»Burj Khalifa, meinen Sie«, verbesserte ihn Zeller.
»Meinetwegen. Der fragte doch allen Ernstes, ob der schon einen Aufzug von TK Elevator hat. Als ob ich das wüsste. Bin ich denn der liebe Gott? Ich hatte alle Hände voll zu tun. Gegen 22 oder 22.30 Uhr war die Veranstaltung vorbei. Ehe alle Gäste das Haus verlassen hatten, war es 23.30 Uhr. Danach räumten die Mädels das Geschirr und die Getränke weg. Erst nach 24 Uhr war alles ruhig.«
»Was haben Sie dann gemacht?«
»Eine geraucht.«
Zeller zog die Augenbrauen hoch. Hatte er nicht gerade behauptet, nie seinen Platz verlassen zu haben? Die Frage, wo er denn seine Zigarette geraucht habe, verkniff er sich. Stattdessen wollte er von ihm wissen: »Sind Sie immer allein? Die ganze Nacht?«
»Eigentlich nicht. Wir sind unterbesetzt. Viele sind krank, andere auf Fortbildung. Die sparen, wo sie können.«
»Und dann? Was passierte heute Morgen, als die beiden Reinigungsfrauen ankamen? Alles wie gehabt?«, hakte der Kommissar nach.
Seidel stieß mit einem lauten Zischen die Luft durch die zusammengepressten Lippen aus. Mit zunehmender Dauer des Gesprächs rutschte der Sicherheitsmann immer unruhiger auf seinem Stuhl hin und her. Wenn er in Richtung des Hauptkommissars ausatmete, ließ sein Mundgeruch Zeller den Atem stocken.
»Alles war wie immer. Nichts Besonderes. Die Mädels kamen um 6 Uhr, trugen sich in die Liste ein und nahmen sich aus dem Abstellraum, was sie brauchten. Es war alles wie an jedem Samstag.«
»Nein, das stimmt nicht! Es war nicht wie immer. Die Mädels, wie Sie sie nennen, wurden getötet. Und Sie hätten das verhindern müssen. Dafür hat man Sie angestellt. Wo waren Sie heute Morgen, als Ihre Chefin kam?«
»Wo soll ich schon gewesen sein! Hier am Tresen natürlich.«
»War die Eingangstür verschlossen?«
»Logisch. Ich hatte Ihnen gesagt, es war wie immer. Außerdem, was soll diese Befragung? Ist ja wie beim Verhör hier.«
»Sie sind Zeuge, Herr Seidel. Zeugen werden immer am Tatort befragt. Das ist Routine. Bitte nur noch eine Antwort auf meine letzte Frage.«
Der Wachmann stand auf und baute sich mit den Händen in den Hosentaschen breitbeinig vor Zeller auf. »Ich höre?«
»Wieso sagen Sie, dass die Tür verschlossen war? Frau Schatz behauptet das Gegenteil. Und wo kamen Sie her, als sie die Halle betrat? Sie waren nicht an Ihrem Platz!«
»Die Schatz, die spinnt doch. Wahrscheinlich hat sie noch nicht richtig ihre Äuglein aufbekommen, so verschlafen wie sie in der Früh hier manchmal erscheint. Natürlich war die Tür verschlossen. Ich selbst habe sie extra kontrolliert. Das mache ich jeden Tag so. Dabei habe ich draußen etwas gesehen. Da stand nämlich ein Auto auf dem Vorplatz. Wohlgemerkt nicht auf dem öffentlichen Parkplatz, sondern auf dem Platz gegenüber dem Mitarbeitereingang. Ich dachte schon, da wird aber lange gearbeitet. Darüber hatte ich mich gewundert. Alle Gäste und Mitarbeiter waren schließlich schon seit Stunden zu Hause.«
»Was für ein Auto? Fabrikat? Farbe? Haben Sie sich das Nummernschild gemerkt?«
»Dieses Auto kam mir bekannt vor. Ein Daimler. Rot. So einen, wie ihn der Schuhmacher fährt. Eine alte Kiste jedenfalls.«
»Wen meinen Sie mit Schuhmacher? Den Richter am Landgericht?«, fragte Zeller alarmiert.
»Na klar meine ich den Richter Unbarmherzig, der hat doch gestern hier referiert. Da drüben hängt noch ein Plakat. Hat man Ihnen das nicht erzählt? Es kam zu einem noch nie dagewesenen Vorkommnis.«
Zeller schaute in die Richtung, in die Seidel zeigte, und las: ›Demokratie und harte Strafen – ist das ein Widerspruch?‹ Er wunderte sich selbst darüber, dass es ihm nicht eher aufgefallen war. »Was für einen Vorfall?«
»Gegen 21.30 Uhr wurde ich gerufen. Da gab es im Konferenzsaal eine lautstarke Diskussion zwischen Schuhmacher und einem Mann. Der wollte sich nicht beruhigen und beschimpfte Schuhmacher als Richter ohne Mitleid, als rabiaten Schreckensherrscher, als Tyrannen in Robe. Da musste ich einschreiten und ihn rauswerfen.«
»Ich denke, Sie haben Ihren Platz nie verlassen?«, merkte Zeller an.
