Hier in der Champagne lernte der junge Napoleon die andere Seite der in Aussicht gestellten Assimilation an die französische Kultur kennen. An der Akademie in Brienne, einem der Orte, wo der verarmte, aber umso mehr auf seinen Ruf bedachte französische Adel seine Söhne ausbilden ließ, war er von vornherein der Außenseiter, dem die Rolle des Sonderlings mit einer Selbstverständlichkeit zufiel, als wäre sie ihm angeboren gewesen. Zwar sind die weitschweifigen Memoiren seines Zimmergenossen und späteren Freundes Bourrienne nachweislich nicht immer wahrheitsgetreu, doch sie vermitteln eine gute Impression von der allgemeinen Lage, in der sich Napoleon im Internat befand. 9 Daraus ergibt sich das Bild eines stolzen Knaben mit dem unüberhörbaren fremden Akzent, über den sich die Kameraden lustig machten und der seine Rolle als Außenseiter durch trotzige Selbstbehauptung kompensierte. Das lebenslange Ressentiment Napoleons gegenüber dem französischen Adel hat seinen Ursprung in eben jenen Erfahrungen im Internat.
Dennoch waren die Jahre in Brienne (1779–1784) und an der Offiziersschule in Paris (1764/65) sowie die anschließenden Garnisonsaufenthalte in Valence (1785–1788) und Auxonne (1788/89) für Napoleon mehr als eine Diaspora. Hier entdeckte er sein eigentliches Terrain, das Militär, und hier fand er seine neue Heimat, die Armee. Die Militärakademie in der Champagne, die Ecole militaire in der fremden Hauptstadt und das Artillerieregiment La Fère in Valence und Auxonne waren bei aller Härte und Reglementierung des Lebensalltags für den Heranwachsenden Stationen der Wissensaneignung und der Charakterschulung, aber auch der Muße und des Rückzugs in Lektüre und Träumerei. So bildete die Karriere beim Militär für den Jungen aus Korsika nicht nur das geeignete Sprungbrett für eine angesehene und gesicherte Existenz im neuen Vaterland; in der Armee fand auch sein diffuser Ehrgeiz ein angemessenes Betätigungsfeld. Hier verwuchs die angeborene Liebe zum rustikalen Leben mit seiner Lust am Abenteuer, hier konnte er seinen ihm eigenen Drang zum Befehlen und Organisieren ausleben. Das Leben dort, schrieb er seinem Onkel, verlange »genug Beherztheit, um den Gefahren einer Schlacht zu trotzen«, und setze »eine entschiedene Neigung für den Beruf voraus, den schwierigsten übrigens, den es gibt […]«, und den man nicht allein »vom Standpunkt der Garnison aus« beurteilen dürfe. 10
Zu dem Abenteuer, das das Militär verhieß und das die schlummernden Sehnsüchte in ihm anfachte, kam ein weiterer Anreiz, den ihm vor allem der Aufenthalt in Auxonne vermittelte. Es war die neue Militärstrategie, die seiner Entschlussfreudigkeit und seiner Intelligenz schmeichelte. Er las neben anderen den Essai de stratégie moderne von Jacques Antoine Hippolyte Guibert, eines Bewunderers Friedrichs des Großen, der aus den Schlachten des Preußenkönigs eine neue Strategie des Angriffs destillierte, die auf die vollständige Überwältigung des Gegners abzielte – nicht bloß auf dessen Zurückdrängung oder Schwächung.
Tatsächlich galt unter den neueren Theoretikern die Artillerie als Pionierwaffe. Sie hatte sich seit dem 16. Jahrhundert enorm weiterentwickelt. Die neuen Möglichkeiten der Artillerie beruhten auf einer so noch nicht dagewesenen Manövrierfähigkeit der Kanonen. Diese waren in den bisherigen Kriegen bloße Zusatzwaffen gewesen, mit denen Panik in die feindlichen Linien getragen oder herausragende Punkte im Gelände verteidigt werden konnten. In direkter Kombination mit der vorrückenden Infanterie waren sie bisher jedoch kaum eingesetzt worden. Dafür waren die Kanonen noch zu schwer und ihr Transport zu aufwendig. Das änderte sich durch die Entwicklung leichterer Kanonen, die sich auch während einer Schlacht bewegen ließen. Als Folgerung daraus hatte Guibert die Strategie entwickelt, Kanonen mit der Infanterie zusammenwirken zu lassen, um durch die auf einen einzelnen Punkt gerichtete Feuerkraft überraschende Einbrüche in die feindlichen Linien zu erzielen und diese dadurch aufzurollen. Dafür war allerdings eine Vergrößerung der Heere nötig, und deshalb hatte Guibert auch schon an die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gedacht. Seine Ideen hatten sich allerdings im Ancien Régime als unausführbar erwiesen und überlebten vorerst nur in der Theorie. Es ist aber erwiesen, dass der angehende Artillerieoffizier Bonaparte diese Schriften kannte und durch fortschrittliche Lehrer in Auxonne darauf hingewiesen wurde. 11
Den Vorgesetzten entging die Begabung des jungen Korsen keineswegs. Der Regimentskommandeur in Auxonne, Jean-Pierre Du Teil, selbst ein führender Theoretiker der neuen Schule, betraute ihn im Sommer 1788 mit der Durchführung einer Versuchsreihe, bei der die Treffsicherheit und die Belastbarkeit von Kanonen und Mörsern verglichen wurde. Der damals 17-jährige Napoleon beaufsichtigte dabei bis zu 200 Soldaten und 30 Arbeiter, was ihm das Missfallen einiger hochadeliger Kameraden eintrug. Du Teil hatte aber offenbar das Talent des jungen Offiziers erkannt, der die Flugbahnen der Geschosse mittels des Integrals im Voraus errechnete und dabei die Menge des verwendeten Pulvers so konsequent reduzierte, dass sich die Münder der Kanonenrohre nicht mehr zu stark verzogen. Der anstrengende Dienst und das ungesunde Klima im Tal der Saône setzten Napoleon allerdings so zu, dass er sich ein Fieber zuzog, das erst am Ende des Jahres auskuriert war.
