In allen seinen Lehren bezog sich der Buddha auf diese drei Tendenzen und benutzte dabei Wörter seiner eigenen Sprache: lobha, dosa und moha. Diese werden normalerweise übersetzt als „Gier“, „Hass“ und „Verblendung“.
Was denkt ihr, Kalamer? Wenn Gier, Hass und Verblendung in einem Menschen aufsteigen, gereicht ihm das zum Wohlergehen oder zum Schaden? 18
Dies sind keine zufälligen Eigenschaften. Im Gegenteil, dies Ziehen, Schieben und nebulöse Nichtbeachten sind fundamentale Wurzeln des Denkens, so fundamental wie Plus, Minus und Null in der Mathematik. Ihre entsprechenden Gegenstücke – heilsame Wurzeln – sind Nicht-Gier, Nicht-Hass und Nicht-Verblendung. Gedanken haben je nach der Wurzel, aus der sie hervorgehen, spezifische Qualitäten und vorhersehbare Resultate. Wenn die Wurzel unheilsam ist, bringen uns die ihr entwachsenden Gedanken und Handlungen Leiden.
Der Dinge an sich ziehende Geist von lobha blüht zu Gier und Lust auf. Er kann aus dem Hunger nach Lustgewinn entstehen. Wir wollen etwas Angenehmes schmecken, ein gieriger Gedanke entsteht und wir holen uns den Schokoriegel; wir wollen ein angenehmes Streicheln, ein lustbetonter Gedanke entsteht, und wir strecken die Hand aus nach dem Menschen, der es uns vielleicht liefert; wir sehnen uns nach sozialer Anregung, Gedanken kommen auf, Strategien zur Befriedigung dieser Sehnsucht zu entwerfen, und wir rufen einen Freund an oder überlegen uns, wie wir es anstellen könnten, zu dieser oder jener Party eingeladen zu werden. Der Geist, wie ein Affe nach allem greifend, arbeitet hart. Die Gedanken wurzeln in einem An-sich-Ziehen und Festhalten; sie sind die Pfähle eines Zaunes, die in ihrer Gesamtheit uns gefangen halten.
Der Hunger nach Dasein und die mit ihm verbundene Angst vor dem Nicht-Sein können auch zwischenmenschliche Gier entstehen lassen. Der Drang, gesehen zu werden, führt oft zu einem Taktieren, wie wir sichtbar werden könnten. Wir gieren vielleicht nach Bekanntheit und schmieden Pläne, wie wir sie realisieren könnten. Jeder kleine Gedanke in einem solchen taktierenden Denken hat die Qualität, etwas an sich zu ziehen und an der erwünschten Sichtbarkeit festzuhalten. Solch ein Denken sammelt gierig soziale Möglichkeiten – Freunde, Bekannte, Mitgliedschaften, Gesprächsthemen, Witze, Belanglosigkeiten aus dem Sport oder den Medien – und benutzt sie, um die eigene Prominenz auszustaffieren. Solch ein Denken kann sehr subtil sein, und das An-sich-Ziehen von Bestätigung kann sehr klug mit echten intellektuellen oder altruistischen Interessen gemischt sein. Aber die Anspannung der Gier erzeugt immer noch Leiden.
Der Hunger nach Nicht-Sein erzeugt Gier, wenn wir die Ablenkungen und Süchte an uns ziehen, in denen wir uns verstecken. Je nach Versteck sind die Strategien unterschiedlich. In einem Moment zeigt sich vielleicht eine Gier nach Alkohol, im nächsten nach einer einsamen Hütte. In einem anderen Moment wiederum sind unsere Gedanken vielleicht davon besessen, den Menschen, mit dem wir eine sichere Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit geschaffen haben, an uns zu ziehen und festzuhalten.
Jeder Hunger kann auch genauso gut Aversionen anheizen. Der Hunger nach Lustgewinn bringt den Drang mit sich, Schmerz zu vermeiden und die Quellen des Lustgewinns zu erhalten; Aversion (Pâli: dosa) entsteht, wenn uns jemand dabei in die Quere kommt. Wenn zum Beispiel jemand beabsichtigt, sich zwischen uns und unseren Ehepartner zu drängen, verspüren wir vielleicht Zorn und verbreiten böse Gerüchte über den/die Betreffende(n). Die zornigen Worte wurzeln in dem Moment, wenn wir sie aussprechen, in Aversion, auch wenn die Momente unmittelbar davor von dem Wunsch getrieben waren, die Freude an unserem Ehepartner zu genießen. Oder wir verspüren vielleicht Hass auf jemanden, der uns Schmerz bereitet hat, indem er uns geschlagen oder etwas gestohlen hat. Während wir den Zorn fühlen, leiden wir. Wenn wir mit Gewalt zurückschlagen, erhöhen wir unseren Schmerz und weiten das Leiden auf andere aus. Diesen Aversionen liegt der Hunger nach Lustgewinn zugrunde.
