Ein interessantes Phänomen ist die Entwicklung verwandtschaftsähnlicher Beziehungen. Wenn Eltern keine biologischen Verwandten in der Nähe haben, versuchen sie häufig, ein Netz verwandtschaftsähnlicher Beziehungen zu knüpfen, die vielfach dieselben Funktionen erfüllen, wie soziale Unterstützung und geteilte Fürsorge (Bailey & Wood 1998). Davon zu lesen faszinierte mich, denn auch ich hatte mir, ohne mir dessen bewusst zu sein, mein eigenes Ersatzfamilien-Unterstützungssystem geschaffen, als meine Kinder klein waren und wir weit entfernt von nahen Angehörigen in New York City lebten. Brooklyn war (und ist bis heute) ein Paradies für junge Eltern. Die Wohnungen sind winzig und frischgebackene Eltern halten sich gerne draußen auf, um ihren engen Wohnzimmern zu entkommen und auf einem der Spielplätze andere Eltern zu treffen. Was uns an Wohnraum fehlte – wir lebten auf rund 80 Quadratmetern im dritten Stock ohne Fahrstuhl und Garten – wurde mehr als wettgemacht durch diese Gemeinschaft, die direkt vor der Haustür auf uns wartete. Überall sah man Gruppen junger Mütter, die sich auf Parkbänken und in Starbucks-Cafés versammelten, ihre kleinen Kinder im Schlepptau oder im Tragesitz. Schon bald hatte ich eine Schar neuer Freundinnen, allesamt frischgebackene Mütter, deren Kinder nur ein paar Wochen vor oder nach meinem eigenen geboren waren. Diese Mütter unterstützten einander sowohl emotional – durch ein aufmunterndes Schulterklopfen, wenn man sich erschöpft, inkompetent, ängstlich oder unsicher fühlte – als auch praktisch, indem sie einem das Baby für ein paar Minuten abnahmen, damit man zur Toilette gehen konnte, und sich später, falls nötig, auch mal einen ganzen Vormittag lang um die Kinder der anderen kümmerten. Das war für jede von uns wie ein warmes Bad und die Tatsache, dass viele von uns erst kurze Zeit in New York lebten und keine Angehörigen in greifbarer Nähe hatten, half uns dabei, Beziehungen untereinander aufzubauen, als wären wir eine Familie. Wenn ich daran zurückdenke, verblüfft mich die Erkenntnis, wie gut die neuen, familienähnlichen Beziehungen zwischen Eltern in die lange evolutionäre Geschichte der gemeinsamen Fürsorge passen.
2.2.2.9 Und was ist mit den Vätern?
Mittlerweile dürften sich viele Leser – insbesondere die Väter – fragen, welche Rolle die Väter bei all dem spielen. Michael Lamb hat sich jahrzehntelang wissenschaftlich mit der Bedeutung von Vätern für die kindliche Entwicklung befasst und die positiven Wirkungen von Vätern auf die soziale und emotionale Entwicklung sowie die Bildungsbiografie von Kindern dokumentiert (Lamb & Tamis-Lemonda 2004). Aus evolutionsgeschichtlicher Perspektive betrachtet, zeigt sich jedoch, dass Väter für das Überleben von Kindern nicht immer notwendig waren und dass das Ausmaß ihrer Beteiligung an der Kinderaufzucht höchst unterschiedlich ausfiel. In einigen Jäger-Sammler-Gesellschaften konnte die Beteiligung der Väter z. B. nicht mit einer höheren Überlebensrate der Kinder assoziiert werden (Marlowe 2000). Wie lässt sich das erklären?
In der Fachliteratur zur Beteiligung der Väter taucht überall der Schlüsselbegriff Variabilität auf. Verglichen mit den meisten anderen Säugetier- und Primatenspezies, beteiligen sich Menschenväter deutlich stärker an der Aufzucht des Nachwuchses (Konner 2010). Ungeachtet dessen weist die väterliche Teilnahme am Leben der Kinder in der Evolutionsgeschichte wie auch in modernen industrialisierten und nichtindustrialisierten Gesellschaften schon immer eine große Schwankungsbreite auf, die von keinerlei Beteiligung ab dem Zeitpunkt der Befruchtung bis zu dem ausgeprägten Engagement von Aka-Pygmäen-Vätern (Hewlett 2004) und den Vollzeit-Vätern und -Hausmännern in unserer Kultur reicht. Die Geschichte der menschlichen Evolution hat uns gelehrt, dass die Beteiligung der Väter an der Aufzucht der Kinder zwar die Überlebenschancen der Kinder häufig erhöhte, aber nicht immer gegeben war. Deshalb mussten clevere Mütter sich nach zusätzlicher Unterstützung umsehen. Die Flexibilität, die Mütter bei dieser Suche bewiesen, war vielleicht eines der stärksten Selektionsmerkmale in Bezug auf die erfolgreiche Aufzucht des Nachwuchses. Das heißt nicht, dass Mütter auf die Einbeziehung der Väter verzichten wollten oder konnten. Im Gegenteil: Menschenmütter haben alle möglichen Wege gefunden, um Väter in die Kinderaufzucht einzubeziehen (Hrdy 1999). Doch falls die Väter nicht verfügbar waren, halfen Flexibilität und Findigkeit den Müttern bei der Suche nach anderen vertrauenswürdigen Helfern: Großmütter, ältere Geschwister, Tanten, sogar nichtverwandte Mitglieder der Gruppe (Hrdy 2009). Dieser Punkt ist bis heute wichtig, denn wie gut die Absichten aller Beteiligten auch sein mögen: Beziehungen enden, Ehen zerbrechen, und es gibt keine Garantie dafür, dass ein Kind während seiner gesamten Kindheit und Jugend einen engagierten Vater – oder überhaupt einen Vater – in seiner Nähe haben wird.