Was erwartete sich der angehende Artillerieoffizier Bonaparte von seiner Zukunft? Hier tat sich zwischen Wunschvorstellungen und der Realität noch eine Kluft auf, die der junge Offizier lebhaft empfunden haben muss. »Ruhm« zu erlangen war sicher eines der Mittel, um der Leere zu entgehen, die das Garnisonsleben versprach. Aber wem sollte er nacheifern? Gab es ein konkretes Vorbild? Andere Große der Geschichte haben sich frühzeitig Gestalten gewählt, in deren Fußstapfen zu treten sie sich vornahmen. Napoleon bewunderte antike Feldherren wie Alexander den Großen, Hannibal und Cäsar, weil sie es vermocht hatten, mit einer numerisch unterlegenen Streitmacht, allein auf ihren Mut und ihr Gespür für den rechten Augenblick vertrauend, den Ausgang einer Schlacht zu entscheiden. Noch auf Sankt Helena hat er über die alles entscheidende Rolle des Feldherrn sinniert:
»Nicht vor der karthagischen Armee an den Toren Roms zitterte die Republik, sondern vor Hannibal; nicht das römische Heer unterjochte Gallien, sondern Cäsar; nicht das mazedonische Heer stürzte das persische Reich, sondern Alexander […].« 12
Von den jüngeren Feldherren bestanden nur Gustav Adolf und Friedrich der Große vor seinem kritischen Blick, der erste als genialer Angreifer, der zweite, weil er es verstanden hatte, sich gegen eine übermächtige Koalition von Feinden immer wieder Luft zu verschaffen. Aber zum Vorbild taugte weder der eine noch der andere und auch die beiden berühmten französischen Marschälle, der große Condé und Turenne, hielten vor dem moralischen Urteil des jungen Offiziers nicht stand. Sie alle seien nämlich der eigenen Größe mehr als dem Vaterland verpflichtet gewesen. 13 Dieses Verdikt ereilte im Übrigen auch den Vernichter der römischen Republik Julius Cäsar. 14
Die Suche nach einem Vorbild beschäftigte den jungen Napoleon umso mehr, als da der Vater diese Rolle aufgrund seines vorzeitigen Todes nicht ausfüllen konnte. Zudem hatte er ihn früh als Anpasser durchschaut, während er seine geliebte Mutter lange im Verdacht hatte, dass sie sich der französischen Fremdherrschaft mit Seele und Körper hingegeben habe. So gab es kein Alter Ego, in das er hätte hineinschlüpfen können wie etwa später sein Neffe in seine, Napoleons, Gestalt. Und so füllte diese Leerstelle Korsika aus, genauer gesagt: der Mythos eines Korsikas, den er sich durch Boswell-Lektüre und eigene Studien zurechtlegte. Korsika war für ihn das Bindeglied zwischen einer idealisierten Antike und der Gegenwart. Ein unverbrauchtes Volk, das sich römische Tugenden bewahrt hatte und nur auf die Gelegenheit wartete, um der Gegenwart seine Selbstbefreiung abzutrotzen. Verkörpert sah er dieses ideelle Korsika eine Zeitlang in Pasquale Paoli, der zwar kein militärisches Genie, aber ein charismatischer Patriot und einflussreicher Führer, dazu ein anerkannter Gelehrter war. Der gealterte Aufklärer seinerseits durchschaute bei seiner Rückkehr auf die Insel im Jahre 1790 die Attitüde des jungen Mannes, als er diesem bescheinigte, seine Vorstellungen seien »ganz aus dem Plutarch« entnommen. 15 Als sich auch diese in Paoli personifizierte Illusion auflöste und zudem der Mythos Korsika erlosch, trat an die Stelle des unauffindbaren Vorbilds der Glaube an das eigene mächtige Ego.
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