Die politische Elite der Korsen begriff schnell, dass sich ganz neue Perspektiven für ihre Insel auftaten. Nicht im Gegensatz zu Frankreich, sondern im Zusammenwirken mit den neuen Institutionen ließ sich die Lage der Insulaner verbessern. Deren Engagement richtete sich darauf, die alte Verwaltung möglichst rasch loszuwerden und in den neuen Ämtern eigene Leute zu platzieren. Dass sich dieses Ziel nicht gegen, sondern nur im Zusammenwirken mit der allmächtigen Nationalversammlung verwirklichen ließ, verstand nicht nur Korsikas politischer Vertreter des Dritten Standes in Versailles, Antoine Christophe Saliceti, sondern auch dessen Protektor Pasquale Paoli. 32 Sie begrüßten die Erklärung der Nationalversammlung vom 30. November 1789, welche die Insel, die formal immer noch als von Frankreich treuhänderisch verwalteter Besitz Genuas fungierte, zum integralen Bestandteil der französischen Nation erklärte. Paoli ließ sich im Frühjahr 1790 für zwei Monate in Paris nieder und wurde von Ludwig XVI. als offizieller Botschafter seines Landes empfangen, bevor er in einem Triumphzug im August 1790 auf die Insel zurückkehrte.
Die Angriffe Napoleons gegen die Trias von Militär-, Justiz- und Steuerbehörde waren also zum Zeitpunkt ihrer Proklamation eigentlich schon obsolet. Es hätte vermutlich gereicht, abzuwarten, bis sich etwas verzögert auch auf der Insel die Arbeit der neuen Institutionen in greifbaren Ergebnissen bemerkbar machten. Für den künftigen Regionalpolitiker Napoleon Bonaparte galt es, sich mit der Nationalversammlung gut zu stellen und Aussagen zu unterlassen, die nach offenem Separatismus klangen. Das war eine nicht immer einfache Gratwanderung, wie die Wortwahl der Inschrift zeigte, die er am Haus der Buonaparte in Ajaccio anbringen ließ. Den Slogan »Evviva la nazione« deutet Gueniffey als Bekenntnis zu Frankreich. 33 Diese Interpretation ist jedoch fraglich, denn abgesehen von der Tatsache, dass die Worte in Italienisch bzw. Korsisch abgefasst waren, lässt sich vermuten, dass Napoleon bewusst eine eindeutige Zuordnung vermeiden wollte. Die meisten Bewohner werden die Formel als Bekenntnis zur korsischen Nation begriffen haben. Doch ein explizites und eindeutiges Bekenntnis zu Korsika hätte ihn in direkten Gegensatz zu Frankreich gebracht, was er zu diesem Zeitpunkt nicht wollte. Und so bot ihm dieses Motto einen Weg, um alle außer den Anhängern des Status quo zu bedienen. Die weiteren Lobsprüche bestärken diesen Verdacht. Mit »Evviva Paoli« pries er den Befreier vom genuesischen Joch, und mit »Evviva Mirabeau« feierte er den starken Mann der Nationalversammlung und Vater des Dekrets vom 30. November 1789, den er in eine Reihe mit »ehrenwerten Männern« der Konstituante wie Lameth, Robespierre, Pétion, Barnave und Lafayette stellte. 34
Die hektische Aktivität des Leutnants erklärte sich nicht zuletzt aus dem Bestreben seiner Familie, sich bei den nun zu vergebenden Stellen einen gewichtigen Anteil zu sichern. So unterstützte er nachhaltig seinen Bruder bei der Auswahl der Kandidaten für den neuen Departementsrat. Und als Joseph bei der Besetzung einer wichtigen Stelle in der neuen Administration nicht zum Zuge kam, verschaffte er ihm dank seiner guten Beziehungen zu Paoli die Leitung eines der neun Distrikte der Insel. Dabei machte er sich das in der Bevölkerung noch immer vorhandene anti-französische Ressentiment zunutze. Das Argument, dass jemand für die »Fremden« arbeitete, erwies sich als sicherstes Werkzeug zur Erzeugung einer entsprechenden Stimmung und zündete besonders auf dem Lande, wo die Soldaten, Juristen und Steuereintreiber aus Paris am meisten verhasst waren. Ein besonders dankbares Hassobjekt fand er in dem sechzigjährigen General Buttafoco, der für den korsischen Adel in die Generalstände gewählt worden war und der nun in Paris zur äußersten rechten Fraktion gehörte. Ihn stilisierte er in einem offenen Brief geradezu zum Sinnbild des Kollaborateurs. Das umfangreiche Schreiben, in dem der junge Napoleon alle Register seines rhetorischen Talents zog, fand solchen Anklang, dass der Jakobinerklub von Ajaccio den Text zum Druck freigab, wenngleich Napoleon ihn aus eigener Tasche bezahlte.
