Ich war kaum siebzehn Jahre alt, als ich Herrn Kunz in Berlin heiratete. Einen sehr gut aussehenden, stattlichen Mann. Ich wusste nichts vom Leben, nicht einmal einen Ball hatte ich bis dato besucht; meine Mutter führte ein einsames Dasein, nachdem ihr einziger Sohn im Duell gefallen war. Niemand kam in unser Haus. Ich war von Kindheit an von einem glühenden Wissensdurst beseelt und meine kluge, hochintelligente Mutter half mir, diesen zu befriedigen. Dann heiratete ich diesen Agenten, hatte eine entzückende Wohnung – aber keinen richtigen Mann. Ich war zu unerfahren, um das zu verstehen, wunderte mich aber, dass der Herr die wunderschönsten Stickereien anfertigte und mir ständig die Haare machen wollte. Er hatte in seiner ganzen Art etwas Weibliches und war mir also kein Ehemann. Ich wartete wohl auf etwas, gab mich jedoch mit der Zeit auch ohne dieses Etwas zufrieden. Schon nach wenigen Tagen unserer Ehe, wenn man dieses Zusammensein so nennen kann, blieb mein Mann Tage und Nächte aus, ohne dass ich wusste, wo er sich befand. Er verreiste für lange Zeit, ohne mir auch nur einen einzigen Brief zu schreiben, ohne dass ich seinen Aufenthaltsort kannte. Eines schönen Tages erfuhr ich das Schreckliche. Er war ein Säufer, ein Spieler, hatte Wechsel gefälscht, Unterschlagungen gemacht und sollte verhaftet werden. Du kannst dir wohl vorstellen, was ich durchmachte. Es brauchte übermenschliche Kraft, all das zu verstehen. In meiner Gutgläubigkeit gab ich ihm alles, was ich besaß, und verhalf ihm zu seiner Flucht nach Amerika, deckte mit dem Letzten seine Schulden und Fälschungen – er versprach mir, im Gegenzug dafür ein neues Leben anzufangen. Sobald alles in geordneten Bahnen verlaufe, so seine Worte, werde er mich nach Amerika nachholen. Vielleicht hätte ich nicht so gelitten, wenn ich ihn gleich losgelassen hätte. Doch ich wartete und wartete auf seine Nachricht, bis ich einsehen musste, dass er mich betrogen hatte. Was weiter aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Erst bei meiner Verhandlung in Leoben vernahm ich, dass er gestorben sei.
Ich mietete mir dann damals ein kleines Zimmer und fristete mithilfe kunstvoller Handarbeit mein Leben, bis ich als Gesellschafterin einer Dame eine Stellung fand. Bei dieser Dame zu Hause war alles ein wenig anders als seinerzeit bei uns. Sie wohnte in einer großen Mietvilla mit einem weitläufigen Garten und hatte im Gegensatz zu uns auch Bedienstete. Alles war fein, gesittet und geregelt. Ich war erstaunt, wie unbeschwert diese Dame ihr Leben führen durfte. Du musst wissen, mich hat meine Mutter nach dem Grundsatz erzogen, dass das Leben mit einem ständigen Existenzkampf verbunden ist. Dort sah ich zum ersten Mal, dass es auch anders sein konnte, und in diesem Hause lernte ich den Freiherrn von Lützow kennen. Er war ein Offizier und noch dazu adelig und er versprach mir seine Liebe. Im Gegensatz zu meinem ersten Mann war er sehr männlich, zudem äußerst gebildet und konsequent. Mag sein, dass er vom Aussehen her nicht ganz meinem Typ entsprach, aber er konnte mit Worten umgehen – auf eine eigene, beruhigende Art, die mich faszinierte. Ich glaubte an seine Liebe, er schilderte mir das Leben an seiner Seite in den prächtigsten Farben. Freiherr von Lützow war zudem ein stattlicher Offizier und sein Auftreten und sein Verhalten mir gegenüber gefielen mir von Tag zu Tag besser. Als er mir dann einen Antrag machte, verdrängte ich die Scheidung von meinem ersten Mann, die mir bis dahin psychisch schwer zu schaffen gemacht hatte, und sagte „Ja“. Es war in Helgoland, er blickte mich so offenherzig an, dass ich nicht anders konnte. Die erste Zeit war voller Leidenschaft, er verehrte mich, als erfülle er eine heilige Pflicht. Jedenfalls lebte ich mit diesem Mann so lange glücklich zusammen, bis er seine Stellung aus Gründen, die er mir partout nicht verraten wollte, verlor. Er bat mich um meine gesamte Mitgift, denn ich hatte in der Zwischenzeit eine ziemlich bedeutende Erbschaft gemacht. Er bemühte sich auch um eine neue Anstellung. Wer die deutschen Verhältnisse kennt, weiß, wie schwer es für einen ehemaligen Offizier ist, Broterwerb zu finden. Bald traten denn auch existenzielle Sorgen an uns heran. Ich nahm meine kunstvollen Handarbeiten wieder auf und ernährte uns beide mehr schlecht als recht, bis ich ihm bei einem mir sehr gut bekannten Russen eine vorzügliche Stellung vermitteln