Getrenntheit bezeichnet das Gefühl von einem Selbst, das von anderen Wesen verschieden ist. Unterschiedlichkeit bezeichnet die spezifischen Unterscheidungsmerkmale jeweiliger Individuen sowie die Identifikation mit diesen Unterschieden. Getrenntheit und Unterschiedlichkeit sind beides konstruierte Sichtweisen, wobei Getrenntheit die fundamentalere ist.
Das Gefühl eines separaten Selbst hat seine Wurzeln in der grundlegenden Aufteilung der Erfahrung in ein Selbst und das, was das Selbst erlebt. Beim Sehen erschaffen wir sofort die Erfahrung „ich sehe.“ Diese Empfindung ist Teil der Wahrnehmung „ich sehe diesen Gegenstand “; der Moment wird gebildet aus dem Subjekt und dem Objekt, dem Seher und dem Gesehenen. Werden Empfindungen in der Hand bewusst, ist da das Gefühl „meine Hand“. Wenn die Hand etwas berührt, ist da die Erfahrung „ich fühle.“ Wenn wir den Gegenstand oder seine Beschaffenheit identifizieren, vervollständigen wir den Satz zu: „Ich fühle etwas .“ Was ich fühle, ist von mir getrennt. Wenn ich einem anderen Menschen begegne, erlebe ich dieselbe Spaltung: Ich sehe dich , oder ich berühre dich . In dem Maße, wie wir diese Unterscheidung vollständig verkörpern – das heißt, wir leben die Subjekt-Objekt-Spaltung schließlich als die Wahrheit statt nur als eine Art und Weise, der schlichten Sinneserfahrung eine Bedeutung zu geben –, wird die Getrenntheit für uns real. Ob unsere Kultur nun das Gefühl in uns nährt, dass dieses Selbst in eine größere Gesellschaft eingebettet ist, oder nicht – immer erzeugt jeder Moment des zwischenmenschlichen Kontakts subtile Gefühle privater Autonomie. Das ist universell und keineswegs schlecht. Wenn wir aber diese Identifikation nicht erkennen, bereiten wir den Boden für Einsamkeit und andere Formen der Seelenqual.
Dieses Gefühl der Getrenntheit bildet die Grundlage von Vorstellungen der Unterschiedlichkeit. Gibt es erst einmal ein Gefühl von dir und mir, fängt das Vergleichen und Konkurrieren an – und jetzt legt das zwischenmenschliche Konstruktionsteam erst richtig los! Wenn wir einmal unsere Getrenntheit von anderen „be-griffen“ haben, legen wir Wert auf Unterschiede bei Geschlecht, Alter, Hautfarbe und schließlich Reichtum, Nationalität, Macht und Status. Auf der Basis der Unterschiedlichkeit bildet sich eine Identität. Aus Gefühlen der Gleichheit wird leicht Geborgenheit in und Identifikation mit einer größeren Gruppe, wie man am Beispiel von Auswanderer-Gemeinden auf der ganzen Welt sehen kann. Auf der Grundlage der Unterschiedlichkeit suchen wir die sozialen Belohnungen von Lob und Anerkennung. Dies zeigt sich in der Form von Hierarchie- und Statusdenken mit seiner stillschweigenden Unterscheidung des „besser als“. Solche Belohnungen verfeinern das Gefühl dafür, „wer man ist“, und stärken durch Identifikation mit Mitgliedern unserer Gruppe gute Selbstgefühle. Zum Beispiel bekommt man zu hören: „Als Mitglied dieser Kirchengemeinde fühle ich mich zufrieden und geborgen; hier sind lauter gute Menschen.“ Die Kehrseite der Sache ist, dass wir soziale Fehlschläge oder Bestrafungen meiden. Vorwürfe und Ablehnung kommen auf, indem wir Menschen außerhalb unserer Gruppe als noch weit mehr „anders“ einstufen, als weit verschiedener von uns, als sie den Sinnen tatsächlich erscheinen. Feinde werden dämonisiert, ihre „Andersartigkeit“ wird über das tatsächliche Maß hinaus übertrieben, wodurch ihr Status zementiert und gleichzeitig die eigene Gemeinschaft gefestigt wird.
Das Selbst, das aus diesen Vergleichen und Abstimmungsprozessen hervorgeht, fühlt sich unterlegen, überlegen, mit Verbündeten alliiert, gegen Feinde gewappnet und in einen Strudel von Vorlieben und Abneigungen hineingezogen. Meinungen, Rollen, soziale Segmentierung, Wünsche, Ängste und Verwirrung wuchern. All diese Gefühle und Standpunkte verursachen körperliche Spannungen und emotionales Unwohlsein. Die Anspannung steigt und die eingerastete Identität wird krampfhaft festgehalten; schließlich muss „ich“ mich ja schützen, muss „ich“ die Sicherheit für „mich“ und „die Meinen“ gewährleisten, habe „ich“ ja recht und daher auch das Recht, alles zu tun, um diese Sicherheit aufrechtzuerhalten. Aus gespeicherten Ideen über körperliche Merkmale („Ich bin klein“) und beziehungshaften Dynamiken („Ich bin verletzlich“) im Lauf der Zeit automatisch aufgebaut, bilden die Konstrukte der Getrenntheit und Unterschiedlichkeit die Basis einer Weltsicht, die jeden Aspekt unseres Lebens beeinflusst. Das Selbst, separat und verschieden, ist das, was hungert und wehtut.
