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Im Lagerhaus war Gert endlich bis zu den drei Kisten vorgedrungen, die er suchen sollte. Im Schein der Handlaterne entdeckte er das schwarze Kreuz und atmete erleichtert auf. Er stellte die Laterne auf einer Tonne ab, nahm die Brechstange zur Hand und versuchte, den zugenagelten Deckel aufzuhebeln. Es war viel schwerer als erwartet, sodass Gert seine Anstrengungen deutlich verstärken musste. Die Muskeln seiner Arme begannen bereits zu brennen, und der Schweiß lief ihm in die Augen, als plötzlich der Deckel mit einem knirschenden Geräusch aufsprang. Schwer atmend ließ Gert das Eisen fallen und begann, den Inhalt der Kiste zu durchwühlen. Dann fand er das Gesuchte und richtete sich auf. Da ist das Paket, nun will ich schnell zurück zum Kapitän, dachte er voller Erleichterung. Gerade als Gert zur Laterne greifen wollte, tauchte neben einem der Kistenstapel eine Gestalt auf. Erschrocken fuhr Gert zurück und ließ dabei das Bündel fallen.
»Halt! Was tust du da? Wie kommst du in mein Lagerhaus?«, wollte der Unbekannte wissen.
Mit einem schnellen Satz war er heran und umklammerte mit eisernem Griff das rechte Handgelenk des Jungen.
»Wer bist du? Was hast du in meinem Lagerhaus zu suchen?«, verlangte der Mann erneut nach einer Antwort.
»Ich sollte … ich dachte … dieses Paket …«, stotterte Gert voller Panik.
Die dunklen Augen des herrschaftlich gekleideten Mannes funkelten ihn verärgert an.
»Was? Rede endlich deutlich!«, forderte er drohend.
Gert kämpfte mit den Tränen. Am liebsten wäre er zu Hause bei seinen Eltern. Doch er fand die erforderliche Kraft, um nach dem Bündel zu greifen und es in die Höhe zu halten.
»Herr Stones und Kapitän Stürmer, die draußen warten, haben mich hierhergeschickt, um aus der Kiste dieses Paket zu holen. Sie sagten, das Lagerhaus gehört Herrn Stürmer, der den Schlüssel vergessen hatte. Er brauchte aber das Paket augenblicklich«, erklärte Gert mit immer sicherer werdender Stimme.
Der Unbekannte hatte mittlerweile seinen Griff gelöst und lauschte aufmerksam den Worten des Jungen. Im blakenden Licht der Handlaterne glitzerte seine Halskette, die auf einen gewissen Wohlstand hindeutete.
»Ich kenne keinen Stones und keinen Stürmer. Dieser Speicher gehört mir, und du bist der abgefeimteste Einbrecher, der mir je untergekommen ist«, stieß der Mann hervor.
Gerts aufkeimende Hoffnung verflog sofort wieder, und erneut packte ihn eine Mischung aus Wut und Scham. Bevor er etwas erwidern konnte, packte der Mann ihn am Kragen und stieß Gert in einen verschließbaren Verschlag.
»Marsch! Hier hinein mit dir. Ich will mich inzwischen mit den Burschen befassen, die nach deinen Worten draußen warten«, sagte er dabei.
Gert kämpfte um sein Gleichgewicht, und als er es gefunden hatte, wandte er sich zur offenen Tür um.
»Glauben Sie mir doch. Ich sage die Wahrheit!«, flehte er.
Der Mann musterte den Jungen mit ausdrucksloser Miene.
»Das will ich feststellen«, erwiderte er dann knapp.
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Vor dem Lagerhaus warteten Stones und Stürmer unterdessen immer noch auf die erfolgreiche Rückkehr Gerts. Plötzlich fuhr Stones mit gefurchter Stirn herum. Er hob mahnend eine Hand in die Höhe.
»Stürmer. Ich höre Stimmen. Gert ist entdeckt worden. Wir müssen uns aus dem Staub machen«, stieß er hervor.
Als die beiden Männer sich zur Flucht abwendeten, kam Hansen mit erhobenem Degen angerannt. Aber Stürmer und Stones verschwanden gerade noch rechtzeitig in der Dunkelheit.
»Schnell fort, eher er uns entdeckt«, raunte Stürmer im Laufen seinem Kumpan zu.
Hansen bemerkte die Schatten zwar noch, musste aber schnell die Verfolgung aufgeben. Er konnte die Gestalten nicht mehr erspähen. Er nahm den Degen herunter und kehrte zum Tor an seinem Lagerhaus zurück. Im schwachen Schein des Mondes untersuchte er es, so gut es ging. Durch diesen Spalt scheint der Junge eingestiegen zu sein, dachte er bei dessen Anblick. Möglich ist’s immerhin, dass er die Wahrheit spricht. Nun, wollen sehen. Ich werde ihn zu seinen Eltern bringen, fasste er innerlich einen Entschluss und kehrte zurück ins Innere des Schuppens. Wenig später brachte Kaufmann Hansen, der wahre Eigentümer des Lagerhauses, Gert zur elterlichen Wohnung.
