1 ...6 7 8 10 11 12 ...19 Manchmal spiegelt posttraumatischer Stress aber auch ganz direkt externe traumatische Lebensumstände. Menschen, die Unterdrückung erfahren, leben oft nicht in Sicherheit, und ihre Angst ist wohlbegründet. So haben sie oft keine Chance, mit dem Trauma abzuschließen – wie zum Beispiel bei Trauma, das aus rassistischer Gewalt resultiert oder wenn man unter einer Militärbesatzung leben muss. Und in wieder anderen Umständen waren wir einem einzelnen traumatischen Ereignis ausgesetzt und registrieren nicht, dass es vorbei ist. Symptome wie Albträume, Dissoziation und Entfremdung prägen unser Leben. Wie Brock Turners Opfer bei der Gerichtsverhandlung rekapitulierte: „Ich kann nachts nicht alleine schlafen, ohne ein Licht anzuhaben, wie eine Fünfjährige, weil ich Albträume habe … Drei Monate lang bin ich erst um sechs Uhr morgens ins Bett gegangen.“
Die Symptome von posttraumatischem Stress treten oft nicht unmittelbar zutage und sind dann entsprechend schwierig zu identifizieren oder zu artikulieren. In RJs Klassenzimmer wusste der Achtsamkeitslehrer nicht, dass RJ seine Schwester verloren hatte und was für eine Herausforderung die Meditation für ihn bedeutete. Wie viele andere Betroffene quälte RJ sich allein mit seinen Symptomen. Das Resultat ist, dass viele Traumaüberlebende bei der Bewältigung ihres Alltags zu Anstrengungen gezwungen sind, die Außenstehende gar nicht erkennen. Sie leiden kaum vorstellbare Qualen, ohne dass andere etwas davon mitbekommen. In Kapitel 5 werde ich Ihnen eine Liste zur Verfügung stellen, die dazu dient, potenzielle Anzeichen traumatischer Symptome im Kontext der Meditation zu erkennen. Im Moment möchte ich jedoch die weitreichenden Belastungen in den Vordergrund stellen, die posttraumatischer Stress den Betroffenen, ihren Familien und oft auch größeren Gemeinschaften auferlegt. Die DSM-5-Definition erinnert uns daran, dass posttraumatischer Stress auch von Menschen erlebt werden kann, die „nur“ Zeuge eines traumatischen Ereignisses geworden sind. Ein Jahr nach Freddie Grays tödlich endender Verhaftung durch die Polizei von Baltimore wurde Kevin Moore, ein Passant, der den Vorfall gefilmt hatte, von einem Journalisten interviewt. „Jede Nacht höre ich die Schreie“, erzählt Moore, und er gibt die letzten Worte Grays wieder: „‚Ich kann nicht atmen, ich brauche Hilfe, ich muss medizinisch versorgt werden’, das ist der Scheiß, der sich wieder und wieder in meinem Kopf abspielt.“ 29Wenn wir erfahren, dass ein traumatisches Erlebnis einer uns nahestehenden Person widerfahren ist, kann es geschehen, dass solche Traumasymptome ihre zerstörerische Wirkung über die eigentlich betroffene Person hinaus entfalten.
Wie die afro-amerikanische Psychologin Monica Williams (2015) über Trauma aufgrund von Rassismus schrieb: „Wir werden fortwährend daran erinnert, dass ethnisch bedingte Gefahren immer und überall auf jeden von uns lauern können. Es kann sein, dass wir Berichte in den Abendnachrichten sehen, in denen unbewaffnete Afro-Amerikaner in den Straßen, in Verwahrungszellen oder sogar in der Kirche getötet werden. … Über Jahrhunderte hinweg hat die Gemeinschaft der Schwarzen ein kulturelles Wissen über diese Art schrecklicher Vorkommnisse entwickelt, was uns wiederum für Traumatisierungen prädestiniert, wenn wir von einer erneuten Gewalttat dieser Art hören.“
In manchen Fällen entwickelt sich posttraumatischer Stress in eine PTBS weiter, eine Diagnose, die sich auf eine bestimmte Ansammlung von Symptomen bezieht und mindestens einen Monat über den Zeitpunkt des traumatischen Erlebnisses hinaus anhält. 30Dies beinhaltet fortlaufendes Wiedererleben des traumatischen Vorfalls (oder der Vorfälle), das Meiden von Triggern, die Erinnerungen hervorrufen können, das Erleben negativer Zustände und Stimmungen (zum Beispiel Anspannung und Reizbarkeit), Probleme mit Erregungszuständen (Hypervigilanz, Konzentrations- und Schlafprobleme). Studien schätzen, dass ca. acht bis 20 Prozent der Traumaüberlebenden PTBS entwickeln 31, obwohl Menschen an PTBS-Symptomen leiden können, ohne die Kriterien für PTBS zu erfüllen. „PTBS ist eine gesamtkörperliche Tragödie“, schrieb die Sozialarbeiterin Susan Pease Banitt, „ein einschneidendes menschliches Ereignis größten Ausmaßes mit schwerwiegenden Auswirkungen“. (2012, S. xix)
