Sie mussten einem Schauermann Platz machen, bevor der Kapitän weitersprechen konnte.
»Hier habe ich eine sehr wichtige Nachricht für einen Freund von mir. Da ich das Schiff nicht verlassen will, ehe die Ladung gelöscht ist, suche ich einen schnellen, verlässlichen Boten, der sich in Lübeck auskennt«, sagte er.
In seiner Rechten hielt Kapitän Stürmer einen Umschlag, der mit einem Wachssiegel versehen worden war.
»Das bin ich, Herr Kapitän!«, versicherte Gert eifrig.
Er musste einen weiteren forschenden Blick über sich ergehen lassen, bevor Kapitän Stürmer sich entschieden hatte.
»Nun gut! Hier hast du einen Schilling. Lauf und bring das Schreiben Herrn Stones, den du in der Hafenkneipe ›Zum Walfisch‹ findest«, erklärte er und überreichte Gert den Umschlag.
Der schob die Münze schnell in seine Hosentasche und ging von Bord. Gert eilte flink wie ein Wiesel an den geschäftigen Menschen im Hafen vorbei. Er kannte die Kneipe und wählte den kürzesten Weg dorthin. Er war glücklich, für einen Kapitän den Auftrag ausführen zu dürfen.

Wenig später erreichte Gert die Kneipe. Deftige Gesänge aus rauen Männerkehlen tönten bis hinaus auf die schmale Gasse davor. Gert wich einem Matrosen aus, der torkelnd durch die Eingangstür trat. Sein Herz hämmerte erneut in seiner Brust, doch dieses Mal mehr aus Angst als vor Aufregung. Gert hatte aber ein Versprechen abgegeben, also betrat er kurz entschlossen den verräucherten Gastraum. Sein Blick blieb an einem von der Decke baumelnden Schwertfisch hängen, während er wegen des beißenden Tabakrauches zu husten begann. Gert zuckte zusammen, als eine derbe Hand sich schwer auf seine Schulter legte.
»Hallo, was hat sich denn da für ein seltsamer Vogel zu uns verirrt?«, rief eine dunkle Männerstimme.
Gert fuhr herum und erwiderte den spöttischen Blick eines Mannes, der nach Matrosenart ein Tuch auf dem Kopf gebunden hatte.
»Komm her, sollst auch einen Schnaps haben«, rief ein anderer Mann mit einem Grinsen im Gesicht.
Gert hustete erneut.
»Gebt ihm Milch, Herr Wirt. Da kommt ein Säugling«, mischte sich der Matrose lautstark ein und ließ anschließend ein höhnisches Gelächter hören.
Weitere Gäste des ›Walfisch‹ schauten Gert mit verhangenen Augen an. Zum Glück hatte er sich mittlerweile ans Dämmerlicht gewöhnt, und der Husten war auch vorbei. Dafür setzte ihm der schwere Alkoholdunst sehr zu, sodass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Trotzdem setzte Gert sich in Bewegung. Er kam jedoch nicht sehr weit, denn nach nur wenigen Schritten stellte sich ihm ein bärenstarker Matrose in den Weg. Er schaute aus tückischen Augen hinab in Gerts Gesicht, der mit flauem Gefühl in der Magengrube die breiten Schultern sowie die schwieligen Fäuste des Matrosen zur Kenntnis nahm.
»Was willst du hier, hm? Das ist ein Lokal für Männer und nicht für Babys«, sagte der Mann.
Es klang wie das bedrohliche Grollen eines nahenden Gewitters. Gert sammelte seinen Mut und gab Antwort.
»Ich soll diesen Brief hier Herrn Stones übergeben. Der Kapitän …«, setzte er an.
Bevor er zu Ende sprechen konnte, riss ihm der Matrose blitzschnell das Schreiben aus der Hand.
»So! Jetzt habe ich den Brief. Nun gib ihn doch Herrn Stones, wenn du kannst!«, höhnte er und feixte dabei herausfordernd.
Sein spöttisches Lachen traf Gert ins Mark. Eine wilde Wut erfasste den Jungen, der sich mit einem Satz auf den Matrosen stürzte. Seine Fäuste trommelten auf den Magen des viel größeren Mannes ein.
»Gebt das Schreiben her! Es gehört nicht Euch!«, brüllte Gert dabei.
Doch der Matrose wankte nicht einmal. Stattdessen verhöhnte er weiter aus vollem Hals die sinnlosen Bemühungen des Jungen.
»Das ist zum Lachen! Da will eine Maus einen Elefanten angreifen«, stieß der Matrose zwischen wieherndem Gelächter hervor.