Welche Faktoren führen dazu, dass Väter sich intensiver um ihre Kinder kümmern? Der Anthropologe Barry Hewlett, der die Vater-Kind-Beziehungen in Jäger-Sammler-Gesellschaften erforscht, vertritt die Auffassung, dass räumliche Nähe Impulse der Fürsorge und Liebe bei Vätern fördert. Hewlett hat unter den Aka-Pygmäen gelebt, einer Wildbeutergesellschaft, die den höchsten Grad an väterlicher Beteiligung aufweist, der je in einer Gesellschaft festgestellt wurde. Er beobachtete, dass Aka-Väter sich häufig in unmittelbarer Nähe ihrer Kinder aufhielten und diese häufiger küssten oder umarmten als Aka-Mütter. Und während Vater-Kind-Interaktionen in urbanen industrialisierten Gesellschaften vor allem von Kampf- und Tobespielen geprägt sind, spielten die Aka-Väter seltener in einer derart kraftbetonten, stark stimulierenden Weise mit ihren Kindern. Diese Unterschiede zwischen Aka- und westlichen Vätern erklärt Hewlett damit, dass Aka-Väter ihre Kinder durch die größere physische Nähe sehr genau kennen und deren Signale leichter deuten könnten (Hewlett 2004). Dies ermögliche es ihnen, auf eine ruhigere Weise mit ihren Kindern zu interagieren, statt auf kraft- und körperbetonte Spiele zurückzugreifen:
„Aka-Väter interagierten weniger kraftvoll, weil sie ihre Kinder durch ihr starkes Engagement bei der Kinderbetreuung genau kannten. Weil sie ihre Kinder so gut kannten, benötigten sie keine kraftbetonten Spiele zur Initialisierung von Kommunikation oder anderen Interaktionen mit ihnen. Sie hatten andere Wege, um mit ihren Kindern zu kommunizieren oder ihre Zuneigung auszudrücken. Häufig wurden Kommunikationsprozesse von den Kindern selbst initiiert, und die Aka-Väter wussten die verbalen und nonverbalen (z. B. durch Berührung) Signale ihrer Kinder zu deuten. Väter (oder Mütter), die einen weniger nahen Kontakt zu ihren Kindern haben, sind häufig weniger gut in der Lage, die Signale ihrer Kinder zu lesen und zu verstehen, und initiieren daher mit höherer Wahrscheinlichkeit selbst Kommunikationsvorgänge, oft durch körperliche Stimulation und körperbetonte Spiele.“ (Hewlett 2004, S. 189)
Hewlett stellte außerdem fest, dass bei den Aka Mütter, Väter und Kinder an der Netzjagd teilnehmen. Durch die gemeinsame Jagd bleiben Aka-Väter in engem Kontakt mit ihren Kindern, was erklären könnte, warum sie ihren Nachwuchs so gut kennen (Hewlett 2004). Auch Sarah Hrdy betont die Bedeutung von physischer Nähe und Erfahrung als Auslöser väterlicher Fürsorgeimpulse. Wenn Väter Gelegenheit haben, nah bei ihren Kindern zu sein, und unmittelbar in deren Betreuung einbezogen werden, können sie starke väterliche Gefühle und eine intensive Bindung entwickeln. Einige Untersuchungen zeigen, dass sich der männliche Hormonhaushalt durch die Anwesenheit von schwangeren Frauen und Babys verändert (Konner 2010). Hrdy glaubt, dass väterliche Fürsorge, auch wenn ihr Ausmaß in der Geschichte der Evolution stark schwankt, vermutlich schon im Pleistozän existierte (Hrdy 2009).
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