Beim Entwickeln traumasensitiver Achtsamkeit ist es daher nützlich, sich der Abstufungen innerhalb des Traumaspektrums bewusst zu sein – von Stress über traumatischen und posttraumatischen Stress bis hin zu PTBS. Aber für die meisten von uns wird die Aufgabe nicht darin bestehen, Diagnosen zu stellen. Stattdessen wird sie sich primär in den vier Bereichen bewegen, die ich in der Einleitung beschrieben habe: Die allgegenwärtigen Auswirkungen von Trauma wahrnehmen. Die Symptome erkennen. Angemessen auf diese Symptome reagieren. All dies in der Absicht, Retraumatisierung zu verhindern. Unser Augenmerk liegt nicht darauf, ob die Erfahrungen einer Person mit der DSM-5-Definition übereinstimmt. Traumasensitive Achtsamkeit befasst sich in dieser Hinsicht viel eher mit den übergreifenden seelischen Auswirkungen traumatischer Vorkommnisse, die PTBS beinhalten, sich aber nicht darauf beschränken. 32
DAS KONZEPT DER INTEGRATION
Vielleicht fragen Sie sich: Wie ist es mit anderen Formen von intensivem Stress? Wie sieht es etwa mit emotionalem Missbrauch oder Hate Speech aus? Werden sie als traumatisch betrachtet? 33
Diese Fragen bringen uns zur Integration, einem zentralen Konzept für das Verständnis von Trauma. Während die meisten von uns eine natürliche Neugier darauf verspüren werden, was ein traumatisches Erlebnis eigentlich beinhaltet, können wir Trauma präziser definieren, wenn man sich die individuelle Reaktion genauer ansieht – genauer gesagt, ob der/die Betroffene die Erfahrung integrieren konnte oder nicht. Wie Pat Ogden in ihrem Buch Sensorimotor Psychotherapy: Interventions for Trauma and Attachment schreibt: „Trauma bezieht sich auf jede gefährliche, überfordernde Erfahrung, die wir nicht integrieren können. … Nach einer solchen Erfahrung finden wir uns oft mit einem verminderten Sicherheitsgefühl im Umgang mit anderen und in der Welt wieder und dem Gefühl, in unserer eigenen Haut nicht sicher zu sein.“ (2015, S. 66)
Ein Eintopf ist ein einfaches Beispiel für Integration. Wenn wir eine Reihe verschiedener Zutaten zurechtschneiden – Gemüse, Huhn, Kräuter –, und diese zur Brühe hinzugeben, verbinden sie sich zu einem harmonischen Ganzen. Eine technischere Definition bietet Daniel Siegel, Professor für Psychiatrie an der University of California in Los Angeles (UCLA), der über die Neurologie von Achtsamkeit und Trauma geschrieben hat. Siegel beschreibt Integration als „die differenzierten Elemente eines Systems“. (2011, S. 64) 34Um die Eintopf-Metapher wieder aufzugreifen: die differenzierten Elemente sind die verschiedenen Zutaten, die in dem größeren System verbunden werden – in diesem Fall dem Eintopf.
Integration geschieht in einer Vielzahl von Systemen. In unserem Körper passiert sie, wenn unsere linke und rechte Gehirnhälfte kommunizieren oder Parallelen zwischen Gedanken und körperlichen Sinneswahrnehmungen gezogen werden.
In Beziehungen geschieht Integration, wenn wir an einem Gespräch teilnehmen und dabei mit uns selbst verbunden bleiben, während wir uns auf unser Gegenüber einstellen. In einem größeren System, wie zum Beispiel dem Gesundheitssystem, werden die medizinischen Fähigkeiten der darin Tätigen und eine Vielzahl verschiedenster Technologien integriert, um dem Patienten die bestmögliche Versorgung zu bieten. Integration erfolgt in großen und in kleinen Systemen.
Posttraumatischer Stress jedoch schafft . Des integration. Gedanken, Erinnerungen und Emotionen werden von unseren Erlebnissen abgetrennt oder fluten kontinuierlich unser Bewusstseinsfeld. Es kann passieren, dass wir uns außer Balance oder unfähig fühlen, unseren Sinnen zu vertrauen. Unser Körper reagiert mit Alarmbereitschaft, obwohl die Menschen in unserer Nähe uns zu beruhigen versuchen. Die Verbindung von Geist und Körper ist beeinträchtigt – manchmal sogar durchtrennt.
Читать дальше