An diesem Tag war ich auch zum ersten Mal in seinem Büro. Die musterhafte Ordnung auf seinem Schreibtisch, die Wärme, mit der er von seinem Beruf sprach, alles entzückte mich. Am anderen Morgen bekam ich von ihm einen Rosenstrauß mit einem Brief, worin er mir mitteilte, dass er von der Mutter der jungen Dame seine Briefe zurückerhalten habe, ohne Begleitschreiben. Er sei nun frei und komme gegen zwölf Uhr zu mir. Er wolle ganz feierlich um meine Hand bitten. Er sei glücklich und zähle die Stunden, bis er mich als seine Braut in den Armen halten könne. Was meinst du wegen meines Vorlebens? … Denkst du, er hatte ein Problem damit? „Sprich nicht von deiner Vergangenheit, mein süßes Engelsmärchen, sie geht mich überhaupt nichts an. Du regst dich nur auf. Ich will gar nichts wissen. Was geht es mich an, was hinter dir liegt, die Zukunft gehört uns und ich liebe dich so heiß, so grenzenlos“, waren seine Worte und ich konnte nicht anders, als ihm mein Jawort zu geben. Hier kam endlich mein Glück, ich war ihm zum Leben notwendig. An seine äußere Position dachte ich dabei nicht, denn ich wusste, dass wir beide arm waren. Mit ihm an meiner Seite fürchtete ich mich vor keinem Kampf, er wollte mich schützen, er liebte mich, nur mich, meine Seele! Auf einmal war die Welt schön, auf einmal schien die Sonne in mein freudloses Dasein. Es waren die enormen Gegensätze unserer Charaktere, die uns so mächtig anzogen. Das Märchen von zwei Sternen, die sich im weiten Weltall suchten, wurde zur Wahrheit für uns. Weißt du, er war eine schwache Natur, die sich anlehnen musste; ein ewiges Hin- und Herschwanken, ein unfertiger Charakter, dem die „Freistelle“ auf der Theresianischen Akademie den Stempel aufgedrückt hatte. Der von dem Augenblick an, in dem er selbstständig denken konnte, von seinen Eltern nur mit dem Ausblick auf eine steile Karriere gefüttert worden war. Er lernte nie die Stürme des Lebens kennen, andere ebneten ihm die Wege, kampflos fiel ihm alles in den Schoß, ein Kindergemüt steckte in der entzückenden Hülle! Die Jagd nach der reichen Frau hatte ihn müde gemacht. Wo er Geld gefunden hatte, fehlte die Zuneigung, und die Mama erlaubte doch nur eine sehr reiche Heirat. Denn Geld brauchte man: Erstens, um Karriere zu machen, in Österreich noch viel mehr als anderswo, aber auch die Familie brauchte Geld, die Schulden lasteten auf all ihren Mitgliedern.
Nun aber fand mein Franz in mir den starken Charakter, an den er sich anlehnen konnte, er fand eine Frau, die nicht nur die Geliebte des Mannes sein wollte, sondern auch sein bester und treuester Kamerad. Eine Frau, die ganz anders war als die jungen Damen, die er in den Salons kennengelernt hatte. Einen fertigen, festen und selbstbewussten Charakter, ein Wesen, das sich Schätze angeeignet hatte, die nicht dem ewig sich drehenden Rad Fortunas unterworfen sind. Er kannte nichts sonst, als seine Amtsgeschäfte gut zu verrichten. Selbst die Klassiker waren ihm fremd. Seine ganze Widmung bestand darin, ein eleganter Mann mit guten Manieren zu sein. Sein Herz aber war von Gold und seine Liebe brachte mir den Himmel auf Erden.
Es kamen herrliche Tage voll heimlichen Glückes! Nachdem wir uns verlobt hatten, fuhren wir nach Graz zum Notar und machten jeder unser Testament und einen Ehekontrakt. In diesem gab ich natürlich an, dass ich kein Vermögen habe. Später schrieb mein Mann einen Brief an meinen Anwalt, Herrn Doktor Kner, nach Trier, in welchem er ihn bat, die Scheidung voranzutreiben, da ich in elenden finanziellen Verhältnissen lebe! Und da behaupten die Menschen noch immer das Gegenteil! Vor Jahren sagte man mir, eine hohe Persönlichkeit des obersten Gerichtshofes habe sich dahingehend geäußert, dass ich meinem Manne angeblich einen enormen Reichtum vorgeschwindelt habe!
