Du bist bestimmt neugierig, wie es nach unserer Hochzeitsreise weitergegangen ist. Ich möchte dir diese schreckliche Geschichte nicht vorenthalten, sie war der reinste Horror für mich. Es wundert mich heute noch, wie ich diese furchtbare Zeit in Leoben im Gefängnis überleben konnte. Wie? Du wusstest nicht, dass ich tatsächlich im Kerker war? Ob ich dir davon erzählen möchte? … Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles noch einmal in Erinnerung bringen soll. Das wird schwer und im Moment fehlt mir fast die Kraft dazu, es dir zu erzählen. Außerdem ist es mir heute bereits zu spät geworden. Wann hast du wieder Zeit? Oh, morgen schon? … Wirklich? Also dann bis morgen, meine Liebe. Ich freue mich sehr darauf und werde mich heute ausruhen. Hier, im Hotel Imperial, um 9 Uhr, ja? Also meine liebe Freundin, bis morgen dann!
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Wartest du schon lange auf mich? Entschuldige, dass ich mich verspätet habe. Nach den vielen Erinnerungen, die sich gestern wie ein grauer Nebelschleier über meine Seele gelegt haben, ist es mir heute früh sehr schlecht gegangen. Es hat mich viel Kraft gekostet, überhaupt aufzustehen. Warum ich trotzdem gekommen bin? … Ich bin eine Kämpfernatur, auch wenn mich das ganze Leben kränkt. Kennst du das? Nein? Dann hast du es besser, ich beneide dich fast. Auf verschiedenste Art und Weise drückt mir die Verzweiflung immer wieder mein Herz zusammen. Wenn ich jedoch denke, wie sehr mich mein Franz geliebt hat, wird es langsam wieder. Und gerade aus diesem Grund bin ich da, wie du siehst. Ich möchte dir unbedingt weiter erzählen, wie stark unsere Liebe war. Obwohl ich denke, nein – heute weiß ich es mit Sicherheit, dass ich ihn mehr geliebt habe als er mich. Anscheinend muss es im Leben so sein, dass es einen gibt, der den anderen mehr liebt. Warum ich denke, dass er mich weniger geliebt hat? … Ach, mein Herzchen, vielleicht verstehst du das noch nicht! Über diese Frage brauche ich nicht lange nachzudenken. Es liegt auf der Hand. Als die ersten wirklich ernsten Probleme aufgetaucht sind, hat er mich einfach zurückgelassen. Er ist gekommen, war für mich da und ist wieder gegangen. Ein seltsamer Zug des Lebens. Denn als er weg war, dachte ich, nicht mehr weiterleben zu können. Doch gleichzeitig wurde mir bewusst, dass er immer noch da war. Meistens ist es so, dass die Zeit alles bereinigt, auf ihre eigene und einzig mögliche Art. Doch diesmal war mir klar, dass nichts mehr in Ordnung kommen würde. Ich wäre gerne gleichgültig gewesen und konnte es nicht. Heute weiß ich, was geschehen ist, und ich weiß auch, warum alles so geschehen ist. Doch davon etwas später.
Wo war ich gestern mit meinen Erzählungen stehen geblieben? Genau, die Hochzeitsreise! … Es waren wirklich wundervolle Tage in Ungarn und dann kamen die Heimfahrt und bald darauf das böse Erwachen. Kannst du bitte den Ober rufen? Ich möchte mir einen starken Kaffee und ein Glas Wasser bestellen. Danke. Also mein Liebster und ich waren wieder zurück in Mürzzuschlag. Wir wohnten noch die ersten Tage im Hotel, während ich unser Nest einrichtete. Mein Herzensmann durfte nichts sehen, es sollte eine Überraschung sein. Ach, wie ich schaffte, wie ich arbeitete, wie ich immer und immer nachsann, was ihm wohl noch eine Freude bereiten könnte, und endlich kam der große Tag, an dem ich meinen geliebten Franz im Triumph durch unser Heim führte! Wie soll ich dir dieses jauchzende Glück nur schildern – jedes Stück musterte er und bei jedem Einzelnen erinnerte er sich: „Dies haben wir dort gesehen und ich sagte dir, dass es mir gefällt. Jenes habe ich mir damals gewünscht, mein Märchen, hier ist ja alles nur für mich eingerichtet. Bei allem dachtest du nur an mich und an meine Bequemlichkeit, mein Frauerl, mein Märchen.