Die Wirkung der Tat war zwiespältig. Zwar war der Sieg des Konvents unbestritten und die Propagandamaschinerie bemühte sich, die Aufständischen als eine Horde von ehemaligen Aristokraten und Königsanhängern zu verunglimpfen. Doch die Brutalität, mit der Napoleon auf die Menge hatte feuern lassen, rief Empörung hervor. Auch die Sansculotten hatten bei ihren Märschen auf den Konvent Kanonen mitgeführt – jedoch mehr als Drohung denn als militärisches Mittel. Die Kanonen hatten lediglich bei heftiger Gegenwehr gefeuert, etwa beim Sturm auf die Bastille oder bei der Eroberung der Tuilerien. Das war nun jedoch nicht der Fall gewesen. Die siegreiche Revolution hatte zum ersten Mal gegen unbewaffnete und zum Teil unbeteiligte Bürger die Artillerie eingesetzt – ganz so, als ob es sich um Feinde handelte, die sich zu einer Feldschlacht stellten. Insofern bedeutete der 13. Vendémiaire eine weitere Stufe der Brutalisierung des inneren Krieges und der Name Napoleons verband sich unvermeidlich mit dieser Erfahrung.
Auch diese Tat wurde als zweite Ruhmestat in den Kanon der Versatzstücke des Legendenbildes Napoleons aufgenommen. Allerdings spielte der 13. Vendémiaire eine weniger herausragende Rolle als »Toulon«. Während seine späteren Bewunderer aus dem linken Spektrum das Niederkartätschen einer, wenn auch von rechts motivierten, Volksmenge schamhaft herunterspielten, suchten die Vertreter der ›Schwarzen Legende‹ die Tat für ihr Bild des menschenverachtenden Militärherrschers auszuschlachten. Beides überzeugt nicht. Napoleon selbst hat sich später dem moralischen Urteil gestellt und die Tatsache, dass er anfangs mit Kugeln geschossen und nicht nur Warnschüsse gegen die Volksmenge abgefeuert hatte, mit dem Argument des kleineren Übels gerechtfertigt.
»Es ist eine übelverstandene Menschlichkeit, in einem solchen Augenblick nur Pulver zu gebrauchen, und anstatt das Leben der Menschen zu retten, schließlich eine unnöthige Verschwendung an Menschenblut zu verursachen.« 49
Die Schonung kostete immerhin zwischen 200 und 400 Aufständische das Leben. Es war das arithmetische Vernunftargument des Militärs, das hier den Ausschlag gab. 50
Immerhin hatte der Auftritt Napoleon die Freundschaft von Barras eingebracht. Es war allerdings eine zweifelhafte Verbindung, die er einging, denn der neue Protektor war eher anrüchig als vertrauenerweckend. Barras war Napoleon als Henker der Aufständischen von Marseille und Toulon bekannt, deren politische Ziele Napoleon verabscheute, deren Bestrafung er aber für exzessiv hielt. Zudem galt der ehemalige Vicomte als gewiefter Taktiker und war überdies ein Frauenverführer, der seine Intrigen ebenso vom Schreibtisch wie vom Schlafzimmer aus betrieb. Zusammen mit Tallien, der seine Geliebte Thérèse Cabarrus überall herumzeigte, nachdem er sie vor dem Schafott gerettet hatte, gehörte Barras zu den großen Gewinnern des Neunten Thermidor. Sie inszenierten sich ganz offen als Überlebenskünstler der Revolution und stellten ihren neuen Reichtum schamlos zur Schau.
Die Beförderung zum Kommandierenden der Armee des Inneren brachte Napoleon neben dem Renommee auch eine Verbesserung seiner materiellen Lebensverhältnisse. Er residierte in einem ehemaligen Palais, verfügte über ein Jahresgehalt von 24 000 Francs und kommandierte eine Armee von 40 000 Mann. Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf seinen Lebensstil, wenngleich er das Image des einfachen Soldaten, das er sich in Toulon zugelegt hatte, noch beibehielt. Als solchen hat ihn Junots Gemahlin porträtiert:
»Wenn ich mir […] Napoleon vorstelle, wie er 1795 den Vorplatz des Hotels de la Tranquillité betrat und ihn mit linkischen, unsicheren Schritten überquerte, mit seinem schäbigen runden Hut, den er tief ins Gesicht gedrückt trug, mit seinem unordentlichen Haar, das dazwischen hervorgerutscht war und auf den Kragen seines grauen Mantels fiel, […] ohne Handschuhe, die, behauptete er, eine überflüssige Ausgabe seien, mit schlecht gearbeiteten, schlecht gewichsten Stiefeln – kurzum, wenn ich mir seine ganze jämmerliche Erscheinung von damals in Erinnerung rufe und mir dann sein späteres Bild vor Augen halte, dann kann ich ihn kaum wiedererkennen.« 51
Aber das erwies sich lediglich als Durchgangsstadium. Aus dem schlecht gekleideten, ärmlich wirkenden General ohne Aufgabe wurde allmählich eine Neuentdeckung in den Salons der Thermidorianer – allen voran dem der Madame Tallien – und ein Geheimtipp für reifere Damen, die in ihm offenbar das eigenwillige Flair des ehrgeizigen, aber noch ungeschliffenen jungen Mannes witterten. Eine von diesen war Joséphine de Beauharnais (
Abb. 5). Die 32-jährige Witwe zeichnete eine exotische Anmut aus – sie war die Tochter französischer Siedler auf Martinique –, deren Aura durch den tragischen Verlust ihres Gatten noch verstärkt wurde. Dieser, ein General ohne Fortüne, war der letzten großen Terrorwelle zum Opfer gefallen. Wie Thérèse Cabarrus, die sie im Gefängnis kennengelernt hatte, war auch sie Barras’ Geliebte geworden. Allerdings war sie von diesem gleichsam abgelegt worden, als sie – Mutter der damals 12-jährigen Hortense und des 14-jährigen Eugène – anfing sich Hoffnungen auf eine Ehe zu machen. Der Vicomte suchte sein schlechtes Gewissen dadurch zu beschwichtigen, dass er ihr einen Nachfolger vermittelte, der zugleich zum Versorger taugte. Darum verfiel er erneut auf seinen jungen Protégé. So jedenfalls will es eine Überlieferung wissen, die Intentionalität unterstellt, wo in Wahrheit Kontingenz regierte und das Ergebnis Schicksal nennt. Der Ursprung der Beziehung zwischen Napoleon und Joséphine geht jedenfalls auf einen Zufall zurück, bei dem Eugène den Postillon d’amour spielte. 52 Der Rest bleibt der Fantasie überlassen. Man darf aber vermuten, dass der Reiz, der von der ebenso liebenswerten wie rätselhaften Frau ausging, einen erlebnishungrigen jungen Mann nicht unberührt ließ. Marmont und andere Zeitzeugen vermuteten daher wohl zu Recht, dass Napoleon ausnahmsweise nicht aus Ehrgeiz oder Ruhmsucht, sondern aus einem mächtigen emotionalen Impuls heraus handelte. Und Joséphine, die bei aller Verliebtheit kühl kalkulierend nach einer sicheren Bindung Ausschau hielt, wollte die Chance nicht verstreichen lassen und stimmte angesichts der bevorstehenden Abreise Napoleons einer »Blitzheirat« zu.
Abb. 5: Porträt der Kaiserin Joséphine de Beauharnais, 1763–1814 (Firmin Massot um 1812)
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