Von Frau zu Frau wird das Leben seit Anbeginn der Zeit weitergegeben. Das gilt im Großen wie im Kleinen: Niemand wäre hier, wenn er nicht von einer Frau geboren worden wäre. Wir alle entstammen dem weiblichen Schoß und haben zehn Monate im Inneren, als Teil des weiblichen Körpers verbracht. Wenn auch die Geschichte der Frau mit viel Leid verbunden war und teilweise noch immer ist, so geht es in diesem Buch zu keinem Zeitpunkt darum, Schuldige zu suchen oder anzuklagen, sondern um das genaue Gegenteil: hinzuschauen, um den Schmerz, der noch in so vielen Frauen wie Männern begraben ist und ihre Seelen auffrisst, in Mitgefühl statt Mitleid zu wandeln und ziehen zu lassen. Zu erwachen aus dem kollektiven Albtraum und vereint wahrhaft lebendig das Leben zu feiern.
Die Menschheitsgeschichte kann als Geschichte der Frauen erzählt werden. Sie ist eine Geschichte der weiblichen Kraft.
Eine Rückblende mit heilsamer Absicht zielt nicht auf eine vollständige oder lückenlose Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern darauf, alte Verwicklungen zu lösen und im Herzen für die Liebe frei zu werden. Ich möchte das verhedderte Knäuel an Irrungen und Wirrungen im persönlichen wie im übergeordneten Rahmen aufwickeln, denn alles hängt mit allem zusammen. Alle Stränge sind letztlich ein Faden, der von Anfang bis Ende in die Ewigkeit und zurück führt. Aus dieser Position und Perspektive kann sich die Geschichte der Menschheit vor unserem inneren Auge neu entwickeln. Wir können wieder klar sehen und das Wesentliche verstehen. Nur mit einer klaren Ausrichtung und indem wir uns an den Ursprung zurückbegeben, an den uns die weibliche Kraft führt, lassen sich die Wolken und Schleier vertreiben. Für freie Frauen und selbstbewusste Männer ist die Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts reif, beherzt und furchtlos, neugierig und vertrauensvoll hinter den Vorhang zu blicken.
Sich der weiblichen Kraft zuzuwenden, heißt, am Weltbild zu rütteln.
Das Rütteln am Weltbild macht vielen Menschen Angst. Manche wehren sich mit allen Mitteln der Ablehnung dagegen. Doch wir schauen hier und heute hin. Und was wir aktuell beobachten können, ist ein Leben, das kopfsteht. Die lebensverachtenden Praktiken der sogenannten zivilisierten Welt demaskieren sich als eine direkte Folge der menschlichen Entwurzelung und des gottgleichen Heraustretens aus der natürlichen Ordnung. Betroffen sind wir auch als einzelne Individuen, etwa durch die steigende Orientierungslosigkeit im Leben oder durch unsere Unsicherheit im Umgang mit Fragen zu den Geschlechterverhältnissen und zur Religion in der Welt sowie unsere Unfähigkeit, bedingungslos zu lieben. Das ist kein individuelles Versagen, also kein Platz für Schuldgefühle, sondern eine kollektive Verwicklung, die sich über die Jahrtausende verselbstständigt hat, bis wir uns in uns selbst verrannt und verloren haben. Wenn wir achtsam mit uns sind, können wir den Schmerz darüber und die mehrfachen Verdrehungen im Fühlen, Denken und Handeln innerlich sogar spüren.
Lehrmeister für bedingungslose Liebe auf der Welt sind die Kinder. Sie lieben ihre Eltern auch trotz Verletzungen. Aus diesem Grund segnete Jesus Christus die Kinder und sagte über sie: »Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.« (Mk 10,14) Doch statt ihnen für ihr Sosein dankbar zu sein und uns mit ihnen in Liebe und Vertrauen zu üben, erziehen und verbiegen wir sie, damit sie in unser Weltbild passen. So vergeben wir eine Chance für inneres Wachstum und beschweren dadurch die nächste Generation. In immer mehr Menschen keimt die Sehnsucht nach einer lebenswerteren Welt, in der jeder nach seiner Fasson glücklich und zufrieden werden kann. Viele suchen im Außen, doch der Kern liegt in unserem Inneren. Ein Schlüssel dorthin ist der Zugang über die eigene Weiblichkeit beziehungsweise Männlichkeit. Diese Qualitäten des Lebens positiv zu leben, ist die Basis für einen heilsamen Wandel.
