Am 6. August 1794 wurde Napoleon auf Befehl des Wohlfahrtsausschusses seines Kommandos enthoben und verhaftet. Der Haftbefehl war von Saliceti ausgegangen, der damit seinen eigenen Kopf zu retten versuchte, denn der allmächtige Carnot, der zu Robespierre in einem gespannten Verhältnis gestanden hatte, hatte dem Kommissar gegenüber entsprechende Andeutungen gemacht. Möglich, dass derselbe Saliceti danach Skrupel bekam und sich beim Wohlfahrtsausschuss dafür stark machte, den Haftbefehl rückgängig zu machen. In seinem Schreiben vom 24. August 1794 heißt es:
»Wir sind überzeugt davon, dass uns die Talente dieses Militärs nützlich sein können, die, wie wir nicht verleugnen können, sehr notwendig werden in einer Armee, die er besser als irgend jemand kennt und wo Männer dieser Art überaus selten anzutreffen sind.« 47
Napoleon wird gespürt haben, wie nah er sich am Abgrund befunden hatte. Im Hauptquartier in Nizza begrüßte ihn sein alter Chef und bat ihn, einen Schlachtplan für die Italienarmee auszuarbeiten. Dieser Feldzugsplan war in seinen Grundzügen bereits derjenige, der im Frühjahr 1796 zur Ausführung gelangte. Doch vorerst legten die Thermidorianer – so nannten sich die nun tonangebenden Politiker aus ehemaligen Girondisten, Männern der Plaine und ›geläuterten‹ Jakobinern – die Angriffspläne auf Eis und konzentrierten sich auf den Wiederaufbau der Wirtschaft und die Beilegung des immer noch tobenden Aufstands in der Vendée. Tatsächlich standen im Frühjahr 1795 die Zeichen auf Deeskalation. Spanien, Neapel und Preußen schieden aus der Koalition gegen Frankreich aus. Der Konvent verabschiedete eine neue Verfassung, die die künftige Gewalt in die Hände einer aus zwei Kammern bestehenden Legislative und einer Exekutive aus fünf Direktoren legte, die sich in jährlichem Turnus abwechseln sollten. Zugleich sollten die berüchtigten Zwei-Drittel-Dekrete dafür sorgen, dass bei den Wahlen kein abrupter Austausch des Personals erfolgen konnte; nur ein Drittel der Konventsabgeordneten sollte neu gewählt werden, während zwei Drittel der abtretenden Mitglieder automatisch in die beiden künftigen Kammern, den Rat der Alten oder den Rat der Fünfhundert, übernommen wurden. Dagegen machte sich landesweiter Unmut breit. Besonders aus dem großen Lager der schweigenden Mehrheit, die ihre fortdauernde Sympathie für die Monarchie noch nicht offen auszudrücken wagte, aber insgeheim auf den Sturz der »Immerwährenden« wartete, schlug den abtretenden Abgeordneten mühsam unterdrückte Wut entgegen, während die dezimierten Jakobiner, nach einem letzten fehlgeschlagenen Aufstand ihrer verbliebenen Führungskader beraubt, in den Untergrund gegangen waren.
Napoleon, der inzwischen in Paris im Büro des Planungsstabes der Armee eine vorübergehende Verwendung gefunden hatte, scheint sich keiner Seite besonders nahe gefühlt zu haben. Er begrüßte die Verfassung von 1795 als endlich in Aussicht gestellte Rückkehr zu einer Normalität, in der nicht mehr die Massen das Sagen hatten, sondern erfahrene Politiker den Kurs bestimmten. Von der Durchschlagskraft der neuen Exekutive hielt er dagegen nicht viel. Er erkannte, dass diese Konstruktion der Staatsspitze, in der das Prinzip des Misstrauens und der gegenseitigen Kontrolle alles beherrschte, vielleicht in einem beruhigten Lande erfolgreich sein mochte; nicht aber in einer Nation wie Frankreich, wo die Fraktionskämpfe der zurückliegenden Jahre heftige Leidenschaften hervorgebracht hatten und die Rufe nach Rache und Wiedergutmachung keineswegs verstummt waren, sondern sich nach dem Ende der Terrorherrschaft eben wieder hervortrauten. Auch war die äußere Bedrohung durch das Ausscheiden sekundärer Mächte aus der alliierten Koalition noch nicht behoben, wie der Landungsversuch der Engländer auf der Halbinsel Quiberon bewies. Dabei handelte es sich um eine kühne Aktion, mit der die Briten den Rebellen in der Vendée zu Hilfe kommen wollten und die erst in letzter Minute von dem jungen General Hoche vereitelt wurde. Napoleon sprach sich in seinen Briefen an Joseph dafür aus, man möge abwarten und sich die Lage beruhigen lassen. Diese Einstellung stimmte zwar mit der Quintessenz der thermidorianischen Philosophie überein, verkannte jedoch völlig die Tiefe der durch die Revolution aufgeworfenen Gegensätze. 48
Das Schicksal seines Bruders Joseph hat seine Zukunftspläne zeitweise in eine ganz andere Richtung gedrängt. Joseph hatte in Marseille die Kaufmannstochter Julie de Clary geheiratet und schickte sich an, in den Levantehandel einzusteigen, sobald ein Friedensschluss in Sicht war. Das brachte seinen Bruder, der sich für die Schwester Julies, Désirée, interessierte und sich sogar mit ihr verlobte, auf die Idee, dem Wohlfahrtsausschuss eine Mission zum Sultan in Konstantinopel vorzuschlagen. Damit sollten die unterbrochenen Beziehungen Frankreichs zur Pforte wiederbelebt und zugleich dem englischen Einfluss am Bosporus ein Riegel vorgeschoben werden. Ein entsprechendes Angebot aus Konstantinopel lag in Paris vor.
