Die Schreibweise des Namens Zschokke erfuhr einen mehrfachen Wandel. In den Kirchenbüchern von Oschatz wurde er unterschiedlich geschrieben, da die Pfarrer sich hauptsächlich nach dem Gehör richteten: Tzucke, Tzschucke, Tzschocke, Zschocke, Zschucke, Zschuck oder Zschock. 16Die Herkunft des Namens war, wie in der Nähe der Elbe häufig, slawisch, genauer sorbisch, da das Volk der Sorben in jener Gegend weit verbreitet war. 17Nach einer Familienüberlieferung leitete sich Zschokke vom sorbischen Tschucka für Erbse ab. 18Andere damals existierende Deutungen zeigen, dass sich die Familie Zschokke später rege mit der Frage ihrer Herkunft befasste. 19
Eine Zeitlang kursierte unter Zschokkes Söhnen das Gerücht, man sei adligen Ursprungs. Einen Hinweis darauf bot eine Anekdote Zschokkes, der sich im Übrigen kaum um dieses Thema kümmerte: Ein aus Norddeutschland stammender Herr von Tschock habe ihn in Frankfurt (Oder) einmal aufgefordert, seinen Adel registrieren zu lassen. Die Familie sei von alters her blaublütig, wenn auch der Zweig, dem Heinrich Zschokke entstammte, im Lauf der Zeit «hinabgekommen» sei. Der 17-jährige Sohn Achilles Zschokke, damals gerade Redaktor der handgeschriebenen Familienzeitung «Der Blumenhaldner», fügte hinzu, sein Vater habe den Rat des Herrn von Tschock verschmäht, da ihm das «von» vor dem Namen unnütz erschienen sei. 20Der Zschokke-Biograf Carl Günther meint aus der Kopf- und Gesichtsform Zschokkes, wie sie in vielen Porträts vermittelt wird, slawische Züge zu erkennen. 21Jedenfalls erleichterten es ihm das Slawische, Sächsische, Preussische und über die Mutter auch das Hugenottische seiner Abstammung, sich als Weltbürger zu fühlen.
In den Magdeburger Kirchenbüchern und Bürgermatrikeln finden sich nebeneinander Schocke und Schock. Da der Name mit der Witwe von Heinrichs Bruder Andreas Schocke 1819 in Magdeburg erlosch, stammen alle heute noch lebenden Verwandten der männlichen Linie, falls sie nicht Heinrich Zschokkes Nachkommen aus Aarau sind, von den Oschatzer Verwandten ab und heissen oft Zschucke, Tschucke oder Tschocke. 22Was Johann Gottfried Tzschucke aus Bequemlichkeit für sich und seine Nachkommen in Magdeburg beschloss: die Eindeutschung des Namens zu Schocke, machte sein Sohn Heinrich als Gymnasiast wieder rückgängig. Er fügte das Anfangs-Z wieder hinzu, veränderte «ck» in «kk» und schrieb sich fortan Zschokke. Daran hielt er unbeirrt bis an sein Lebensende fest. Nicht etwa Slawophilie oder ein Hang für die Familienvergangenheit waren das Motiv dafür, sondern sein Interesse für Geschichte. Wie er seinen Söhnen mitteilte, stiess er bei der Lektüre eines bekannten Geschichtswerks auf einen österreichischen General Zschock, fand den Namen attraktiv und nannte sich ihm nach. 23
Um diese Namensänderung rankt sich ebenfalls eine Anekdote: Danach soll Bürgermeister Blankenbach, der als Scholarch und Vertreter des Magistrats von Magdeburg der Prüfung am Altstädtischen Gymnasium beiwohnte, Heinrich zur Rede gestellt haben: «Warum verändert Er seinen Namen? Sein Vater war ein ehrlicher Mann, der nannte sich Schocke; wenn die Erbschaft aus Lissabon ankommt, soll Er nichts davon abhaben.» 24Ob die Schockes wirklich Verwandte in Portugal besassen, ist unklar. Zschokke hatte die Genugtuung, dass sein um ein Jahr jüngerer Neffe Friedrich später seine neu-alte Schreibweise übernahm, 25ebenso auch die verheirateten Schwestern.
Wirtschaftliche Gründe bewogen wohl Johann Gottfried Tzschucke, schon in jungen Jahren von Oschatz wegzuziehen. Abenteuerlust kann es nicht gewesen sein, sonst wäre er sicherlich weiter weg gereist. Er wird einige Zeit nach dem ersten schlesischen Krieg (1740–1742) nach Magdeburg gekommen sein, in eine aufstrebende Stadt, grösser und attraktiver als Oschatz. 1738 war dort die Tuchmacherinnung gegründet worden, die den Zugang zum Gewerbe regelte und in die Schocke nach wenigen Jahren aufgenommen wurde. Am 13. August 1746 erhielt er durch ein königliches Reskript das Magdeburger Bürgerrecht und ehelichte zwei Monate später, am 23. Oktober, Jungfer Dorothea Elisabeth, 26jüngste Tochter des verstorbenen Tuchmacher-Altmeisters Joachim Peter Jordan.