Stellen Sie fest, wie Sie sich selbst in Bezug auf andere Menschen oder Gruppen anderer Menschen als ähnlich oder verschieden definieren. Welche Elemente spielen dabei mit? Geschlecht? Rasse? Sexuelle Vorlieben? Politischer Standpunkt? Beruf? Einkommen? Alter? Fitness? Stellen Sie fest, ob Sie die jeweilige Unterscheidung gewohnheitsmäßig mit einem Überlegenheitsgefühl verbinden.
Wie definieren Sie sich selbst in Bezug auf Ihre Eltern, Kinder oder Geschwister?
Beobachten Sie eine Zeit lang unauffällig fremde Menschen. Achten Sie auf jedes Gefühl der Getrenntheit, das aufkommt. Finden Sie Momente, in denen Sie einfach nur sehen, oder ist da immer dieses Gefühl von „ich“ und „sie“ und der Kluft dazwischen?
Der Hunger nach Lustgewinn und der Drang, Schmerz zu vermeiden
Wir haben das reziproke Verhältnis von Lustgewinn und Schmerz bereits betrachtet: Wir suchen den Lustgewinn nicht nur wegen seines anregenden Effekts, sondern auch, um Schmerz zu vermeiden. Wir finden das Ende eines Vergnügens schmerzhaft und fürchten uns deshalb davor; wir erleben den Drang, unseren Lustgewinn zu bewahren und auszudehnen. Das Ende eines Schmerzes finden wir angenehm. Wenn wir den Hunger nach Lustgewinn in zwischenmenschlichen Begriffen verstehen wollen, müssen wir verstehen, was mit zwischenmenschlichem Lustgewinn gemeint ist. Entscheidend ist auch, den dominanten zwischenmenschlichen Schmerz zu identifizieren, vor dem wir fliehen. Wenn wir diese einfachen Fakten verstehen, wird es leicht zu sehen, wie der Hunger nach Lustgewinn in unserem Leben wirksam ist; diese Einsicht macht den Weg frei zum Aufhören dieser Hungergefühle und dem Aufdämmern von Gelassenheit und Mitgefühl.
Zwischenmenschlicher Lustgewinn sind die angenehmen Emotionen und Empfindungen, die aus zwischenmenschlichem Kontakt entstehen. Ich finde es hilfreich, dieses Vergnügen in zwei Klassen einzuteilen: altruistisch und egoistisch. Egoistischer Lustgewinn: Mir ist langweilig, also besuche ich dich, weil ich weiß, ich werde viel Spaß und Ablenkung haben; es geht hauptsächlich um mich. Altruistischer Lustgewinn: Du bist verletzt, und es macht mir Freude, dich zu pflegen; es geht hauptsächlich um Mitgefühl und Großzügigkeit. In beiden Fällen gibt es das Gefühl eines Selbst und eine Motivation zu handeln. Wir werden altruistischen Lustgewinn etwas eingehender untersuchen, wenn wir über das Aufhören dieser Hungergefühle sprechen. Zuerst untersuchen wir egoistischen Lustgewinn.
Egoistischer Lustgewinn funktioniert so, wie der Name sagt: Wir suchen Kontakt, um unseren Hunger nach vergnüglicher Anregung zu befriedigen. Diese Anregung dient zwei Zielen. Sie unterhält und begeistert uns, erfüllt uns mit Leben, Schwung, vertreibt Langeweile. Sie lenkt auch von dem Schmerz unerfüllter Sehnsüchte ab. Genauso wie der physiologische Organismus sucht auch der soziale Organismus Stimulation, und zahllose Formen zwischenmenschlichen Entertainments bezeugen dies, von Partys bis zu Chatrooms im Internet, vom Fußball bis zum Büroklatsch. Hier wirkt der normale soziale Antrieb.
Um zu verstehen, warum egoistischer zwischenmenschlicher Lustgewinn beim Vermeiden zwischenmenschlichen Schmerzes so wichtig ist, müssen wir diesen Schmerz genauer verstehen. Einsamkeit ist die zwischenmenschliche Manifestation der Angst vor der Leere, welche wiederum eine Manifestation der Angst vor dem Tod ist. Aus diesem Schmerz heraus und der Angst vor diesem Schmerz erleben wir Eifersucht, Verrat und viele Formen des Hasses und der Wut. Einsamkeit beruht auf der Perspektive des Getrenntseins, wird von Vorstellungen über Unterschiedlichkeiten verschärft und wurzelt im Hunger nach Lustgewinn. Allein zu sein gehört zu den fundamentalen menschlichen Erfahrungen; Einsamkeit nicht. Ich bin allein in diesem Körper, du in jenem – das sind Aldous Huxleys „Inseln“, von denen „jede ein Weltall für sich bildet“. 16Wir erleben Myriaden von emotionalen und energetischen Wechselbeziehungen, aber wir fühlen uns einsam, wenn wir an der Idee eines isolierten Selbst festhalten, das bis in die Kindheit und darüber hinaus zurückreicht, eines Selbst, das in Wirklichkeit jeden Moment neu aufgebaut wird. Der Hunger nach Lustgewinn wird im Kontakt mit anderen vielleicht gestillt, aber wenn das vorbei ist, kommen Einsamkeit und Traurigkeit zurück. Wann immer wir nach Lustgewinn hungern und der Hunger nicht befriedigt wird oder die Befriedigung endet, kommt Schmerz auf.
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