Abb. 3: Napoleon als Leutnant 1792 (Gemälde von Henri Félix Emmanuel Philippoteaux, 1835)
Der Radikalverbalismus des jungen Korsen darf indessen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Napoleon in den Monaten auf Korsika durchaus rational handelte. Er wollte im Zusammenwirken mit Saliceti und Paolis Bevollmächtigtem Massaria dem »General« bei den anstehenden Wahlen so viele Unterstützer zuführen, dass dieser mit seinen Leuten und ihm selber als rechter Hand eine informelle Herrschaft über die Insel unter französischem Segen errichten konnte. Als Napoleon im Februar 1791 nach Frankreich zurückkehrte, schien dieses Kalkül voll und ganz aufzugehen. Paoli bestimmte, wer zu den Wahlen für die Vertretungskörperschaften kandidieren durfte, und die Departementsversammlung in Orezza gewährte ihm eine Zivilliste von 50 000 Franken, als wäre er ein regierender Monarch.
Die Entwicklung hin auf eine faktische Herrschaft Paolis unter französischem Schirm wäre vermutlich weitergegangen, wenn sich die politischen Gegensätze in Frankreich nicht erneut verschärft hätten. Die erste große Erschütterung, die die Illusion der Einheit von 1790 zerstörte, war die Auseinandersetzung um die Constitution civile du clergé. Sie führte zur Spaltung der katholischen Kirche in Frankreich und mancherorts schon zu einem veritablen Bürgerkrieg, weil sie den strenggläubigen Katholiken, also die überwiegende Mehrheit der ländlichen Bevölkerung, die Revolution entfremdete. In Korsika verstärkte die liberale Gesetzgebung der Konstituante die anti-französischen Gefühle, zumal der Bauern, und destabilisierte das gerade gefundene Gleichgewicht zwischen Alt und Neu. Mit der Kirchenthematik in unmittelbarem Zusammenhang stand ein weiteres Ereignis vom Juni 1791: die missglückte Flucht Ludwigs XVI. nach Varennes und seine erzwungene Rückführung nach Paris. Sie erschütterte den Glauben manches überzeugten Revolutionärs an die Loyalität des Königs. Als die Konstituante im September 1791 nach der Vollendung der Verfassung auseinandertrat und der neugewählten Legislative Platz machte, schien zwar das Werk der Revolution formal zu Ende geführt; in Wahrheit aber zeigten sich hinter der Fassade der Einheit gefährliche Risse.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Napoleon Korsika wieder verlassen und war zu seinem Regiment nach Auxonne zurückgekehrt. Man hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er seines Postens und damit seines Lohns verlustig ginge, würde er seinen Urlaub weiter eigenmächtig verlängern. In seiner Begleitung befand sich sein dreizehnjähriger Bruder Louis, dessen Erziehung er übernahm und für den er sich in besonderer Weise zuständig fühlte.
In den zehn Monaten, die Napoleon auf dem Kontinent verbrachte, vier in Auxonne, danach sechs in Valence, erlebte er deutlich, dass die Revolution in ein neues Stadium eingetreten war. Während die meisten seiner adeligen Kameraden der ganzen Entwicklung skeptisch gegenüberstanden und einige die Armee verließen, weil sie den von ihnen geforderten Eid auf die Verfassung – nicht etwa auf den König! – verweigerten, schlug in den Städten das patriotische Fieber des Vorjahres in militanten Antiklerikalismus um. Die Frage, ob man die Messe bei einem vereidigten Priester oder einem romtreuen Geistlichen hören sollte (der Papst hatte die Constitution civile verworfen), entzweite Jung und Alt, Stadt und Land, zerriss sogar Familien. »Es gab hier eidverweigernde Priester, die Zwietracht säten, vor allem beim schwachen Geschlecht«, schrieb er aus Auxonne an Joseph.
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