Falls die Jordans hugenottischen Ursprungs waren, so kamen sie noch vor dem zweiten grossen Exodus nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes durch Ludwig XIV. im Oktober 1685 nach Magdeburg und assimilierten sich schnell. Seit 1714 besassen sie das Bürgerrecht der Stadt und gehörten der evangelischen St. Katharinengemeinde an, wo auch Heinrich Zschokke und seine Geschwister getauft und konfirmiert wurden. 27
In der Familie Schocke herrschte ein ausgeprägter Berufsstolz: Ein achtbarer Tuchmacher zu sein, wurde als persönliche Auszeichnung empfunden. Da Heinrichs Vater, sein Bruder Andreas, der Onkel in Oschatz, die beiden Grossväter und drei der vier Urgrossväter diesen Beruf ausgeübt hatten, war es ausgemacht, dass er ebenfalls Tuchmacher würde. Man musste sich also um seine Schulbildung und Zukunft nicht besonders kümmern.
Magdeburg war um 1771 eine Stadt mit gegen 25 000 Einwohnern, nicht gezählt die mehreren tausend Armeeangehörigen mit ihren Familien. 28Im 17. und 18. Jahrhundert hatten sich das Verlagssystem und Manufakturwesen stark entwickelt. Vorab Textil-, Tabak- und Töpferwaren wurden massenweise hergestellt, wobei dem Elbschiffverkehr bis Hamburg eine besondere Rolle zufiel. 29Die Ansiedlung von Hugenotten hatte der Seiden-, Woll-, Baumwoll- und Leinenweberei, der Strumpfwirkerei und Strumpfstrickerei zu einem beachtlichen Aufschwung verholfen.
Die Stadt war von dicken Wällen, Gräben, Bastionen und Zitadellen umgeben, die Bevölkerung fühlte sich aber auch eingeschlossen: «Bei Annäherung an die Stadt, beim Durchschreiten oder Durchfahren der Festungswerke verstärkten die verwinkelten, über Grabenbrücken und durch Walltunnel geführten Straßen sowie die Doppeltoranlagen, die ständig mit Torwachen besetzt waren, diesen Eindruck.» 30Die Festungsanlagen umfassten 200 Hektaren gegenüber 120 Hektaren Stadtareal, so dass die bewohnbare Stadt flächenmässig wie eine Beigabe zur Festung wirkte. Der Enge im Norden Magdeburgs, wo sich die Arbeiter drängten und auch die Schockes wohnten, konnte man sich nur entziehen, wenn man vor die Tore, in die Neustadt, nach Friedrichsstadt oder Sudenburg zog.
In vielerlei Hinsicht war die Garnison autark: Sie besass eine eigene Verwaltung und Justiz, eigene Schulen und medizinische Versorgung. Die Stadt zog manche Vorteile aus ihrer Lage als stärkste Festung Preussens: Die Könige schenkten ihr mehr Aufmerksamkeit als einer anderen Provinzstadt, zumal der Hof Friedrichs II. im Siebenjährigen Krieg hier zeitweilig Zuflucht fand. Es wurde viel gebaut und ausgebessert, aber auch die erhöhte Kaufkraft war spürbar. Die militärische Präsenz mit zwei Infanterieregimentern, zwei Grenadierbataillonen und einer Artilleriekompanie 31kam dem Handwerk, vor allem dem Wolltuchgewerbe, zugute: Uniformen aus diesem Material spielten in der preussischen Armee eine wichtige Rolle.
In der Magdeburger Altstadt war die Tuchmacherinnung gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit 837 Arbeitskräften vertreten: 70 Meistern oder Witwen von Meistern, 40 Gesellen, 11 Lehrburschen und 716 Gehilfen (39 Wollkämmer, die übrigen Wollspinner). 32Über zehn Prozent der 8154 «Professionisten» befassten sich mit der Herstellung von Wolltüchern. Ob Johann Gottfried Schocke tatsächlich durch bedeutende Tuchlieferungen für die preussische Armee reich wurde, wie Zschokke behauptete, 33darf bezweifelt werden. Dagegen sprechen die kleinräumlichen Verhältnisse, in denen er lebte, und die wenigen Arbeitsgeräte, die nach seinem Tod versteigert wurden. Wie viele Tuchweber er beschäftigte oder ob er auch Tücher von eigenständig arbeitenden Webern kaufte und verkaufte, wissen wir allerdings nicht.
Schocke war ein Tuchhersteller, ein Tuchhändler aber war er nicht; diese besassen ihre eigene Zunft: die Gewandschneiderinnung mit einem Haus am Alten Markt. 34Es gibt keinen Hinweis, dass Schocke dieser Zunft ebenfalls angehörte. Dagegen war er Altmeister der Tuchmacherinnung und leitete als Präses (Vorsitzender) ihre Sitzungen. Im Stadtarchiv Magdeburg ist ein Protokollheft, das mit dem 6. September 1777 einsetzt. An dieser Sitzung nahm auch Schocke junior teil, Heinrichs Bruder Andreas. Später lassen sich die Anwesenden nicht mehr feststellen; die Eingangsformel lautete: «Bey der heutigen Zusammenkunft der Alt- und Schaumeister [...]», ohne weitere Angaben. Bei solchen Anlässen wurde die Aufnahme neuer Meister in die Innung beschlossen; Bedingung war eine abgeschlossene Lehrzeit, das Bürgerrecht von Magdeburg und ein Meisterstück. Vater Schocke war für die jährliche Rechnungsablegung verantwortlich.
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