Er war so von sich überzeugt, dass er triumphierend in die Runde schaute. Ehe der Matrose sich versah, sprang Gert hoch und griff sich das Schreiben aus der Rechten des Mannes.
»Herr Stones! Herr Stones!«, rief er und zwängte sich eilig zwischen den eng stehenden Tischen hindurch.
Gerts Blick huschte über die Gesichter der Gäste.
»Warte, Bürschchen!«, brüllte der Matrose wutentbrannt.
Er versuchte, dem Jungen zu folgen, doch Gert war wesentlich kleiner und flinker. Dennoch kam er ihm gefährlich nahe. Gerade als der Matrose seine Pranke nach der schmalen Schulter des Jungen ausstreckte, meldete sich ein Mann mit einer auffälligen Narbe an der rechten Wange zu Wort.
»Was gibt es? Hier bin ich«, sagte er.
Voller Erleichterung streckte Gert dem Mann das Schreiben hin.
»Mit Verlaub, Herr Stones. Ich soll Ihnen dieses Schreiben von Kapitän Stürmer überbringen«, stieß er aufgeregt hervor.
Dabei spürte er den heißen Atem des wütenden Matrosen in seinem Nacken und duckte sich unwillkürlich. Gert rechnete jeden Augenblick damit, dass er dessen grobe Faust zu spüren bekam.
»Treyser, lasst den Jungen in Ruhe! Ihr wisst doch, dass ich Eure derben Späße nicht mag«, wandte Herr Stones sich barsch an den Matrosen in Gerts Rücken.
Der brummte etwas Unverständliches, zog sich dann aber tatsächlich zu Gerts Erleichterung zurück. Stones schob den Jungen mit einer Hand vor sich her zu einer Tür im hinteren Bereich der Kneipe.
»Ah – Kapitän Stürmer? Ist er wieder hier? Warum kommt er nicht selbst?«, fragte er gleichzeitig.
Offenbar bemerkte er die Verwirrung bei Gert, denn er legte seinen Arm um den Jungen.
»Nun, egal. Komm, folge mir hier hinein. Ich will die Nachricht lesen. Vielleicht kannst du eine Antwort überbringen«, plauderte er weiter, während er den Jungen ins Hinterzimmer schob.
An der Tür wandte Herr Stones sich um, warf prüfende Blicke zurück in den Gastraum, bevor er sie schloss. Gert betrachtete die Regale an den Wänden, auf denen Flaschen mit Schnaps neben Trinkgefäßen lagerten. Durch ein schmales, vergittertes Fenster rieselte Tageslicht in den Raum. Nachdem Herr Stones die Tür geschlossen hatte, deutete er auf einen Stuhl vor einem aus massivem Holz gezimmerten Tisch.
»Hier sind wir ungestört. Setz dich. Ich will lesen, was es gibt«, sagte er.
Gert kam der Aufforderung nach und blieb stumm, während Herr Stones das Siegel am Brief erbrach und den Inhalt studierte. Sein wacher Blick huschte über die Zeilen, von deren Inhalt er jedoch kein Wort an Gert verriet. Kapitän Stürmer forderte Stones darin auf, sich den Jungen genau anzusehen. Er vermutete, dass Gert sich für einen nicht näher bezeichneten Zweck ausgezeichnet eignen würde. Der Kapitän wies Stones weiter an, den Jungen irgendwie gefügig zu machen und um Schlag neun Uhr am vereinbarten Treffpunkt zu erscheinen. Herr Stones faltete das Schreiben schließlich wieder zusammen und verbarg es unter seinem Wams.
»Der Kapitän hat mir eine sehr wichtige geschäftliche Mitteilung gemacht«, erklärte er vage Gert gegenüber.
Der erhob sich und machte Anstalten, das Hinterzimmer zu verlassen. Auch Herr Stones stand auf und hielt Gert mit einer Geste zurück.
»Willst du schon gehen? Warte doch! Du musst doch deinen Botenlohn bekommen«, rief er.
Gert schüttelte abwehrend den Kopf.
»Danke. Aber Kapitän Stürmer hat mir bereits einen Schilling geschenkt«, erklärte er.
Zu seiner Verblüffung lachte Herr Stones amüsiert auf.
»Einen Schilling?«, fragte er und lachte erneut.
Gert schaute Herrn Stones fragend an.
»Das ist wahrlich wenig. Nun ja, Stürmer ist ein Geizkragen. Ich will dir fünf blanke Goldstücke geben. Das ist mir die Nachricht wert«, sagte der.
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