Au contraire! Ich hatte den Heldenmut und zwang meinen Verlobten mein ganzes Leben anzuhören. Seine eigenen Briefe geben Zeugnis davon, dass er alles gewusst hat und mich nur umso inniger liebte. In meinem Glückstaumel dachte ich gar nicht an die Klatschbasen männlichen und weiblichen Geschlechts in diesem Nest. Ich lachte, wenn Franz mich davor warnte, in Reichweite der Mürzzuschlager Megären zu kommen. Mein Empfinden, meine Gedanken, mein Leben waren so rein, dass ich nicht einmal den Schein zu wahren trachtete. Die Leute waren ja auch alle so liebenswürdig zu mir und ich kannte diese erbärmliche Sorte Menschen noch nicht. Trotz meiner Welt- und Menschenkenntnis nahm ich das falsche Getue für bare Münze. Alles Schreckliche hatte ich verdrängt und lebte schlichtweg in der seligen Gegenwart meines jungen glücklichen Brautstandes. Bekanntlich sieht man in dieser Stimmung alles im rosigsten Lichte. Ist es dir noch nie so ergangen? Nein? Oh du Glückliche, kann ich nur sagen! Da ist dir im Leben viel erspart geblieben! Was? … Dann höre mir gut zu, wie sich alles entwickelt hat in Mürzzuschlag. Täglich kamen anonyme Briefe des gemeinsten Inhaltes. Diese Briefe charakterisierten die Gesinnung der Mürzzuschlager.
Franz aber teilte seinen Eltern und seinem Bruder unsere Verlobung mit und bat um ihren Besuch. Seine Familie leistete der Einladung Folge und kam am 26. Juni vollzählig nach Mürzzuschlag. Die Mutter, eine furchtbar hässliche Frau mit einem unförmigen, dicken Leib, einem hageren, von roten Flecken entstellten Gesicht, sah aus, als ob sie in einen sauren Apfel gebissen hätte. Der Vater ist Kavalier, der Bruder ein nichtssagender Mann; seine Frau erinnert lebhaft an den Martinsbraten – oder wie nennt man die weißen Vögel vom Kapitol? Die ersten Worte, welche seine Mutter an mich richtete, waren: „Meine Gute, mein Sohn besitzt gar nichts, kein Vermögen!“ Bleich vor Entsetzen über diese Taktlosigkeit erwiderte ich: „Oh Madame, das macht doch überhaupt nichts aus!“ Bei Tisch zankte sich die ganze Familie und Franz wurde immer nervöser und sagte seiner Mutter unglaubliche Grobheiten; einzig die junge Frau seines Bruders fühlte das Ungemütliche der Situation nicht, weil das Essen sie zu sehr in Anspruch nahm. Herzlich froh war ich, als die Herrschaften wieder abreisten. Diese „Familie“ war der erste Wermutstropfen im Becher meines Glückes. Ich wurde mit Briefen seiner Mutter überschüttet. Was wollte sie nicht alles wissen! Wo mein Geld lag, wie viel es sei, wie es angelegt sei, ob es auf Franz’ Namen geschrieben werden würde. Ich antwortete kühl und höflich, dass mein Bräutigam über meine Verhältnisse genau unterrichtet sei.
Unsere Brautzeit wurde durch die Quälereien seiner Mutter und durch die anonymen Briefe der Ortsbewohner getrübt. Von allen Seiten legte uns der ach so moralisch denkende Pöbel nahe, wir sollten endlich diesem unhaltbaren Zustand, unverheiratet zusammenzuleben, ein Ende bereiten. Mein Schatz war furchtbar nervös, wir litten grenzenlos, unsere Liebe aber wuchs von Tag zu Tag. Sie wurde durch diese Widerwärtigkeit nur intensiver. Franz weinte, als ich vom Fortgehen sprach und in Anwesenheit seines Vaters bat ich ihn aufrichtig, mich ziehen zu lassen. Seine Mutter hatte ihren Mann nach Mürzzuschlag geschickt, um Franz heimlich zu sagen, wie es um meine Vergangenheit stehe. Merkwürdig, wenn ich jetzt so darüber nachdenke: Immer, wenn der Vater nach Mürzzuschlag kam, zitterte ich. Er brachte nur Unglück. Noch am selben Tag reiste ich nach Wien, damit mein Franz einen klaren Kopf bekommen konnte. Ich wollte den ganzen Intrigen, die seine Mutter ständig spann, entfliehen. Mein Liebling war jedoch zu schwach, um seinen Eltern Paroli bieten zu können. Ich sage dir: Schwache Menschen sind das Produkt ihrer Umgebung. Sie selbst kann man dafür nicht verantwortlich machen. Und du irrst dich, wenn du glaubst, ich hätte meinen Franz vor die Alternative gestellt: „Entweder du heiratest mich, oder ich bleibe in Wien!“, so wie es mir angedichtet wurde. Franz war es, der mir geschrieben hat: „Ich erschieße mich im selben Augenblick, in dem du sagst, dass du für immer gehst!“
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