Der inneren und äusseren Beengung entkam er, indem er mit 16 Jahren von zu Hause floh und beschloss, sich aus eigener Kraft durch die Welt zu schlagen. Er wurde Hauslehrer in Schwerin, zog mit Schauspielern als Theaterdichter durch die Gegend, holte autodidaktisch den Abiturstoff nach und schrieb sich in Frankfurt (Oder) an der Viadrina als Theologiestudent ein, mit dem Ziel, ein Universalgelehrter zu werden. Nach zwei Jahren erwarb er den Titel eines Doktors der Philosophie und das Recht, in Preussen zu predigen, stieg in Magdeburg auf die Kanzel jener Kirche, in der er getauft und konfirmiert worden war, und wurde wegen einer einzigen fehlenden Stimme nicht zum Pfarrer gewählt. Zurück in Frankfurt hielt er an der theologischen Fakultät philosophische und theologische Vorlesungen. Da ihm jedoch eine Professur versagt wurde, entschloss er sich zu einer Europareise. Er blieb in der Schweiz hängen und leitete in Graubünden eine Lehranstalt, von wo er fliehen musste, als er sich zu sehr politisch engagierte.
In der durch eine Revolution und Frankreichs Militärmacht entstandenen Helvetischen Republik wurde er als Beamter in die Innerschweiz, ins Tessin und nach Basel geschickt, trat aber von seinem Amt zurück, weil ihm die politische Richtung nicht mehr gefiel. Er liess sich im Aargau nieder, wo er eine Anstellung im Forst- und Bergwesen fand, heiratete und gab eine Volkszeitung heraus, den «aufrichtigen und wohlerfahrnen Schweizerboten». Der vom Schicksal Umhergetriebene kam hier zur Ruhe und übernahm verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten, um dem neuen Vaterland zu danken, das ihm eine Heimstatt geboten hatte. Er arbeitete an verschiedenen Zeitschriften mit, von denen er einige selber leitete, schrieb eine Geschichte Bayerns und der Schweiz und zur Erholung leichte Erzählungen. So stellte Zschokke sich selber dar. Seine zweite Autobiografie, «Eine Selbstschau» von 1842, rückt das Bild des einsamen Träumers und Stubenhockers zurecht, ist aber in der gleichen Art verfasst wie die erste. 5Auf nur 22 von 358 Seiten wird hier die Kindheit in Magdeburg abgehandelt.
Andere Zeugnisse aus den ersten 18 Jahren von Zschokkes Leben besitzen wir kaum. 1785 lernte der Stuhlmacher Andreas Gottfried Behrendsen Zschokke kennen und verfolgte auch später mit Anteilnahme sein Schicksal. Frucht davon waren ein lebenslanger Briefwechsel und einige Anekdoten, die Behrendsen in seinen Notizen festhielt. 6Carl Günter hat diese Notizen 1918 für seine Dissertation zu Heinrich Zschokkes Jugend- und Bildungsjahren noch benutzen können; 7seither sind sie verschollen. Die aufschlussreichen Briefe Behrendsens hatte Zschokke bis auf drei vernichtet, wie leider die meisten Briefe seiner Magdeburger Verwandten und Bekannten. 8
In der Entstehungsphase der «Selbstschau» erzählte Zschokke seinen heranwachsenden Söhnen weitere Anekdoten aus seiner Kindheit und Studienzeit. Sie sind als «Scenen aus Papas Jugendleben» in der handgeschriebenen Familienzeitung «Der Blumenhaldner» enthalten. 9Bei Besuchen in Magdeburg während ihres Studiums in Berlin erfuhren die beiden ältesten Söhne Theodor und Emil Zschokke von Verwandten mehr über die Kindheit ihres Vaters. Gottlieb Lemme (1769–1831), Zschokkes Ziehbruder und Spielgefährte, führte sie in Magdeburg herum und zeigte ihnen das Geburtshaus und die Stätten gemeinsamer Erlebnisse. Die jüngste und einzige noch lebende Schwester Zschokkes, die verwitwete Christiana Catharina Genthe (1765–1837), erzählte ihnen, was sie von Zschokke noch wusste, und Theodor berichtete darüber in einem Brief. 10Emil, der länger in Magdeburg verweilte, um in der Kirche seines Vaters, der St. Katharinenkirche, zu predigen, 11ärgerte sich nachträglich darüber, dass er es unterlassen hatte, sich das Elternhaus an der Schrotdorferstrasse näher anzusehen. 12
