besser wird – weil es auch andere geschafft haben.
HG:Wirklicher Trost nimmt die Trostlosigkeit ernst. Das macht den Unterschied zur Vertröstung aus. Ein behutsames, fast gebrechliches Wort kann tröstend sein. Ein Trotzdem-Dasein, ein Trotzdem-Anrufen, auch wenn man nicht genau weiß, was man in der trostlosen Situation sagen kann. Es ist vielleicht das Beste, genau das zu sagen, was man fühlt: „Ich möchte dir so gerne etwas Tröstendes sagen, doch ich finde keine Worte dafür. Weil ich Angst hatte, etwas Falsches zu sagen, habe ich mich jetzt erst gemeldet. Bitte entschuldige! Ich denke fest an dich.“ Unsicherheit ist nichts, wofür man sich schämen muss. Sie zeigt vielmehr Respekt vor einer Situation, die neu ist. Sie zeigt den Willen, auf eine neue Situation zu antworten, und zwar nicht einfach irgendwie, sondern der Situation angemessen und diese würdigend. Es ist der erste und vielleicht schwerwiegendste Fehler, der leidenden Person aufgrund der eigenen Unbeholfenheit auszuweichen. Auch in der allgemeinen Trauerkultur lässt sich ein Wandel bemerken: Immer öfter wird die Begegnung mit Angehörigen gemieden. Die Folge ist ein schmerzliches Alleinsein in einem Moment, in dem man sehr verletzlich ist und jemanden bräuchte.
ML:Das Wichtigste beim Trösten ist zweifelsohne, einfach für den anderen da zu sein. Aber um wirklich für den tröstungsbedürftigen Nächsten da zu sein, muss man ihn entweder verstehen oder wenigstens, wie du es eben ausgeführt hast, vermitteln, dass man mit ihm die Hilflosigkeit teilt. Ein schöner Gedanke, wie mir scheint: Trost kann auch im Teilen der Hilflosigkeit liegen, in der Geschwisterlichkeit der Hilflosigkeit.
Im Beispiel mit dem schreienden Kind gehen wir davon aus, dass der Grund für seine Trostlosigkeit in einer „Frustration von Bedürfnissen“ liegt. Das Kind fühlt sich unwohl, einfach unbehaglich. Dass seine Grundbedürfnisse nicht gestillt sind, erlebt das Kind als existenzielle Bedrohung. Dementsprechend wird das Kind mit dem Schreien die Umgebung maximal alarmieren. Im Normalfall aber wird es getröstet sein, wenn es bekommt, was es verlangt. Ist das Kind einfach nur hungrig, wird mit einem Mal alles gut sein, sobald es an der Brust der Mutter trinkt. Trost tritt ein, wenn alles gut ist …
HG:… beziehungsweise wieder ins Lot gebracht wurde. Mit unterschiedlichsten Mitteln und Strategien versuchen wir, individuelle Sinndefizite auszugleichen. Der materielle Wohlstand allein hat kein nachhaltiges Trostpotenzial, da er die Seele des Menschen nicht sättigen kann. Sie braucht ein „überweltliches Brot“, wie es Eberhard Schockenhoff ausgedrückt hat. In einer Wohlstandsübersättigung tun sich eher neue Abgründe auf, neue Traurigkeiten inmitten eines manchmal fast totalitären Spaßangebotes. Selbst das raffinierteste Entertainment kann den Menschen nicht trösten, wenn es seine Seele nicht erreicht. Trost lässt sich weder kaufen, noch gibt es ihn auf Bestellung. Vertröstungen schon.
ML:Auf alle Fälle gilt: Bejahung und Nähe machen alles gut, auch wenn nichts gut ist. Sie sind ein Zaubermittel, das jedermann zur Verfügung hätte. Sicherlich ist es dabei notwendig, dass das Ja und die Nähe authentisch vermittelt werden. Eigentlich gilt das nicht nur für Kinder, sondern bleibt das ganze Leben lang gültig. Nicht selten vertrösten Eltern ihre trostbedürftigen Kinder mit Antworten, die in Wirklichkeit nur Scheinbefriedigungen sind. Ein klassisches Beispiel ist das einsame Kind, das sich nach menschlicher Nähe sehnt und stattdessen mit der x-ten Playstation, mit medialer Ablenkung oder mit Süßigkeiten abgespeist wird. Meist bräuchten sie nur etwas gemeinsame Zeit oder jemanden, um sich auszureden. Oder Zeit zum Kuscheln. Das Abgespeist-Werden hinterlässt eine tiefe Enttäuschung. Vertröstung vergrößert die Leere.
HG:Apropos Sättigung von Kindern: Ein Blick über unsere wie auch immer gesättigte Gesellschaft hinaus zeigt uns Millionen von Kindern, die an Hunger elendig zugrunde gehen oder ein Leben lang an den Folgen von Unterernährung leiden. Wer stillt denn ihren Schrei, sofern sie überhaupt noch die Kraft haben zu schreien? Zur Baby-Feed-Station am Stadtrand von Juba, der Hauptstadt des Südsudan, wurden Kinder mit aufgeblähten Bäuchen gebracht. Bilder, die sich mir bei einem Besuch mit einer Caritas-Delegation unvergesslich eingeprägt haben. Wie viel Elend schreit da zum Himmel? Eine verrückte Ungerechtigkeit, wenn ganze Volkswirtschaften dem unersättlichen Profit weniger Konzerne geopfert werden! Es geht beim Thema Trost also nicht nur um die Tröstung des Einzelnen, wie tragisch auch immer einzelne Schicksale sein mögen. Wirklicher Trost muss sich auch der globalen Wirklichkeit stellen, um nicht zur individualistischen Vertröstung der ohnehin Saturierten zu verkommen. Trost ist weitsichtig und „weltsichtig“.
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