Die Vermutung liegt nahe, dass das bekannte Yin-Yang-Symbol einst den schwarzen Punkt im weißen Kreis darstellte und erst im Laufe des Patriarchats die Spaltung erfahren hat, uns seiner Wahrhaftigkeit beraubt und die Harmonie zwischen männlich-weiblich als gleiche Kräfte nur vorgaukelt. Männlich und weiblich sind gleichwertige Kräfte, im Sinne gleichgültiger Kräfte, durch deren Zusammenspiel sich Leben vollzieht. Und doch ist die Kraft des Weiblichen vorgeordnet nicht im Sinne der Rangfolge, sondern als Grundlage allen Seins. Das Weibliche ist die treibende Kraft oder der Boden, auf dem sich Leben entwickeln kann.
Alles Leben entspringt dem Mutterschoß
Wer das Leben in seiner tiefen Dimension erfassen will, kommt nicht umhin, sich mit der Kraft des Weiblichen als form- und strukturgebendes Element zu befassen. In China existiert bis heute ein geheimes Wissen der Frauen, das im Qi Gong als Weg der Göttin, wie es Brigitte Gillessen (*1947) in ihrem gleichnamigen Buch für westliche Frauen zugänglich macht, seit 1200 Jahren weitergegeben wird und das sich mit der Arbeit an der Lebensenergie des Menschen und damit dessen Heil- und Ganzsein befasst. Als Göttinnengestalt hat sich in China im Laufe der Zeit und unter männlicher Dominanz – die Füße der jungen Frauen wurden jahrhundertelang abgebunden, damit sie über die Erde nicht ihre volle Kraft aufnehmen konnten – nur die weibliche Form von Buddha erhalten, die Bodhisattva. Sie ist die Göttin der Barmherzigkeit und alles Leben spendende Mutter. Noch heute erhält sie den meisten Zuspruch unter den Gläubigen des Mahayana-Buddhismus in Ostasien.
Die Ursilbe Ma , die in allen Sprachen der Welt vorkommt, steht dabei für die Urmutter allen Seins und ist weltweit die erste Silbe, die Babys von sich geben – und daher das Urwort für Mutter. Die Ursilbe Ma finden wir auch in Nepal wieder: In der Landessprache heißt etwa der höchste Berg der Welt, der Mount Everest, Chomulung-Ma , was so viel bedeutet wie Mutter des Universums oder weiße Himmelsgöttin . Die Einwohner Nepals empfinden es noch heute als Frevel, dass die weibliche Kraft der Natur durch die Umbenennung des heiligen Berges durch ihre Bezwinger entehrt wird. Auf diese Weise ist die Verbindung von Natur und weiblicher Schöpfungsquelle für Generationen verschüttgegangen.

Der höchste Berg der Erde ist die weiße Himmelsgöttin.
In jüngster Zeit gibt es Bestätigung für diese Sichtweise – wenn auch möglicherweise unbewusst oder göttlich geleitet – von Papst Franziskus. Er setzt sich vehement für die Heilung von Natur und Mutter Erde ein. Von ihm stammt auch der Satz: »Der Name Gottes ist Barmherzigkeit«. Das Jahr 2016 rief Papst Franziskus zum Jahr der Barmherzigkeit aus und öffnete damit der Urmutter das Tor in diese Welt. Losgelöst von der F rage, ob die katholische Kirche sich inzwischen selbst im Irrgarten aus überschriebenen Wegweisern zum Ursprung verrannt hat, ob sie die Zusammenhänge weiterhin gezielt missachten will oder ob Papst Franziskus sogar eine weibliche Kirche vorbereitet – das Wort Barmherzigkeit ist gut gewählt und noch immer kraftvoll, weil es mit dem Urgrund in direktem Zusammenhang steht. Wir haben dieses Wissen verloren, da es bei der Übersetzung der Bibel ins Griechische ausradiert wurde. Das Wort Barmherzigkeit wurde im Hebräischen und in den alten Kulturen mit dem Wort Mutterschößigkeit, also mit Gebärmutter und Vulva gleichgesetzt, wie Hanna Strack herausgearbeitet hat. (Quelle: Hanna Strack Spirituelle Reise zur Gebärmutter. Entdecken – Staunen – Würdigen) . Der Schoß ist der Quell göttlicher Liebe.
Wenn der Name Gottes Barmherzigkeit ist, wie Papst Franziskus sagt, dann hat Gott einen Mutterschoß und ist urweiblich.
