In der Meditationspraxis beziehe ich mich auf das Jesusgebet, jedoch auf keine spezifische Praxis. In der Literatur finden sich für das Jesusgebet unterschiedliche Namen: das Herzensgebet, das einfache Gebet, das Gebet der Sammlung, das immerwährende Gebet oder das kontemplative Gebet. In der Alltagssprache spricht man schlicht von Meditation. Wenn ich den Begriff Meditation verwende, meine ich damit das Jesusgebet. So vielen unterschiedlichen Namen für das Jesusgebet stehen ebenso viele Weisen gegenüber, wie das Jesusgebet praktiziert werden kann. Allen gemein ist, dass die Aufmerksamkeit des Betenden mit Hilfe einer konkreten Wahrnehmung auf die Gegenwart gerichtet ist. Die tiefe spirituelle Bedeutung für die Ausrichtung auf die Gegenwart gründet in der Selbstoffenbarung Gottes: „Ich bin der Ich-bin-da“ (Ex 3,14). Gott hat sich ganz klar als ein Gott der Gegenwart zu erkennen gegeben und ist konsequenterweise in der Gegenwart erfahrbar. Die Hinwendung zur Gegenwart ist immer eine Hinwendung zur Gegenwart Gottes, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Es gibt nicht eine Gegenwart mit und eine Gegenwart ohne Gott, wie es auch keine Gegenwart gibt, die als katholisch oder als evangelisch bezeichnet werden kann. Im Bemühen, nicht im Denken verhaftet zu bleiben, sondern im Wahrnehmen, treffen sich die meditativen Gebetsweisen des Christentums und anderer Religionen. Der Treffpunkt liegt auf der Ebene des Seins, im schlichten, wachen Gegenwärtig-Sein. Den Christen ist auf diesem Weg der Name Jesu gegeben. Die Verbundenheit Jesu zu Gott, seinem Vater, war so tief und innig, dass er sagen konnte: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Der Meditierende richtet seine Aufmerksamkeit auf den Namen „Jesus Christus“. In meinem Buch „Die Kraft der Kontemplation“ habe ich beschrieben, dass es ebenso möglich ist, den Namen „Maria“ innerlich lauschend zu wiederholen. 2Der Betende wendet sich dabei dem mütterlichen Aspekt Gottes zu. Es ist ebenso möglich, innerlich schlicht ein „Ja“ zu wiederholen. 3
Wenn ich mich auf die „Gegenwart“ beziehe, bedeutet dies, dass der Betende seine Aufmerksamkeit mittels einer konkreten Wahrnehmung an das Hier und Jetzt bindet. Franz Jalics empfiehlt, in der Meditation bewusst seine Hände in Verbindung mit dem Atem wahrzunehmen. 4In der orthodoxen Kirche richtet der Betende seine Aufmerksamkeit auf das Herzzentrum oder wiederholt im Gehen „Jesus Christus, erbarme Dich meiner“ 5. Mit der konkreten Wahrnehmung der Hände, des Herzzentrums oder des Atems verbindet der Betende den Namen „Jesus Christus“, den er innerlich beständig wiederholt. In dem Moment, in dem er in Kontakt mit dieser konkreten Wahrnehmung ist, ist der Betende mit seiner Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt, d. h. mit der Gegenwart verbunden. In der Hinwendung zur Gegenwart und zum Namen Jesu geschieht das Konkrete: Es entstehen der Kontakt und die Verbindung zur Realität im Hier und Jetzt und zur erlösenden Kraft, die im Namen Jesu liegt (Apg 4,12). Da ich dieses zentrale, immer gleiche Geschehen aus verschiedenen Perspektiven beleuchte, lassen sich Wiederholungen nicht vermeiden. Sie machen vielmehr deutlich, wie vielschichtig und facettenreich das Konkrete ist. Nur das konkret Erfahrene führt uns näher zu Gott, zu den Mitmenschen und zu uns selbst – und nicht das Abstrakte. Geistreiche Gedanken geben eine Orientierung, wären jedoch wertlos im „Reich der Beziehungen“, würde nicht das Konkrete folgen.
Möge dieses Buch aufzeigen, wie die Meditationspraxis Orientierung sein kann für das alltägliche Beziehungsgeschehen und wie in beiden Lebensbereichen Gottes heilende Gegenwart erfahren werden kann.