“ So hat er mich am liebsten genannt, mein Märchen. Entschuldige, wenn mir erneut die Tränen kommen. Das geht gleich vorbei. Wir herzten und küssten uns, dann begann die Wanderung aufs Neue und als wir müde wurden und uns zum ersten Mal im eigenen Heim, im gemütlichen Schlafzimmer zu Bett legten, da stieg ein heißes, inbrünstiges … Nein, nein, nicht was du denkst! Es stieg ein inbrünstiges Dankgebet aus meinem Inneren zu Gott empor. In diesem Augenblick vergab ich all den Menschen, die sich uns in den Weg gestellt hatten, um unser Glück zu verhindern. Ernsthaft nahm ich mir vor, meiner Schwiegermutter eine gute Tochter zu sein. Wir arrangierten uns. Du kannst mir glauben, ich habe mein Versprechen gehalten! Mit wahrem Feuereifer begann ich mein Hauswesen. Mein herziger kleiner Haushalt lief bald wie ein Uhrwerk. Lach jetzt nicht, das kann man sich ruhig so vorstellen! Sämtliche Leute, die uns besuchten, waren entzückt über unser Heim, dessen Zauber sich niemand verschließen konnte. Ob ich keine Zofe hatte, willst du wissen? … Natürlich hatte ich eine Zofe, ein junges und eifriges Ding, Anuschka. Sie war sehr hübsch. Ich hatte sie von einer meiner weiten Reisen mitgebracht. Sie hat mir seinerzeit sehr leidgetan. Ihr vorheriger Dienstherr hatte sie sehr schlecht behandelt, sogar geschlagen, und da habe ich mich aus Mitleid ihrer angenommen. Sie war sehr verängstigt und ihre Stellung hat sich durch mich schnell geändert. In Mürzzuschlag war sie für mich mehr eine Freundin als eine Dienerin. Außerdem war ich sehr sparsam, erledigte das Meiste im Haushalt selbst und so konnte Anuschka sich im Hotel „Post“ ein kleines Zubrot verdienen und sich ein eigenes Zimmer neben unserer Wohnung leisten. 50 Kronen zahlte ich ihr dafür, dass sie mir zur Hand ging. Du siehst, wir lebten bescheiden. Mein Mann hatte außer seiner Dienstwohnung nur 400 Kronen monatlich Gehalt, davon musste er mindestens ein Drittel wieder ins Amt stecken, da das Pauschale viel zu gering war. Für meine gesamte Wirtschaft brauchte ich pro Monat gerade einmal 200 Kronen, trotz der teuren Verhältnisse im Semmeringgebiet. Ich musste ja in Mürzzuschlag auch alles teurer bezahlen. Später dann ließ ich mir, zum Verdruss der Mürzzuschlager Geschäftsleute, das, was ich brauchte, aus Wien schicken. In den zehn Monaten meiner Ehe habe ich mir nicht einen Heller vom Geld meines Mannes genommen. Auch besitze ich kein einziges Geschenk meines Mannes! Stell dir vor, mein Mann hatte Schulden, von denen ich erst viel später erfuhr. Sogar die Quartiersfrau seiner letzten Wohnung in Wien hier, Fräulein Gusti, schrieb diesbezüglich an mich, da sie auf mehrere Briefe an meinen Mann keine Antwort erhalten hatte. Ich bezahlte stillschweigend. Von nun an liefen täglich Mahnbriefe ein. Mein Schatz hatte an unserem Hochzeitstag gerade noch den Rest seines Gehaltes, nämlich 300 Kronen. Kannst du dir so etwas vorstellen? Ich bezahlte das Hochzeitsdiner, die Hochzeitsreise und gab einen Großteil meines Vermögens hin, um seine Schulden zu decken. Damit es nicht auffiel, brach ich einzelne Steine aus meinem wertvollen Schmuck und verkaufte sie. Dass ich anstelle der echten Steine falsche setzen ließ, geschah nur, um meinem Mann keine Demütigung zu bereiten. So sehr habe ich ihn geliebt. Hätte er mein Herzblut tropfenweise verlangt, ich hätte es ihm freudig gegeben. Verstehst du jetzt meine Worte vorhin, dass meine Liebe größer war als die seine? In Mürzzuschlag glaubten alle, dass mein Mann nur den schönen Körper liebte und meine Seele, meine Charaktereigenschaften ihm gleichgültig waren. Ich müsste lügen, wenn ich nicht zugeben würde, dass sich die ganzen Männer in Mürzzuschlag nach mir umdrehten. Wahrscheinlich konnten ihnen ihre eigenen Frauen, die mir sehr prüde schienen, nicht solche Reize bieten, wie ich sie hatte. Jedoch gehörten meine Reize lediglich meinem Franz und er liebte meine Seele, wenn auch nicht ganz bewusst. Er war eben auch nur ein Mann, der aber meinen Charakter achtete und bewunderte. Mit nicht wiederzugebendem Entzücken genoss er alles, was ich ihm zeigte und bot. So erfüllte ich ihm mit Verständnis all seine unausgesprochenen Wünsche, die ich ihm von den Augen ablas. Er hielt es kaum wenige Stunden ohne mich aus. Gewiss war seine Liebe auch eine sinnliche, nur war ihm die Sinnlichkeit nicht Hauptsache und ich versuchte Maß zu halten. Auch im intimsten ehelichen Verkehr, wenn ich dir das so sagen darf, ließen wir uns niemals gehen, alles hatte eine gewisse Weise und stets genossen wir unsere heiße, stürmische Liebe als etwas Neues, sogar Heiliges!
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