Mit der räumlichen Expansion NS-Deutschlands vergrößerte sich auch der Kern des Großwirtschaftsraums in Mittel- und Südosteuropa um die militärisch angeschlossenen oder wirtschaftspolitisch kontrollierten Gebiete und Staaten. Nach und nach wurde fast das gesamte Kontinentaleuropa in die Großraumwirtschaft eingegliedert. Dies führte zur wirtschaftlichen Autarkie mit einem unterschiedlichen Grad der wirtschaftspolitischen Anbindung der einzelnen Gebiete und Länder an das Deutsche Reich, beginnend mit wirtschaftlich kontrollierten Gebieten über Satellitenstaaten, die die Rolle von Ergänzungsräumen einnahmen, bis zu offiziell neutralen Ländern. Die Gestaltung des deutschen Großwirtschaftsraums erreichte ihren Höhepunkt 1941–1942 durch die Expansion in die Sowjetunion und den Krieg in Nordafrika, als Deutschland über die sogenannten östlichen Gebiete Kontrolle übernahm und eine Erweiterung des Großwirtschaftsraums bis nach Asien plante.
1Die Gründer des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags, ursprünglich "Mitteleuropäische Wirtschaftstagung", im Jahr 1925 waren der ungarische liberale Volkswirt Elemér Hantos und der bekannte österreichische Unternehmer Julius Meinl.
2Max Hahn (1895, Treis an der Mosel, heute BRD – 1939, München) war Rechtsanwalt und Volkswirt. Er stammte aus einer deutschen Notarfamilie. Er diente im Ersten Weltkrieg und verlor bereits 1914 infolge einer schweren Verletzung seine linke Hand. Anschließend studierte er Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. In den 20er Jahren wirkte er in der Leitung mehrerer rheinländischer Wirtschaftskörperschaften. 1931 wurde er Geschäftsführer des MWT und verfolgte in seiner Funktion Wirtschaftsinteressen Deutschlands und die Pläne der Konzerne, auch der I. G. Farben, in Mittel- und Südosteuropa, insbesondere im Balkan. Er billigte das nationalsozialistische Regime als notwendiges Mittel zur Durchsetzung der Interessen des deutschen Großkapitals, lehnte jedoch seine Ideologie und sein totalitäres System ab. Er starb unerwartet 1939 an einer Darmerkrankung.
3Karl Adolf Tilo von Wilmowsky (1878, Hannover – 1966, Essen) war Rechtsanwalt, Volkswirt und Unternehmer. Er stammte aus einer deutschen Adelsfamilie. Er studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten in München, Göttingen und Halle (Saale). Nach dem Studium war er im Innenministerium und als Landrat tätig. Während des Ersten Weltkriegs wirkte er in der Besatzungsverwaltung in Belgien. Er heiratete die Tochter des Unternehmers F. A. Krupp Barbara Krupp und besaß einen Gutshof in Marienthal in Sachsen. Nach 1918 wirkte er als Führungskraft in mehreren regionalen Wirtschaftskörperschaften und blieb in der Führung der Gesellschaft Friedrich Krupp-AG, zuerst als Mitglied, später als Stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates. Er war auch Mitglied des Preußischen Staatsrats und Vorsitzender der Fraktion der konservativen Deutschnationalen Volkspartei im Sächsischen Provinziallandtag. 1931 wurde er Vorsitzender des Präsidiums des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags (MWT), in dem er bis 1944 wirkte und Wirtschaftsinteressen Deutschlands durchsetzte. Nach dem Machtantritt des nationalsozialistischen Regimes wurde er zuerst seiner öffentlichen Ämter entkleidet, aber 1937 trat er der NSDAP bei, erreichte eine leitende Position bei der Reichsbahn und zählte zu den Spitzenmanagern der Kriegswirtschaft. Nach dem auf Hitler verübten Attentat im Juli 1944 wurde er mit seiner Ehefrau interniert und in das KZ Ravensbrück deportiert. Nach dem Krieg verließ er Sachsen durch die sowjetische Zone und wirkte als Führungskraft in den ehemaligen Krupp-Werken in Essen. Er sagte im Krupp-Prozess als Zeuge aus.
4Zur Gestaltung und Rolle des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags siehe folgende: FREYTAG, Carl: Deutschlands „Drang nach Südosten“. Der Mitteleuropäische Wirtschaftstag und der „Ergänzungsraum Südosteuropa“ 1931–1945. Wien: Vienna University Press: Göttingen: V & R Unipress, 2012; FREYTAG, Carl: Die Tür zwischen Deutschland und dem Donauraum ist geöffnet. Südosteuropa-Konzepte und Positionierung des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags nach dem Anschluss Österreichs 1938. In: SACHSE, Carola (eds.): Mitteleuropa und Südosteuropa als Planungsraum. Göttingen: Wallstein Verlag, 2010, S. 141-196.
5KAHRS, Horst: Von der „Großraumwirtschaft“ zur „Neuen Ordnung“. Zur strategischen Orientierung der deutschen Eilten 1932–1943. In: Modelle für ein deutsches Europa. Ökonomie und Herrschaft im Großwirtschaftsraum. Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik: 10. Berlin: Rotbuch Verlag, 1992, S. 9-28.