»Sorry, das hatte ich vergessen. Es war das einzige Mal. Ehrlich!«
Zeller machte sich eine Notiz in sein kleines Heft. Das war erstaunlich. Unvermutet ein erster Verdächtiger. Ob er die Personendaten wüsste, fragte Zeller den Wachmann. Seidel verneinte. Wieso auch, der Mann habe den Turm auf seine Bitte hin sofort verlassen.
»Wo ist das Auto des Richters jetzt?«
»Keine Ahnung. Als ich vor ein paar Minuten danach schaute, war es nicht mehr da. Er muss es abgeholt haben. Davor jedenfalls stand es die ganze Nacht da.«
»Das ist unmöglich. Schuhmacher ist seit heute Morgen nicht mehr unter den Lebenden. Befand sich nur dieses eine Auto heute Morgen hier?«
»Nein, drei«, antwortete der Wachmann.
»Drei?«, fragte Zeller verwundert.
»Na, das Auto von dem Richter und der Porsche vom Rechtsanwalt Hirsch«, antwortete Seidel mit Unschuldsmiene.
»Rechtsanwalt Hirsch?«
»Der war auch bei der Veranstaltung und ist danach wahrscheinlich zu Fuß nach Hause gelaufen. Doch auch sein Flitzer ist mittlerweile weg.«
»Und der dritte Wagen?«
»Das war mein Auto«, antwortete der Wachmann mit unverschämtem Grinsen.
Zeller grinste zurück und belehrte den Witzbold. Er könne jetzt gehen, vorerst seien sie fertig. Er solle seine Adresse bei den uniformierten Kollegen hinterlassen und sich verfügbar halten. Zeller störte Seidels freche Art. So obercool aufzutreten angesichts einer wenige Stunden zurückliegenden grausamen Bluttat, warf kein gutes Licht auf ihn. Wenn er annahm, damit durchzukommen, hatte er sich gewaltig geirrt. Da war noch recht viel unbeantwortet geblieben, was dringend geklärt werden musste. Doch die nächste Befragung würde nicht hier im Turm stattfinden. Dafür war das Polizeirevier besser geeignet.
»Haben Sie die Namen aller Teilnehmer? War die gestrige Veranstaltung gut besucht?«, fragte Zeller seine neue Kollegin, kaum hatte er sie im Foyer des Turms wieder angetroffen.
»Es gibt keine Liste der anwesenden Zuhörer. Die Karten wurden nicht online angeboten, sondern von den Veranstaltern ausgegeben. Es war eine Gemeinschaftsveranstaltung des Rotary und des Lions Clubs. Einmal im Jahr findet ein Abend zu einem bestimmten Thema mit einem geladenen Referenten statt. Als Ansprechpartner fungierte der Präsident des Rotary Clubs, ein gewisser Herr Stranger. Über ihn lief alles zusammen. Der Club buchte den Referenten und übernahm die Kosten. Was der Richter für den Vortrag ausgezahlt bekam, weiß ich nicht. Meistens spenden die Referenten den Betrag an eines der Hilfsprojekte ihrer jeweiligen Organisation. Es ist nicht billig, das große Konferenzzimmer im Turm zu mieten. Da legen Sie für vier Stunden schon ein paar Tausend Euro hin. Dazu noch Getränke, Fingerfood und ein kleiner Snack als Bewirtung – man hat sich nicht lumpen lassen. Gleichfalls gab es einen Spendenaufruf an die Gäste für ein Projekt in Südamerika. Das ist bei derartigen Veranstaltungen gang und gäbe. Rotary unterstützt soziale Hilfsprojekte in der ganzen Welt, da wird immer Geld benötigt.«
Zeller hegte schon die Befürchtung, dass Jones mit ihrem Monolog nie zum Ende kommen würde. Als sie eine kurze Pause einlegte, um Luft zu holen, nutzte er den Moment und sagte: »Haben Sie den Präsidenten vom Rotary kontaktiert? Ich kenne ihn persönlich. Er ist ein guter Mann.«
Elli schüttelte den Kopf. »Leider habe ich ihn nicht erreicht. Dafür den vom Lions Club, einen Herrn Brauer. Aus seinem Verein sind insgesamt 35 Leute gekommen. 40 waren ursprünglich angemeldet, also konnten noch fünf Personen aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis mitgebracht werden. Die Beschaffung dieser Namen wird etwas Zeit in Anspruch nehmen. Brauer hat versprochen, sich darum zu kümmern.«
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