Die Gebärmutter beherbergt seit jeher den Glauben an das Göttliche, sie ist der Urgrund allen Seins, denn in ihr entsteht, wächst oder stirbt Leben und wird schließlich von dort aus ins eigene Leben entlassen. Barmherzigkeit ist untrennbar mit dem weiblichen Schoß und den urweiblichen Qualitäten einer Frau und Mutter verbunden. Das Weibliche steht für den heilsamen Wandel, die Naturverbundenheit – und der Frauenkörper ist daher symbolwürdig für das Göttliche (Quelle: Hanna Strack, Interview beim Online-Kongress: Sex, Spirit & Birth ).
Die weiblichen Geschlechtsorgane ähneln einem Kuhkopf mit Hörnern, weshalb Hörner auch ein Attribut der Großen Göttin sind und Kühe in Indien als heilige Tiere gelten.
Der weibliche Körper und die Sexualität sind heilig, da sie neues Leben hervorbringen. Zeugung und Geburt sind die zwei Seiten der weiblichen Sexualität. Bei der Geburt wirkt die universelle Schöpfungskraft unmittelbar im weiblichen Körper und ist keine transzendente Größe, die außerhalb des Körpers oder in tiefer Meditation erfahrbar ist, sondern für Frauen mit jeder Faser ihres Körpers spürbar. Sie durchströmt die Frau bei der Geburt in ihrer Ganzheit auf allen Ebenen.
Wenn in vielen Kulturen stattdessen die Gebärmutter oder Vulva als der Ort angesehen wurde und noch immer wird, durch den der Teufel in die Welt komme und über den die Erbsünde weitergegeben werde, so zeigt das auf drastische Weise, wie weit wir uns vom Ursprung entfernt haben. Wie das Christentum so konnten auch die anderen monotheistischen Weltreligionen nur durch die systematische Abwertung der Frau ihre Ansicht über die Welt und damit ihre Glaubensrichtung und Macht durchsetzen. Die Ausgrenzung von Frauen aus führenden Positionen in den Weltreligionen ist aus Sicht der geistlichen Klasse eindeutig damit zu begründen, dass ihnen der Platz in der Nähe der Göttlichkeit verwehrt werden musste, da sie sich sonst an die natürliche Nähe des Weiblichen zum Göttlichen erinnern würden. In der Folge kam viel Leid über die Frauen und dauert noch immer an. Aber nicht nur über sie, denn wenn der weibliche Körper und die weibliche Kraft das Tor zum Göttlichen und Paradies auf Erden sind, sind wir durch die Verkehrung der Zusammenhänge in einer lebensfeindlich gewordenen Welt alle von einem Leben in Freude, Frieden und Verbundenheit abgeschnitten.
Die weibliche Schöpfungsgeschichte
Die universelle Schöpfungskraft ist also eine durch und durch weibliche Kraft. Andrea Dechant (*1957), Malerin und Forscherin über den alten Göttinnenkult, schreibt dazu: »In nahezu allen Mythen, Religionen und Kulten wird der Schöpfungsakt, dieses Ur-Gebären entweder einer weiblichen Gottheit zugeschrieben oder einem Götterpaar. Auch unter dem uns bekannten ›Heiligen Geist‹ verstand man seit jeher eine göttliche Kraft mit eindeutig weiblichen Zügen. Personifiziert und verehrt als Sophia, die große Muttergöttin des Juden- und Christentums, welche der Welt das Licht brachte und von Ewigkeit her eingesetzt war. Sophia ist die verkörperte Frau Weisheit. Alles ist möglich in diesem Urzustand. Sophia tanzt – leicht wie die Zeit – ihren kosmischen Tanz. Ihre Schwingung ist der wilde Urknall, dem Wirbel, Bewegungen, Töne entsprangen, Räume, Zukünfte, erste Vergangenheiten. Sie erstreckt sich über das sich freudig ausdehnende All. Sie manifestierte sich aus dem Absoluten, dem Urklang und ist als dynamische Energie während des gesamten Schöpfungsaktes die treibende, die weise, die kreative Kraft. Was für ein anderes Bild der biblischen Schöpfungsgeschichte. Was für eine Lebensfreude, die daraus spricht.« (Quelle: www.flowbirthing.de, Blogbeitrag Weibliche Schöpfungskraft vom 24. Mai 2015).
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