Der Hunger nach Da-Sein kann ebenfalls hinter der Aversion stecken. Wenn wir es darauf anlegen, gesehen zu werden und jemand unsere Pläne durchkreuzt, kommt höchstwahrscheinlich Aversion auf. Wenn ich mir vorgenommen habe, dem Chef eine gute Nachricht persönlich mitzuteilen, aber ein Kollege mir zuvorkommt, bleibt mein Hunger nach Anerkennung unbefriedigt, und die Energie dieser Frustration nährt meinen Zorn. Oder vielleicht werde ich aufgrund meiner Hautfarbe oder Religion ignoriert oder sogar öffentlich gedemütigt. Mein Drang nach Existenz bleibt ein Leben lang unerfüllt und Aversion entsteht. Gedanken voller Aversion entstehen und wiederholen sich im Denken, und Zorn und Wut entwickeln sich in vollem Ausmaß. Entsprechend meiner Konditionierung und den äußeren Umständen ist die Natur der Aversions-Reaktion krass oder subtil – aber subtile Abneigung und regelrechter Hass haben dieselbe Wurzel, und beide führen geradewegs zu Leiden.
Der Hunger nach Nicht-Sein, nach Flucht, ist natürlich fruchtbarer Boden für das Entstehen von Aversion. Wir suchen die scheinbare Sicherheit der Unsichtbarkeit und fühlen uns zurückgestoßen oder sind sogar wütend auf die, die uns sehen; jeder, der in unser Versteck eindringen sollte, bekäme unsere Aversion zu spüren. Gedanken, die in Aversion wurzeln, ziehen oft zorniges Sprechen nach sich. Ein junger Mann möchte sich hinter seinem Zorn oder seiner Scham verstecken, während seine Freundin ihm nahe sein will und möchte, dass er ein wenig aus sich herausgeht. Er schnauzt sie an. Der Hunger nach Flucht kann selbst auf einer Abneigung gegen Menschen oder gegen die Gesellschaft allgemein beruhen. Vielleicht suchen wir die Abstumpfung durch Drogen; wenn jemand unserer toxischen Strategie in die Quere kommt, entsteht Aversion. Vielleicht haben wir in der Schule oder bei der Arbeit einen sicheren Container geschaffen – einen Weg, uns zu verstecken, uns anzupassen, unsichtbar zu sein. Wenn wir gezwungen werden, im Unterricht oder bei einer Besprechung etwas zu sagen, zerbricht unsere Welt, und Aversion kommt auf.
Verblendung (moha) unterscheidet sich ein wenig vom An-sich-Ziehen und der Aversion. Sie wird nicht so direkt von unseren tiefsitzenden Hungergefühlen stimuliert oder gespeist. Vielmehr halten die Hungergefühle indirekt die Wurzel der Verblendung und die Gedanken, die aus dieser Wurzel entstehen, am Leben. Wenn wir zum Beispiel auf der Jagd nach einem attraktiven Partner sind, interessiert uns wahrscheinlich niemand, den wir nicht attraktiv finden oder der nicht das richtige Alter oder Geschlecht hat. Wenn wir die Mächtigen beeindrucken wollen, kommen Leute mit wenig Macht in unserem Drama nicht vor. Die unseren Hunger nicht bedienen, existieren nicht für uns; wir sind nicht zugänglich für sie. Man könnte meinen, ohne jemanden oder etwas, der oder das eine Anziehungs- oder Abstoßungsreaktion provoziert, würde Friede einkehren. Aber unsere tiefsitzenden Hungergefühle sind immer noch aktiv. Der Druck der Strömung besteht weiter. Der Geist ruht nicht friedlich, sondern bleibt angespannt, ist aber in diesem Moment des zwischenmenschlichen Kontakts stumpf und gleichgültig. Die Gedanken, die aus der Verblendung aufsteigen, sind unklar und automatisch, getragen vom Auf und Ab alter Wünsche und Ängste. Die Worte und Taten, die aus dem verblendeten Denken hervorgehen, verewigen die alten Muster der Abstumpfung. Das Leiden bleibt bestehen.
Wann immer wir mit anderen Menschen im Kontakt sind oder auch nur an sie denken, können in unserem Beziehungsleben Gier, Hass und Verblendung am Werk sein. Wir ziehen Menschen zu uns heran, schieben sie weg und ignorieren die, die uns nicht anregen oder unsere Bedürfnisse erfüllen. Es ist nicht anders als das Herziehen, Wegschieben und Nichtbeachten, das unseren Umgang mit unbelebten Objekten ausmacht. In einem Moment zieht der Geist etwas heran, und sprunghaft schiebt er im nächsten etwas weg, so wie die tiefsitzenden Hungergefühle in unserem Herzen gerade hin- und her manövrieren.
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