Um die Türen geöffnet und die Mitarbeiter in der Firma zu halten, änderten viele Unternehmen die Richtung, kämpften sich durch den bürokratischen Dschungel und dachten sich fantasievolle Methoden aus. Wer sich rasch umstellte und anpasste, konnte seine Fähigkeiten auf neue Weise einsetzen, statt der Panik nachzugeben. 12 Ein kleiner Familienbetrieb wie Essations, der vor beinahe 40 Jahren von Stephanie Lusters Eltern gegründet worden war, konnte seine Haarprodukte nicht mehr an die Salons ausliefern. Als die Friseure schließen mussten, weil in einer Stadt nach der anderen die Regeln des Lockdowns und des Social Distancings in Kraft traten, hatte Luster eine Idee. Sie wollte direkt an die Kunden verkaufen, die zwar auch zu Hause bleiben mussten, aber dennoch für die berufliche Teilnahme an Zoom-Konferenzen gepflegte Haare brauchten. Wie wäre es also, wenn Friseure und Stylisten Haarpflege-Videos mit Essations-Produkten drehen und auf Facebook posten würden? Am Ende der Tutorien könnte jeder Stylist einen Code angeben, mit dem Kunden auf der Essations-Website einen Rabatt erhielten. Aus dem Code wäre ersichtlich, welcher Stylist den Kunden weitergeleitet hatte, und dieser würde dann einen Teil des Verkaufspreises erhalten. Viele Friseure ließen sich gern auf diese Idee ein und erstellten Videos speziell mit den Produkten von Essations, sodass der Online-Absatz um 20 Prozent zunahm. 13
Einige Unternehmen waren während der Pandemie extrem erfolgreich. Instacart, ein Einkaufs- und Lieferservice für Lebensmittel, stellte in einem Monat mehr als 300 000 Vollzeitmitarbeiter ein, um der steigenden Nachfrage zu Beginn der Pandemie nachzukommen. Und er plant sogar noch 250 000 weitere Neueinstellungen. 14 Sehr viel mehr Unternehmen und Einzelpersonen mussten für ihr Überleben jedoch die Richtung ändern. Mitarbeiter von Hotel-Callcentern im Zwangsurlaub wurden an staatliche und städtische Callcenter »ausgeliehen«. Uber startete einen Kurierdienst, damit die Fahrer, die keine Passagiere mehr beförderten, stattdessen Pakete, Arzneimittel und Haustierbedarf ausliefern konnten. 15 Die US-amerikanische On-Demand-Autoreinigungsfirma Spiffy bot als zusätzliche Dienstleistung die Reinigung und Desinfektion von Einrichtungen und Gebäuden an. 16
Beim Übergang in eine veränderte Welt werden Innovation und Experimentierfreude weiterhin unsere Rettungsanker bleiben. Der Schriftsteller William Gibson erinnerte uns bereits vor mehr als 15 Jahren daran, dass die Zukunft schon da ist, allerdings sehr ungleich verteilt. 17 Sie überfällt uns immer wieder in beschleunigten Salven und das Coronavirus ist einer dieser Beschleuniger. Wir haben in den letzten Jahren bereits ähnliche Beschleuniger erlebt, in Form der großen Finanzkrise von 2008/2009 und des Millenniumswechsels (Y2K). Die große Frage lautet nun, wie wir mit diesen plötzlichen Umwälzungen zurechtkommen und sie für uns nutzen.
Wettrennen mit den Maschinen
»Werden uns die Roboter tatsächlich die Arbeit wegnehmen?«, fragte mich ein Langzeit-Klient mit gedämpfter Stimme und gerunzelten Brauen in ängstlichem Ton.