Das Leben ist heilig, da es in seinem Ursprung nach lebensbejahend und nicht zerstörerisch ist. Wäre es auf Zerstörung angelegt, würde es sich selbst zuwiderhandeln, sich kannibalisieren statt mehren. Das Leben ist immer für, nie gegen sich. Was sich ändert, ist seine Gestalt, nicht sein Gehalt.
Das Rad der Transformation
Das Buch soll ein Beitrag sein, die eigene Unmündigkeit hinter sich zu lassen, sich zu verorten und Verantwortung zu übernehmen. Die Zeiten der kultivierten Opferrolle, in denen wir die Schuld auf andere, auf die Natur, auf die Umstände, auf die Zwänge geschoben haben, sind vorbei. Alles hat eine Ursache in unserem Verhalten, diese gilt es anzuerkennen und die Störfelder um uns wieder zu Kraftfeldern des Lebens zu wandeln. Noch hetzen die meisten im selbst gebauten Irrgarten menschlicher Verstrickungen hin und her; reden sich schwindelig an der Komplexität des Lebens oder berauschen sich – etwa in Talkshows vor Millionenpublikum – an sich selbst. Die moderne Welt reibt uns auf durch die gleichzeitige Über- und Unterforderung: Einerseits überfordern wir uns, weil wir falsche Erwartungen an uns selbst sowie das Leben haben und die Selbstoptimierungsfalle befeuern. Andererseits unterfordern wir uns permanent, was das Aufspüren von Sinnzusammenhängen sowie das Erkennen und Ausprobieren der Möglichkeit, Schöpfer/in des eigenen Lebens zu werden, angeht. So vergeuden wir Zeit und Energie und versäumen im Labyrinth des Lebens, den Geheimnissen nachzugehen.
Haben wir etwa schon kapituliert und aufgegeben, das Leben im Kern zu erfahren? Dabei ist das Wesentliche stets einfach: Im Ursprung gibt es nur ein klares Ja zum Leben. Diese Klarheit ist heilsam. Ein Problem zu lösen heißt, seine Ursache kennen. Das Wort deutet es schon an: Es geht dabei um nichts weniger als um die Beschäftigung mit dem Urgrund, also der männlichen und weiblichen Kräfte in der Welt, aus deren Verschmelzung neues Leben entsteht. Es ist dies keine abstrakte Überlegung, sondern eine Reise zum Mittelpunkt der Welt, die den Mensch in seiner Gesamtheit fordert, die unser Verständnis von Frau und Mann ins Wanken bringt.
Das macht uns Menschen – Frauen wie Männern – Angst. Doch da müssen wir hindurch, wenn wir dem Zusammenleben eine neue Ausrichtung und der Menschheit eine Zukunft geben wollen. Herrscht an diesem Punkt Klarheit, gehen wir jetzt direkt zur Sache, in medias res, und öffnen der weiblichen Kraft das Feld.
Wunder der Schöpfung
Am Anbeginn allen Seins
gebar die Ewige Mutter
den Himmel und all die Sterne.
In ihrem heiligen fruchtbaren Schoß
wuchs auch die Erde.
Möge die Große Mutter,
die die Schöpfung tanzt,
die uns mit ihrer heiligen Liebe umarmt,
die unser Leben
mit ihrer heiligen Wahrheit entzündet,
uns segnen
und mit ihrer heilenden Kraft
in die Welt senden,
um diese mit ihrer Gerechtigkeit zu füllen.
Weibliche Kraft als universelle Schöpfungskraft
In medias res heißt, sich in die Mitte der Dinge zu begeben, worin wir die Quelle des Lebens, den Ursprung allen Seins, finden. Von diesem Kraftpol geht alle Bewegung aus; hier verströmt alle Energie in einem ewigen Ausatmen. Der Pol selbst bleibt dabei in Ruhe. Symbolisch wird dieser göttliche Ruhepol seit Urzeiten als Kreis mit Nabe im Mittelpunkt dargestellt. Dieses Symbol als Abbild des Göttlichen ist vielen Menschen geläufig. Doch wer erinnert sich heute noch daran, dass dieser Mittelpunkt, das Zentrum allen Seins weiblich ist?
Im Kreis ist der Mittelpunkt strukturgebend. Er steht für das Göttliche und Urweibliche.
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