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Kurz darauf stand ein am Boden zerstörter Gert vor seinem Vater, einem angesehenen Bürger der Stadt.
»Sie bringen meinen Sohn? Was hat er wieder angestellt?«, fragte der den Kaufmann.
Hansen erzählte, was vorgefallen war. Gert stand mit gesenktem Kopf zwischen den Männern. Kaum hatte der Kaufmann seinen Bericht beendet, wandte der Vater sich mit erboster Miene an seinen Sohn.
»Und was hast du dazu zu sagen, Gert?«, wollte er wissen.
Stockend und ab und zu vom Schluchzen unterbrochen, berichtete Gert auch ihm wortgetreu seine Erlebnisse. Vor Scham wäre er am liebsten im Boden versunken, aber er beschönigte nichts. Als er alles gebeichtet hatte, wartete Gert mit erneut gesenktem Haupt auf die Reaktion seines Vaters.
»Schicken Sie den Jungen jetzt zu Bett, Herr Randolf. Er hat’s nötig«, empfahl der Kaufmann.
Gert schaute verwundert zu seinem Vater, der sich nach kurzem Überlegen dem Vorschlag anschloss.
»Also geh zu Bett, Gert. Wir sprechen uns morgen!«, sagte er.
Nachdem der Junge den Raum verlassen hatte, setzten die beiden Männer sich an den Tisch, um zu beratschlagen.
»Gehen Sie mit Ihrem Sohn morgen nicht zu streng ins Gericht, Herr Randolf. Ich glaube, Gert ist da in ein Abenteuer verwickelt worden, das unsere ganze Aufmerksamkeit erfordert«, erklärte Hansen.
Das Licht der Kerzen tanzte im Rücken von Gerts Vater, sodass die Schatten auf dem Tisch lebendig zu sein schienen. Er betrachtete den Kaufmann verwundert.
»Wie das?«, bat er um mehr Auskunft.
»Hören Sie zu! In diesem Paket befinden sich Seekarten und ein Plan, die den Weg zu einer unbekannten Schatzinsel weisen. Es heißt, auf der Insel sollen die Schätze Störtebekers vergraben sein«, sagte Hansen.
Er bemerkte den Anflug von Zweifeln im Gesicht seines Gegenübers.
»Ich erwarb eine Kiste mit diesem Paket vor Jahren auf einer Versteigerung, ohne zu ahnen, was sie enthielt. Später entdeckte ich die Sachen, ohne sie jedoch verwerten zu können«, sprach er schnell weiter.
»Und weiter?«, hakte Gerts Vater weiterhin zweifelnd nach.
»Nun, das ist klar. Irgendwelche Leute sind hinter diesen Plänen her. Euer Sohn war dumm genug, sich dafür missbrauchen zu lassen«, schloss Hansen seinen Bericht.
Im Gesicht von Gerts Vater arbeitete es. Ganz offensichtlich versuchte er, sich einen Reim auf diese Geschichte zu machen. Da erhob der Kaufmann sich und nahm das Bündel wieder an sich.
»Ich will versuchen, die Kerls zu fangen. Ihr Sohn ist allerdings der Einzige, der sie gesehen hat und genau beschreiben kann. – Also, Gute Nacht und bis morgen!«, verabschiedete er sich.
Gerts Vater hatte sich ebenfalls erhoben und streckte dem Kaufmann seine Hand hin.
»Gute Nacht! Und seid auf den nächtlichen Straßen vorsichtig!«, mahnte er zum Abschied.
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Kurz darauf eilte Hansen mit dem Paket in der Hand durch die verlassen daliegenden Gassen Lübecks. Plötzlich stürzten zwei Gestalten auf den völlig überraschten Kaufmann zu. Sie packten seine Arme und bedrohten ihn mit einem massiven Holzknüppel.
»Das Paket her!«, forderte Kapitän Stürmer.
Er drückte den überrumpelten Mann gegen eine Hauswand, sodass Hansen sich nicht wehren konnte.
»Nimm das Paket, Stones. Ich halte ihn!«, stieß Stürmer hervor.
»Halunken!«, brüllte der aufgebrachte Hansen.
Seine Stimme brach sich an den Wänden der Nachbarhäuser. Stones entriss Hansen das Paket und setzte sich in Bewegung.
»Komm, Stürmer. Ich habe die Pläne!«, rief er dabei.
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