Die Urmutter ist die ewige Mutter allen Seins – von ihr geht alles aus und zu ihr geht alles zurück. Dazu gehört auch die Tatsache, dass alle Menschen in der embryonalen Reifungsphase der ersten sieben Wochen weiblich sind. Das Weibliche ist sozusagen das Ursprungsgeschlecht. Erst danach entscheidet ein Hormonmix im Körper der Mutter, ob sich aus dem weiblichen Urgeschlecht ein weibliches oder männliches Kind weiterentwickelt. Ihrem Ursprung nach sind also alle Menschen weiblich, wie auch die universelle Schöpfungsenergie weiblich ist. Weiblichkeit ist die Grundausrichtung des Lebens.
Im Ursprung ist das Leben weiblich: Hier entspringt Leben immer wieder neu.
Auch heute noch existieren Lebewesen, die sich rein weiblich vermehren. Das legt die Vermutung nahe, dass das Männliche am Beginn der Zeit nicht zwingend vorhanden war; ohne das Weibliche gäbe es jedenfalls kein Leben.
Die Parthenogenese (altgriechisch nαpøevoyéveαiç parthenogenesis, von nαpøśvoç parthenos »Jungfrau« und yéveαiç genesis »Geburt«, »Entstehung«), auch Jungfernzeugung oder Jungferngeburt genannt, ist eine Form der eingeschlechtlichen Fortpflanzung. Dabei entstehen die Nachkommen aus unbefruchteten Eizellen. Das Phänomen ist zum ersten Mal von dem Schweizer Biologen und Philosophen der Aufklärung Charles Bonnet (1720– 1793) beschrieben worden.
Manche Pflanzen und weibliche Tiere wie beispielsweise Blattläuse und Wasserflöhe, aber auch manche Fischund Eidechsenarten, Schnecken sowie vier Schlangenarten können sich eingeschlechtlich fortpflanzen, das heißt ohne von einem männlichen Artgenossen befruchtet zu werden: Durch bestimmte Hormone wird der unbefruchteten Eizelle eine Befruchtungssituation »vorgespielt«, worauf diese sich zu teilen beginnt und zu einem Organismus heranreift. Der Parthenogenese kann entweder eine Meiose mit Eizellenbildung vorausgehen oder sie kann direkt über diploide Keimbahnzellen ablaufen. Bei letzterer findet keine Rekombination statt und die entstandenen Nachkommen sind Klone ihrer Mutter.
Die Welt ist lebensfeindlich geworden in dem Maße, wie das Weibliche als Urgrund allen Seins vergessen wurde.
Der weibliche Körper
Mit der Ehrfurcht und dem Respekt vor dem Wunder des Lebens hat all dies nichts zu tun. Unser Tun lässt die Ehrfurcht und den Respekt vor dem Wunder des Lebens vermissen, weil wir den Ursprung vermissen und den Zugang dorthin verloren haben. Wer ihn finden will, muss innehalten. Er verkörpert das Mysterium des Lebens und ist heilig – oder in den Worten der evangelischen Pastorin Hanna Strack (*1936), wie sie es im Interview beim Online-Kongress Sex, Spirit & Birth im Februar 2016 öffentlich gesagt hat: »Der weibliche Körper ist symbolwürdig für das Göttliche.« Zum Geheimnis des Weiblichen gehört es, dass in seinem Körper neues Leben wächst. Das Wunder aus sich heraus verstehen kann letztlich nur die Frau. Sie verkörperte einst das geheime Wissen und war daher nicht auf Aufzeichnungen oder Schriftstücke angewiesen. Ihre innerweltlichen Erfahrungen drückte sie in schöpferischer Kreativität aus, beispielsweise in universellen Symbolen oder tanzenden Geschichten, wie dies etwa auf Hawaii noch heute anzuschauen ist.