I. Die Beziehung zu mir selbst
Der Mensch ist dazu berufen, in seinem Innersten zu leben […] Bei all dem durchschaut er sein Innerstes niemals ganz. Es ist ein Geheimnis Gottes, das Er allein entschleiern kann, so weit es ihm gefällt. Dennoch ist ihm sein Innerstes in die Hand gegeben; er kann in vollkommener Freiheit darüber verfügen, aber er hat auch die Pflicht, es als ein kostbares anvertrautes Gut zu bewahren. (Edith Stein) 6
Die Beziehung zu sich selbst ist eng verknüpft mit der Frage bzw. mit der Antwort auf die Frage: Wer bin ich? „Die großen Lehrmeister sagen uns, dass dies die wichtigste Frage der Welt sei.“ 7Viele Heilige haben diese Frage bildhaft beantwortet: „Ich bin ein Tropfen des göttlichen Ozeans“ (Teresa von Ávila), ich bin eine „Flamme des göttlichen Feuers“ (Johannes vom Kreuz), ein „Funke Gottes“ (Meister Eckhart). Paulus nennt uns schlicht „Kinder Gottes“ (vgl. 1 Joh 3,1, Röm 8,16). Und da wir Kinder Gottes sind, ist Gott unser Vater. Diese Selbstverständlichkeit kommt im Vater-Unser zum Ausdruck, indem wir Gott schlicht als Vater ansprechen. Die göttliche Kindschaft ist unsere tiefste Identität. Gott hat uns mit großer Würde ausgestattet! Sie ist ein Schatz, den jeder ohne Ausnahme besitzt. Aus diesem Grund hat Jesus gesagt: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,14). Jesus sagte nicht, jene sind das Licht der Welt, die alles richtig machen. Und er sagte auch nicht, ihr werdet vielleicht eines Tages das Licht der Welt werden, wenn ihr euch nur richtig anstrengt. Das Licht der göttlichen Kindschaft ist bereits jetzt in uns gegenwärtig. Dieser Schatz kann jedoch in Vergessenheit geraten. Denn vieles wissen wir auf einer intellektuellen, abstrakten Ebene, vieles vergessen wir wieder auf dieser Ebene und nur weniges ist uns wirklich bewusst. So schlummert der Schatz der göttlichen Kindschaft als ‚kostbares, anvertrautes Gut‘ auf dem Grund unseres Daseins und wartet darauf, entdeckt und erfahren zu werden.
Unser Dasein ist von positiven Beziehungserfahrungen getragen, denn kein Säugling würde ohne positive Zuwendung überleben. Doch jeder weiß auch von schmerzhaften Erfahrungen zu berichten, von fehlender oder nicht genügender Liebe oder von einer Liebe, die an Bedingungen geknüpft war. Man erhielt zum Beispiel Zuwendung nicht immer dann, wenn man sie gebraucht hätte, oder bekam sie vielleicht erst dann, wenn man die Erwartungen anderer erfüllte oder gute Leistungen vorweisen konnte. So legen das Leben und auch wir selbst die unterschiedlichsten Schleier auf unseren innersten Schatz, wodurch der unmittelbare und direkte Zugang zu ihm erschwert wird. Doch was Gott in uns begonnen hat, das wird er auch vollenden (Phil 1,6; Phil 2,13); denn „unser einmaliger, unantastbarer Wesenskern ist frei und unablässig in uns am Werk“ 8. Unsere Aufgabe ist es, im Laufe unseres Lebens allem, was sich auf diesen Wesenskern gelegt hat, im Namen Jesu zu begegnen. Nach und nach werden so all die Schleier entfernt, die ihn verdecken. Dies ist ernüchternd und zugleich zutiefst befreiend und lässt uns immer tiefer erfahren: Wir sind Kinder Gottes und genau so, wie wir sind, bereits jetzt, zutiefst von Gott geliebt (Kol 3,12).
Im Nachfolgenden geht es um die Beziehung zu uns selbst. Sie ist die Grundlage, auf der unsere Beziehung zu Gott und zu den Mitmenschen aufbaut.
1. Meinem Körper Achtsamkeit schenken
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir keine Engel sind, sondern einen Körper haben. Engel sein zu wollen, solange wir auf dieser Erde weilen – und so fest auf der Erde stehen wie ich – ist Unsinn. (Teresa von Ávila)
Die Meditation beginnt mit der bewussten Wahrnehmung meines Körpers, der von Anfang an Aufmerksamkeit einfordert. Wenn ich zum Beispiel einen Sitz einnehme, der nicht meiner körperlichen Konstitution entspricht, reagiert er mit Schmerz. Deshalb wähle ich den Sitz, der es mir ermöglicht, still und bewegungslos, mit einem entspannt aufrechten Oberkörper zu meditieren. Manchmal wird davon ausgegangen, dass für die Meditation ein Sitz auf einem Hocker, auf Decken oder auf einem Kissen besser wäre, als erhöht auf einem Stuhl zu sitzen – oder dass der Lotussitz die optimale Sitzposition sei und ein Erkennungsmerkmal für sogenannte spirituell Fortgeschrittene. Dies muss jedoch in keiner Weise der Fall sein. Denn nicht die äußere, sondern die innere Haltung ist wesentlich beim Meditieren. Die äußere Haltung ist insofern bedeutsam, als ich mit einem Oberkörper, der sich selbst aufrecht hält, die innere Aufmerksamkeit und eine wache Präsenz unterstütze. Mit einem aufgerichteten Oberkörper kann ich sowohl auf einem Hocker, einem Kissen, auf zusammengefalteten Decken oder einem Stuhl meditieren. Wenn ich auf einem Stuhl sitze, achte ich darauf, dass die Unter- und Oberschenkel in etwa einen rechten Winkel bilden. Vielleicht ist es hierfür notwendig, eine Decke unter die Füße zu legen. Die Augen sind geschlossen. Wenn es für mich stimmiger ist, sie geöffnet zu halten, ruht mein Blick auf einem Punkt am Boden ungefähr zwanzig Zentimeter vor mir.
Читать дальше