Mehrmals stand ein Zeitfenster offen, um Näheres über Zschokkes Kindheit zu erfahren. Das erste und längste Fenster liess Zschokke selber verstreichen, da er sich bei Verwandten oder Bekannten nie nachdrücklich über seine Eltern erkundigte, selbst als ihm klar wurde, dass er sein Leben beschreiben würde. Als seine Geschwister und die meisten gleichaltrigen Verwandten oder Freunde schliesslich gestorben waren oder kein Kontakt mehr bestand, war es zu spät. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Zschokke absichtlich mit der «Selbstschau» zuwartete, bis alle Zeugen verschwunden waren und er seine Entstehungsgeschichte unbelastet von widersprechenden Fakten und fremden Meinungen selber schreiben konnte. Eigentlich sollte sie erst nach seinem Tod erscheinen und war darauf angelegt, den Kindern und Enkeln seine innere und religiöse Entwicklung zu enthüllen. Sie gab erstmals das Geheimnis preis, dass er alleiniger Autor des so erfolgreichen Erbauungswerks «Stunden der Andacht» war, und erklärte den weltanschaulichen, religiösen und psychologischen Hintergrund dieses Werks. 13
«Eine Selbstschau» ist ein Zeugnis von Zschokkes persönlichem Reifen, Lernen und Irren, seinem unermüdlichen, engagierten Handeln, dem unerschütterlichen, von tiefem Humanismus geprägten Glauben an den Fortschritt und die Zukunft der Menschheit und seinem sachverständigen staatsmännischen Urteil. Darüber hinaus ist sie eine packend geschriebene, gut aufgebaute und effektvoll gestaltete politische Zeitgeschichte. Immer wieder tritt das persönliche Leben hinter die Schilderung der politischen, sozialen und kulturellen Geschehnisse zurück.
Die «Selbstschau» wurde von vielen Zeitgenossen begeistert begrüsst. Man lernte Zschokke als Vertreter liberaler Ideen und Visionen kennen und schätzen, als Vordenker von Religionstoleranz, als Philosoph, Theologe, Kosmopolit, Politiker, Menschenfreund und Volkspädagoge.
Nach 1842 fühlte sich kaum jemand mehr berufen, Zschokkes Leben unabhängig von der «Selbstschau» zu beschreiben, obwohl die ersten 20 Jahre in Magdeburg, Schwerin, Prenzlau und Landsberg an der Warthe nur sehr kurz behandelt wurden. Die thematische Gliederung, welche die persönliche Geschichte in der Entwicklungs-, der politischen und Kulturgeschichte aufgehen lässt und die Wahrheitssuche betont, musste aber den Verdacht wecken, dass sie ihrer Schlüssigkeit wegen das eine im Hinblick auf das andere teilweise verzerrte oder begradigte.
Bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts blieb «Eine Selbstschau» letzte Referenz und gültige Darstellung des Lebens eines Mannes, der an der Wiege der modernen schweizerischen Demokratie stand und seine Wahlheimat bis zur Gründung des Bundesstaats von 1848 nachhaltig beeinflusste und kommentierte. Friedrich Wilhelm Genthe, sein Neffe, schrieb schon 1850: «Seit Heinrich Zschokke in seiner Selbstschau den zahlreichen Freunden und Verehrern, so wie auch den blos neugierigen Lesern, ein Gemälde seines äußern Lebens, eine Schilderung davon gegeben hat, wie das Schicksal es anders wollte als der Mensch, ist es überflüssig, wenn ein anderer noch über die Lebensschicksale dieses Mannes schreiben will.» 14
Wo nicht explizit erwähnt, zitierte oder paraphrasierte man fortan aus «Eine Selbstschau». Das ist mehr oder weniger bis heute so geblieben und liegt nicht zuletzt daran, dass sie uns noch jetzt persönlich nahegeht und in den Bann zieht. Es war verdienstvoll und berechtigt, dass der Zürcher Germanist Rémy Charbon sie 1976 neu herausgab. So war dieses Buch, das wie kaum ein anderes in einer persönlichen Lebensgeschichte die Transformation der Welt des 18. Jahrhunderts zur Moderne spiegelt, nach langer Zeit wieder greifbar.
Bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte Zschokkes Gesamtwerk zum eisernen Bestand der deutschsprachigen Literatur und war sein Name als Dichter humorvoller Erzählungen und historischer Romane, als Autor einer populären Schweizer Geschichte und der mehrbändigen «Stunden der Andacht» im Bewusstsein der Menschen verankert. Zu Lebzeiten galt er als einer der bedeutendsten und wirkungsmächtigsten deutschen Schriftsteller. Hätte es den Literaturnobelpreis damals schon gegeben, so wäre er wohl ein Anwärter gewesen; «Eine Selbstschau» wurde bisweilen sogar Goethes «Dichtung und Wahrheit» vorgezogen, weil sie die Zeitgeschichte stärker einbezog als jene.
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