Der Mann war auf Beobachtung, Ableitung, Einweihung in das mystische Weltverständnis angewiesen. Vielleicht gründet hier die Tendenz der Männer, alles aufspalten, aufschneiden, zerlegen zu müssen, um des Geheimnisses Herr zu werden. Aus einer Einbildung des Mangels heraus ist der weibliche Körper ein Symbol der eigenen Unzulänglichkeit für Männer geworden. Damit einher geht eine Abwertung des weiblichen Körpers mit fatalen Folgen. Eine Abwertung des Lebens an sich als selbstverstärkender Effekt trat ein. Zeugung und Geburt sind dabei die zwei Seiten weiblicher Körperlichkeit. Werden diese Pole als Zugänge zur unmittelbaren Lebenserfahrung verbaut, kann sich Leben nur noch in seiner Umkehrung entwickeln. Denn das einst Heilige, das auf Lust und Freude, Austausch, Verbindung und Verschmelzung aus- gerichtete Dasein wird unterbunden. Das Erleben erstarrt, muss moralisch und systemerhaltend vorinterpretiert werden. Veränderung ist dann nur noch gewaltsam möglich und verstellt das Leben als Zyklus heilsamer Wandlungsprozesse. Unter diesen Vorgaben kann Leben nur unter Schmerzen geboren werden und verstrickt sich folglich im Leid. Verhindert wird so ein freudvoller Start ins Leben wie auch das Leben als inspirierende, ekstatische, spirituelle Erfahrung, welche sich aus sich selbst heraus entfaltet. Durch die Unterbindung der weiblichen Sexualität ist der Fluss der Liebe zum Leben unterbrochen, eine Anbindung an die göttliche Erfahrung nur noch durch die Verneinung des Lebens möglich. Dieser Irrweg drängt sich unübersehbar durch die Selbstmordattentäter in unser Bewusstsein, die danach trachten, in lebensverachtender Weise dem Göttlichen näherzukommen.

Mit der Verhüllung des weiblichen Körpers legten sich auch Schleier über die Erkenntnis der Welt.
Die Abwertung des weiblichen Körpers war der Beginn der Abwertung des Lebens an sich.
Die Urmutter als Quelle allen Seins
Der weibliche Körper und Sexualität waren und sind heilig, da sie neues Leben hervorbringen. Die Gebärmutter einer Frau wird zum Universum für das sich entwickelnde Leben in ihrem Bauch. Was liegt näher, als anzunehmen, dass auch das ganze Universum einst aus der Gebärmutter des Lebens geboren wurde? So wundert es nicht, dass Gebärmutter auf Lateinisch Matrix bedeutet, also die Grundstruktur des Lebens vorgibt. In der Matrix des Lebens kann sowohl ein Junge als auch ein Mädchen heranreifen. Der weibliche Körper toleriert also nicht nur das Männliche, sondern integriert es in den eigenen Körper. Die Vorstellung, eine Frau sei während der Schwangerschaft eine Göttin, ist so gesehen mehr als ein schönes Bild. Sie steht in direkter Nachfolge der Urmutter allen Seins, die sowohl männliches wie weibliches Leben hervorbringen kann. Die Urmutter, auch Große Mutter oder Große Göttin genannt, hat viele Namen und wird seit Urzeiten auf allen Kontinenten verehrt. Sie ist reine göttliche Essenz und allumfassende Liebe, die nährende Mutterliebe. Die ewige Mutter offenbart sich in den Gesichtern der Erde, zeigt ihre Kraft und Schönheit allerorten. Sie durchdringt die Materie und belebt die Welt. Die universelle Schöpfungskraft ist die weibliche Kraft, die alles Leben hervorbringt. Am Anfang wie am Ende ist die ewige Mutter allen Seins, die Urmutter, das Alpha und Omega des Lebens. Archäologische Funde von weiblichen Figuren aus der Steinzeit bezeugen, dass das Urweibliche, das in sich den Kreislauf von Leben und Tod, Entstehen, Werden und Vergehen vereint, seit mehr als 30 000 Jahren als die Leben spendende und erhaltende Kraft im Universum betrachtet wird. Jede Lebensform stammt von ihr ab.

Die sogenannten Venusfiguren werden überall auf der Welt gefunden. Sie sind Zeichen der Präsenz des Urweiblichen in einer prähistorischen Epoche.
Die Rückführung allen Lebens auf eine Urmutter wird auch in China, einer der ältesten noch existierenden Zivilisationen der Menschheit, so gesehen. Im chinesischen Weisheitsbuch Daodejing, das um 600 v. Chr. verfasst wurde, heißt es: »Die Welt hat einen Anfang, das ist die Mutter der Welt.« Dementsprechend war zu dieser Zeit das weibliche Prinzip Yin dem männlichen Prinzip Yang vorgelagert. Es liegt nahe, dass der Daoismus – in dem die Harmonie mit der Natur und die Verbundenheit und tiefe Wertschätzung mit allen Wesen als höchste Qualitäten gewertet werden – aus der Verehrung und Weisheit der Großen Göttin, die im Chinesischen Nu Wa heißt, abgeleitet ist. In einer zeitgemäßen Version des Tao Te King aus dem Jahr 2003 heißt es in Vers 6: »Das Tao bezeichnet man als die Große Mutter. Leer, doch unerschöpflich, bringt es unzählige Welten hervor. Es ist immer in dir da.«
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