Doch ein viel dringenderer Auftrag kam dazwischen. Weder in der Vendée, noch am Rhein, noch in Italien oder im Orient sollte Napoleon seine nächste Aufgabe finden, sondern in Paris. Dort stand ein Aufstand sogenannter »moderater« Sektionen bevor, die unter den Einfluss verkappter Monarchisten und rachedurstiger ehemaliger Girondisten standen. Die Verkündung des Zwei-Drittel-Dekrets hatte die Hoffnungen dieser Leute auf eine legale Rückeroberung der Macht vernichtet und sie auf den Weg der Gewalt verwiesen, den sie mit Hilfe ihnen ergebener Teile der Nationalgarde verfolgten. Dabei griffen sie wie ihre sansculottischen Vorgänger zum Mittel des Marsches auf den Konvent. Von beiden Seiten der Seine her sollten sich Marschsäulen, die dieses Mal aus den begüterten Vierteln im Westen kamen, dem Konvent nähern und die »Immerwährenden« verjagen.
Die tonangebenden Männer des Wohlfahrtsausschusses wussten, dass im Falle eines Erfolgs dieser Insurrektion dem Drang zur Restauration Tür und Tor offenstand. Es war zu erwarten, dass Frankreich sich dann wie England nach dem Ende von Cromwells Protektorat rasch in eine Monarchie zurückverwandelte. Die überlebenden »Königsmörder« – also alle, die im Konvent für den Tod Ludwigs XVI. gestimmt hatten – mussten damit rechnen, wie ihre Vorgänger in England im 17. Jahrhundert hingerichtet zu werden. Unter den Männern, für die es um das Überleben ging, befanden sich prominente Personen wie Barras, Fréron, Tallien und Fouché. Diese Perspektive und eine gewisse Routine im Umgang mit Pariser Aufständen, die die Revolution ihnen beigebracht hatte, gab der Gruppe die nötige Energie, um der erwarteten Großdemonstration beherzt und unter Aufbietung militärischer Gewalt entgegenzutreten. Dazu brauchten diese Männer der Feder und des Wortes einen Militär, der genug Entschlusskraft aufbrachte und ohne minuziöse Anweisungen rasch und eigenständig zu handeln in der Lage war und der dabei aber von eigenem politischem Ehrgeiz möglichst frei und zu seinem Fortkommen ganz auf ihre künftige Protektion angewiesen sein sollte.
Abb. 4: Napoleon bezwingt den royalistischen Aufstand vor der Kirche Saint Roch (Stich von Charles Monnet; Erscheinungsjahr unbekannt)
Barras fiel der korsische Hauptmann ein, den er während der Belagerung von Toulon kennengelernt hatte. Er brachte seine Kollegen dazu, Napoleon als seinen Adjutanten mit der Verteidigung des Konvents zu beauftragen. Und dieser handelte, wie man es von ihm erwartete: Er sammelte ein paar verlässliche Teile der Nationalgarde um sich und ließ im Tuileriengarten und vor der Kirche Saint Roch einige Kanonen auffahren, die auf die Treppe und die Eingangstüren des Gotteshauses gerichtet waren. Als sich die von dem unerwarteten Widerstand irritierten Demonstranten der nördlichen Marschsäule hier versammelten – die südliche war gar nicht über die Seine gekommen – und der an sie ergangenen Aufforderung sich zu zerstreuen keine Folge leisteten, sondern zu wüsten Beschimpfungen übergingen, gab Napoleon seinen Kanonieren den Feuerbefehl. Zahlreiche Personen sanken innerhalb von Sekunden auf den Treppenstufen nieder, die anderen zerstoben in alle Richtungen, viele starben. Der Aufstand war zu Ende, bevor er richtig begonnen hatte.
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