6Max Ilgner, Dr. (1899, Biebesheim am Rhein, heute BRD – 1966, Schwetzingen, BRD) war Manager. Er stammte aus der Familie eines deutschen Offiziers. Im Ersten Krieg kämpfte er an der Westfront. Nach 1918 studierte er Politologie an der Universität in Frankfurt a. M., wo er den Doktortitel erhielt, und Hüttenwesen und Chemie an der Technischen Schule in Charlottenburg. Zuerst fand er eine Stelle im Konzern BASF, wo sein Onkel H. Schmitz der Finanzdirektor war. Seit 1926 baute er eine Karriere in der I. G. Farben auf. Er übernahm nach H. Gattineau die Leitung der Volkswirtschaftlichen Abteilung (VoWi) und später auch der Wirtschaftspolitischen Abteilung (Wipo). Seit 1934 war er Verwaltungsratsmitglied im Konzern. 1933 lehnte er noch einen Beitritt in die NSDAP ab, Mitglied wurde er jedoch 1937. Als Vertreter der I. G. Farben war er Mitglied in Verwaltungs- und Aufsichtsräten mehrerer Unternehmen und diverser Körperschaften, Kommissionen, Ausschüssen, wie auch den Mitteleuropäischen Wirtschaftstag (MWT), wo er den Posten des Stellvertretenden Vorsitzenden erhielt. Ab 1939 war er Verwaltungsratsmitglied im Konzern Dynamit Nobel. 1941 wurde er Vorsitzender des Südost-Ausschusses, einer Organisation für die wirtschaftliche Expansion des Reichs nach Südosteuropa. Er erwarb den Titel Wehrwirtschaftsführer. Am Ende des Krieges wurde er verhaftet und im Prozess gegen die I. G. Farben angeklagt. Als einer der wenigen Konzernvertreter wurde er als Kriegsverbrecher schuldig gesprochen und zu drei Jahren Haft verurteilt. Bereits ein Jahr später wurde er entlassen. Danach befasste er sich mit Theologie und wurde Manager in der Chemieindustrie.
7Heinrich Gattineau, Dr. (1905, Bukarest – 1985, BRD) war Volkswirt und Manager. Er stammte aus der Familie eines deutschen Zahnarztes der rumänischen Königin. Er studierte an der Münchner Universität und schloss sein Studium mit dem Doktortitel ab. Er war Mitglied rechtsradikaler Körperschaften, auch der Organisation Bund Oberland, die 1923 am Hitlerputsch in München teilnahm. Er trat in die SA ein, später trat er der NSDAP bei. Seit 1928 war er bei I. G. Farben beschäftigt und als Assistent der bedeutenden Konzernmitarbeiter C. Duisberg und C. Bosch tätig. Er wurde mit der Leitung des Fachbereichs Presse, später der Wirtschaftspolitischen Abteilung (Wipo) betraut. Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte er auf dem Posten des Direktors der I. G. Farben. Die Konzerninteressen setzte er auch im MWT durch. Im Sommer 1934 konnte er nur mit Glück den Repressalien der SS gegen die SA entkommen. In den darauf folgenden Jahren leitete er die Organisation von I. G. Farben-Unternehmen in Österreich und von 1939 bis zum Kriegsende war er als I. G. Farben-Vertreter mit der Leitung des Tochterkonzerns Dynamit Nobel in Bratislava beauftragt. Nach dem Krieg wurde er interniert und im I. G. Farben- Prozess angeklagt. Nach seinem Freispruch bekleidete er weiterhin Managerposten in Chemieunternehmen im Ruhrgebiet.
8Wilhelm Karl Keppler, Ing. (1882 – 1960) war Techniker, Unternehmer, Volkswirt und Politiker. Er studierte an der Technischen Schule in Karlsruhe und an der Technischen Hochschule in Danzig. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg. Nach 1918 war er in der Chemieindustrie tätig, Mitbesitzer eines chemischen Unternehmens und Leiter der Braunkohle-Benzin AG, einer Tochtergesellschaft der I. G. Farben. 1927 trat er der NSDAP bei und wurde ihr Wirtschaftsberater. Seit 1933 war er auch Reichstagsabgeordneter und Reichskommissar für Wirtschaftsfragen. Er spielte eine Schlüsselrolle in der Rohstoffwirtschaft Deutschlands und auf internationaler Ebene war er im MWT tätig. 1932 trat er in die SS ein. Er gründete den Freundeskreis Reichsführer SS (Keppler-Kreis). 1936 zählte er zu den Organisatoren des Vierjahresplans als persönlicher Berater von Göring. Er erhielt den Titel Generalexperte für deutsche Rohstoffe und Industriematerialien. Zwischen 1938 und 1939 nahm er an der Organisation des Anschlusses Österreichs, der Zerschlagung der ČSR, der Entstehung des Slowakischen Staates und den Vorbereitungen des Überfalls auf Polen teil. Er wurde Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und organisierte die Übernahme der Industrie im besetzten Polen und der Sowjetunion. 1943 wurde er zum SS-Obergruppenführer ernannt. Nach dem Krieg wurde er im Wilhelmstraßen-Prozess angeklagt t und 1949 als Kriegsverbrecher zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt. Seine Entlassung erfolgte jedoch bereits 1951.
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