Seine Geschäftspartnerin fiel ein und formulierte die Frage anders: »Werden uns die neuen Technologien nicht von all den langweiligen, immer gleichen Aufgaben befreien, damit wir uns auf sinnvollere Arbeiten konzentrieren können?« Ihr Ton war zunächst hoffnungsvoll, doch dann wurde sie rasch ungeduldig: »Also: Wie wird es sein?«
Im Lauf des vergangenen Jahrzehnts war in Gesprächen mit Freunden, Kollegen und Vorständen über die Rolle der Automation sowie der neuen Technologien und Beschäftigungsmodelle bei der Veränderung der Arbeitsplätze in den USA die Sorge immer greifbar. »Wie können wir mit den Maschinen Schritt halten?«, fragen sie sich. »Welche Fähigkeiten brauche ich als Voraussetzung für die Aufgaben im Jahr 2030?«, möchten sie wissen. »Wir werden nicht mehr eine, sondern ein Dutzend Karrieren haben – wie soll das überhaupt gehen?«, sorgen sie sich. »Ich habe noch nicht einmal den Studienkredit für meine erste Berufsausbildung abbezahlt.«
Es herrscht das Gefühl, dass wir an der Schwelle von etwas Machtvollem, Unaufhaltsamem und Unbekanntem stehen, das einer Flutwelle gleicht. Sie wird über alles, was wir kennen, hinwegrollen und uns verändern – wie wir arbeiten, wo wir arbeiten und was wir arbeiten, wenn wir überhaupt noch Arbeit haben. Sehr oft sind diese Unterhaltungen von Angst überschattet. Die schwindelerregenden Fortschritte in der Robotik, der künstlichen Intelligenz (KI), der digitalen Technik und bei den neuen Arbeitsmethoden erzeugen beängstigende Bilder einer dystopischen Zukunftswelt, in der Maschinen und Software die meisten Aufgaben erledigen können und menschliche Arbeiter weitgehend unnötig sind. Selbst die Abkürzung FANG, die 2013 für die vier Überflieger-Aktien Facebook, Amazon, Netflix und Google geprägt wurde, trägt zur gedanklichen Assoziation von Technologie und Monstern bei. 18
Am größten ist die Sorge darüber, ob die KI die menschlichen Fähigkeiten ergänzen oder gar ersetzen kann. Während einige nichts weniger als eine Apokalypse der Arbeit vorhersagen, konzentrieren sich andere auf das riesige Potenzial neuer Technologien, mehr Wert für die arbeitende Bevölkerung zu schaffen und uns zu befreien, damit wir unsere menschlichen Fähigkeiten besser einsetzen können. Denn die ureigenen menschlichen Fähigkeiten beherrschen auch intelligente Maschinen noch nicht: Problemlösung, kreatives Denken, komplexe Entscheidungen, Empathie und das Management von Teams. In diesem Szenario arbeiten virtuelle und diverse Teams ebenso zusammen wie Mensch und Maschine. Arbeitskräfte werden weiter beschäftigt, weil sie ihr ganzes Leben lang neue Fähigkeiten entdecken und beherrschen lernen.
»In der Medizin ebenso wie im Rechts- und Finanzwesen, im Einzelhandel, in der Produktion und selbst im Bereich der wissenschaftlichen Entdeckungen liegt der Schlüssel zum Sieg im Wettrennen nicht darin, gegen die Maschinen anzutreten, sondern mit den Maschinen«, schreiben die Autoren Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee im Jahr 2012. 19 Thomas Malone vom MIT bezeichnet die bemerkenswerte Macht, die durch die Kooperation von Menschen und Computern entsteht, als »Superminds«. 20 So liegt unsere Zukunft vielleicht in der Aussicht auf eine Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen – von der Suche nach neuen Heilmitteln für Krankheiten bis hin zum Design von neuen Tools und Systemen, die neue Produkte und neue Geschäftszweige erschaffen.
Inmitten dieser dramatisch unterschiedlichen Vorstellungen von der zukünftigen Arbeitswelt – einer Roboter-Apokalypse oder einer endlich befreiten Menschheit – versuchen nun viele Menschen zu begreifen, was heute anders ist als in bisherigen Zeiten großer technischer Fortschritte: Wie und wo passen sie in diese Welt und wie finden sie sich in der neuen Landschaft ohne Wegweiser so zurecht, dass sie weiterhin arbeiten können? Trotz der Aufregungen und Schlagzeilen über den Wandel der Arbeitswelt gibt es bisher kaum Leitlinien und Hilfestellungen, anhand derer sich die Menschen darin zurechtfinden könnten. Mein Ziel ist es, solche Leitlinien zu geben.
Beim Übergang in eine veränderte Welt werden Innovation und Experimentierfreude weiterhin unsere Rettungsanker bleiben.
Während sich viele Aufgaben teilweise verändern und einige Jobs wohl ganz wegfallen werden, werden sich gleichzeitig neue Aufgaben entwickeln. Als im 19. Jahrhundert die Landwirtschaft mechanisiert wurde, verloren zahlreiche Landarbeiter ihre Arbeit, aber letztendlich verdienten sie dann in den Fabriken umso mehr. Die Automatisierung der industriellen Produktion ersetzte im 20. Jahrhundert wiederum viele Fabrikarbeiter, aber sie wanderten ins Dienstleistungsgeschäft ab. Wir vergessen immer wieder gern, dass eine steigende Produktivität neue Arbeitsplätze schafft. Historisch gesehen führte technischer Fortschritt immer zu mehr und nicht zu weniger Arbeitsplätzen. Und da man für die neuen Jobs oft mehr Fähigkeiten brauchte, wurden sie auch besser bezahlt.
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