konnte. Wir lebten friedlich zusammen, ich erfüllte meine Pflicht als Hausfrau, studierte auch eifrig und füllte mir mit diesen mannigfachen Studien mein Dasein aus. Als ich später dann wahrhaben musste, dass mein Mann eine gemeine Rolle spielte, seinen Brotgeber bei der politischen Polizei verriet, sich von dieser bezahlen ließ, mich auch noch mit einer Dirne betrog, da ließ ich mich von ihm scheiden. „Du bist total verrückt“, dachte ich. Mir war ganz seltsam zumute, denn ich wurde innerhalb kürzester Zeit ein zweites Mal geschieden. Bist du entsetzt? Meine Geschichte ist nun halt einmal kein schönes Märchen. Glaub mir, ich konnte nicht anders, sonst hätte ich das alles nicht überstanden. Ich war gezwungen, den Mann zu verlassen, dem ich einst vertraut hatte. Um Gutes zu tun, übte ich den Beruf einer Krankenpflegerin aus. Ein Freund meiner Eltern gab mir die Mittel und ich machte eine Reise durch Frankreich, Italien, Sizilien und Nordafrika. In dieser Zeit war ich zum ersten Mal in meinem Leben rundum glücklich. Ich fing an zu sehen, mein Horizont erweiterte sich und ich lernte das Leben und die Menschen kennen. Bei meiner Arbeit als Krankenpflegerin traf ich meinen dritten Ehemann, Herrn von Schewe. Es dünkte mich eine erhabene Aufgabe, den kranken Mann zu pflegen, ihm sein Leben ein wenig leichter zu gestalten, ihm ein Heim geben zu können. Seine schüchterne, tiefe Liebe rührte so gewaltig an mein Herz. Du verstehst mich? Was konnte mir das Leben noch bieten? An Glück glaubte ich nicht mehr recht. Aber als der arme, kranke Mann so eindringlich flehte: „Ach Schwester, ob Sie nun einen pflegen oder viele, ist doch gleich. Ich liebe Sie so grenzenlos, heiraten Sie mich!“, da konnte ich nicht nein sagen. Es war ja eine schier unerschöpfliche Menschenliebe in mir, ich wollte so leidenschaftlich gern einen Lebenszweck haben, ein nützliches Glied in der menschlichen Gesellschaft sein! So gab ich wiederum mein Jawort, brachte den Kranken nach Neapel, wo wir in aller Stille getraut wurden. Es war eine schwere Bürde, die ich trug. Mein Mann hatte mir verschwiegen, dass er schon mehrmals in Heilanstalten gewesen war. Zeitweise war er unfähig, sich zu bewegen; er war ein verschlossener, finsterer Charakter und entsetzlich nervös.
Wir zogen aufs Land. In einem Anfall geistiger Umnachtung warf mich mein Mann einmal sogar aus dem Fenster! Er kam in eine Anstalt und ich ging wieder hinaus in die weite Welt, machte viele Reisen, wusste nicht, was ich mit meinem Leben noch anfangen sollte, irrte umher. Ich sehnte mich nach Glück und Geborgenheit. Vor allem nach einer Heimat. Die Einsamkeit wurde auch von meinen Studien nicht ausgefüllt, eine so temperamentvolle Frau wie ich sehnt sich nach dem Leben und seinen Freuden! Von einer Reise durch Indien zurückgekommen, machte ich in Mentone Zwischenstation. Es war Januar und der Winter in Deutschland, dem Ziel meiner Reise, zu kalt. In Mentone wurde ich mit Herrn Meurin bekannt. Die Frauen nannten ihn einen „schönen Mann“, ich aber konnte diesem verlebten Gesicht mit der gelben, schlaffen Haut nichts abgewinnen. Der unstete Blick seiner grünlich schillernden Augen war mir oft unsympathisch. Er verstand jedoch klug und anregend zu plaudern, und seine geistsprühenden Briefe nahmen mich ganz gefangen. Ich sagte mir, wenn mich Zweifel peinigten: Ein Mann, der mit so reiner, kindlicher Liebe an seinen Eltern hängt, kann nur gut sein. Ach! Alles Lug und Trug, der ganze Mann war eine einzige große Lüge. Hätte ich auf all die Warnungen gehört, wie viel Unglück wäre mir erspart geblieben! Er sagte mir, er sei Plantagenbesitzer, Afrikaforscher, am auswärtigen Amte angestellt und mehr. Später erfuhr ich, dass er ein stellungsloser Kommis sei, nur Schulden und recht böse Sachen auf dem Gewissen habe. Ich weiß nicht, wie ich dazu kam, ihm mein Jawort zu geben, es war an einem märchenschönen Abend. Du musst wissen: Die herrliche Natur wirkt sehr auf mein Gemüt! Ich war so grenzenlos allein, er erzählte mir von seinem Elternhause, von seinen Geschwistern. Mir war so weh ums Herz. Heiße Sehnsucht nach dem Frieden dieses weinumrankten Hauses an der grünen Mosel überkam mich! Ach! Endlich einen Platz zum Ausruhen, endlich Liebe, Ruhe und Frieden! Unser Bund sollte etwas Besonderes sein, wir schlossen ihn in London. Wer könnte meine Handlungsweise nicht verstehen?
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