Thematische (aber keine wörtlichen) Übereinstimmungen bestehen zwischen dem Hiobbuch und anderen altorientalischen Texten, die sich mit dem Thema des leidenden Gerechten, der Theodizee und der Infragestellung des Tun-Ergehen-Zusammenhangs auseinandersetzen. 21Zu nennen sind aus dem mesopotamischen Bereich die sumerische und babylonische Version »Ein Mann und sein (persönlicher) Gott« (2200 bzw. 1700 v. Chr.), die sog. »babylonische Theodizee« (ca. 1200–1100 v. Chr.) 22und das große Dankgebet an Marduk » ludlul bel nemeqi « (»Preisen will ich den Herrn der Weisheit«; ca. 1300 v. Chr.) 23. Doch auch aus Ägypten gibt es Vergleichbares in den »Mahnworten des Ipu-wer« (ca. 2200–2040 v. Chr.) 24, dem Gespräch des Lebensmüden mit seinem Ba (Ende 2. Jt. v. Chr.) 25, den Harfnerliedern (16.–11. Jh. v. Chr.) 26oder den »Klagen des Bauern«, 27der sein Recht einfordert. Unter der aramäisch überlieferten Literatur aus dem 1. Jt. v. Chr. ist insbesondere noch der Achiqar-Roman 28zu nennen, der wie das Hiobbuch eine rahmende Erzählung mit Weisheitssprüchen verknüpft. Motivparallelen zum Koheletbuch, insbes. dem dort belegten carpe diem -Motiv, finden sich u. a. in den schon erwähnten Harfnerliedern. Allerdings sind bei der Interpretation des Koheletbuchs auch hellenistische Texte (z. B. Gnomik) mit einzubeziehen.
Aufs Ganze gesehen lässt sich innerhalb der alttestamentlichen Weisheit eine Entwicklung beobachten, die von einer Alltags- oder Lebensweisheit mit eher impliziter religiöser Fundierung (wie sie im gesamten Orient vorzufinden ist) in der nachexilischen Zeit zu einer theologisch reflektierten Weisheit führt. Diese theologisierte Weisheit, die zumeist in Oberschichtskreisen verortet wird, tritt uns vor allem im schon erwähnten Hiobbuch und in Spr 1–9 entgegen. Diese Theologisierung der Weisheit ist charakterisiert durch die ausdrückliche Begründung weisheitlicher Lebensregeln mit dem Handeln, Wesen und Willen Jhwhs. Der Fokus liegt nun auf der Gottesfurcht, dem individuellen Gottesverhältnis und der (Tora-orientierten) vorbildlichen Ethik, die den Weg des Menschen für ein gelingendes Leben bestimmen sollen. Dazu kommt die Vorstellung von der Personifikation der Weisheit (Frau Weisheit Spr 9) als Mittlerin der Offenbarung Jhwhs, die in ihr Haus einlädt und dem Weisen/Gerechten den Weg des Lebens zeigt. Ihre Gegenspielerin ist Frau Torheit, deren Haus den Eintretenden geradewegs in die Unterwelt befördert. Der Weise wird damit denn auch mit dem Gerechten identifiziert, wohingegen der Tor den Gottlosen bezeichnet. Der wahre Weise ist somit der, der sein Leben an der Tora ausrichtet.
Den Bogen zwischen Weisheit und dem Pentateuch 29schließlich schlagen z. B. die späten, post-deuteronomistischen Zusätze zum Buch Deuteronomium. Sie spiegeln die Tendenz der Verbindung von Weisheit und Gesetz in entsprechender Weise, wenn die Gesetzesbefolgung mit weisheitlicher Lebensführung identifiziert wird, so dass die Nachbarvölker Israel als ein weises und verständiges Volk erkennen und preisen (Dtn 4,6):
So haltet sie nun und tut sie! Denn dadurch werdet ihr als weise und verständig gelten in den Augen der Völker, wovon gilt, wenn sie alle diese Gebote hören, werden sie sagen: Wahrlich, was für ein weises und verständiges Volk, (ist doch) diese große Völkerschaft.
Dtn 4,6–8 positioniert das Gottesvolk im Kontext der Nachbarvölker und benennt seine Besonderheiten aus der eigenen Perspektive heraus, wie sie sich dem spät-nachexilischen Schreiber darstellten: Diese sind in der besonderen Nähe des Gottesvolks zu Gott gegeben sowie im Besitz der gerechten Weisungen und Gebote der Tora, die Mose dem Volk am Horeb gab und die auch den anderen Völkern als »weise und verständig« erscheinen werden.
Damit ist auf den Punkt gebracht, was am Ende einer langen religions- und theologiegeschichtlichen Entwicklung stand: Gegenüber dem in der vorderorientalischen Umwelt üblichen Polytheismus setzte sich im alten Israel sukzessive die Überzeugung von einem einzigen Gott durch, der von der Welt als seiner Schöpfung wesensmäßig unterschieden und bildlos zu verehren ist. Mit dem Monotheismus wurde zugleich ab der exilischen Zeit eine Universalisierung der Geschichte und des Wirkungskreises Jhwhs verbunden, ohne die unverbrüchliche Bindung Jhwhs an sein von ihm erwähltes Volk aufzugeben. Mit diesem verbinden ihn eine lange gemeinsame Geschichte, besondere Nähe und vor allem die Tora.
Über Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte gründeten sich Judentum und Christentum auf dieses Fundament und bezogen die gleichen Texte in den Kanon ihrer heiligen Schriften ein, für die bis heute Gültigkeit beansprucht wird. Die Entscheidung christlicherseits, dem Neuen Testament das Alte – in griechischer Übersetzung und in teilweise anderer Anordnung, gegenüber dem hebräisch-aramäischen Textbestand aber ungekürzt – voranzustellen, entspricht der grundlegenden Bedeutung des Alten Testaments, das auch das Erbe des Alten Orients weiter getragen hat.
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§ 2 Bibel und Archäologie
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1. Bezeichnungen, Zeiten und Landschaften
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