(4) Der König des Letzten Gerichtes
Gott ist der Erhalter der Welten und Er ist auch der Herr ihres Endes. Das zu wissen heißt, zu verstehen, dass das Bedingte vom Unbedingten kommt und von ihm abhängt. Der Tag des Gerichts ist die Hoffnung der Geduldigen, die ihrer Menschlichkeit zum Sieg verhalfen, die ihr niedriges Selbst bekämpft haben und die ihren selbstgefälligen Trieben nicht unterlagen. Der yawm ad–din, „der Tag des Gerichts“, ist der Tag, an dem die Unterdrücker und die Unterdrückten zusammen kommen und die Gegensätze vereint werden. Denn bei Gott vereinen sich die Gegensätze. Am Tage des Gerichts kommen wir zusammen und alle Ungerechtigkeiten werden gesehen. An diesem Tag sind alle gleich, die Könige und die Untertanen, die Reichen und die Armen. An diesem Tag werden die Menschen gemäß ihren guten und schlechten Taten beurteilt werden.
(5) Du bist es, Den wir anbeten, und bei Dir suchen wir Zuflucht
Die Anbetung ist das Erkennen Gottes außerhalb von uns, und die Zuflucht ist Rückkehr zum Gott in uns, in der Tiefe unseres Herzens; es ist das Vertrauen zu einem unendlich nahen Gott. Der Gott „außen“ gleicht der Unendlichkeit des Himmels; der Gott „innen“ der Vertrautheit des Herzens. Dies sind die Worte, die zwischen Gott und dem Menschen aufgeteilt sind. Die eine Hälfte, iyyaka na‘budu, „Dir alleine dienen wir“, ist für Gott, und wa iyyaka nasta‘īn, „und Dich allein bitten wir um Hilfe“, ist für den Anbetenden.
Zwischen Gottvertrauen und Ergebung bewegt sich der Mensch zu seinem wahren Selbst und rettet sich vor der Ungläubigkeit an die Einheit aller Existenz. Liebe ohne Ergebung bringt dich nicht weiter, genauso wie Ergebung ohne Liebe nicht weiterführt. Wer die Süße des Glaubens kosten möchte, muss Liebe und Ergebung vereinen. Er hat dich erschaffen, damit du das Göttliche in dir erweckst, so sei nicht niedrig. Er hat dich erschaffen, damit du frei bist, so sei nicht Gefangener deiner Triebe. Befreie dein Ich von allem Niedrigen, und bringe es zurück, wo sein Heimweh gestillt wird. Gib ihm zurück den Duft und lass es eingehen ins Meer des Lichts.
(6) Leite uns auf den rechten Weg
Es ist der aufstrebende Weg, der Weg, der zur Einheit führt; es ist das Zusammenführen von Willen, Liebe und Erkenntnis. „Leite uns auf den rechten Weg“, wenn wir in schwierige Situationen kommen, denn die Welt lenkt einen ab, von Dingen, die wirklich wichtig sind. Denn oft verengt sich vor lauter Sorgen und Kummer die Brust und die Selbstgespräche beginnen.
(7) Den Weg derer, über denen Deine Gnade waltet
Der rechte Weg ist der Weg, auf dem die Gnade uns nach oben zieht; durch die Gnade können wir diesem Weg folgen; doch müssen wir unsere Herzen für diese Gnade öffnen und uns ihren Gesetzlichkeiten fügen. Allāh, Du Verwandler der Herzen, lass mein Herz immerwährend bleiben in Deiner Einheit.
nicht derer, über denen Dein Zorn waltet
Nicht derer, die sich der Gnade widersetzen und die das verbindende Band zerreißen. Indem sie unabhängig sein wollen von der Göttlichen Urquelle oder selbst Quelle sein wollen, verschließt sich allmählich die Empfänglichkeit des Herzens und das Göttliche lässt sie los.
noch derer, welche in die Irre gehen.
Das sind diejenigen, die zwar das Eine nicht verneinen, sich aber aus Schwäche in der Welt verlieren. Sie folgen ihrem Gemüt und liefern sich somit den irdischen Mächten aus, doch sind sie nicht verloren, wenn sie es nur wollen.
Ich sah meinen Herrn mit den Augen meines Herzens.
Ich sprach: Wer bist du? Er sagte: Du!
Bei Dir hat das Wo kein Wo.
Wo Du bist ist kein Wo.
Die Vorstellungskraft hat keine Vorstellungskraft von Dir,
So dass sie wüsste, wo Du bist.
Du bist der, der alles Wo umfasst
Bis hin zum Nichtwo! Wo also bist Du?
Mit meinem Entwerden, mit meinem Entwerden gibt es nur
La ´ilāha ´illā llāh, es gibt nichts außer Gott.
Es gibt nichts Existierendes außer Dir.
(Hallaj)
DIE FORMELN
Formeln zu wiederholen ist eine Möglichkeit, um sich selbst und das, was um uns herum geschieht, in die allumfassende Gegenwart Gottes bewusst einzubetten. Durch das daraus resultierende Gedenken an die allumfassende Einheit wird dem Leben eine geistig–spirituelle Richtung gegeben, die uns erlaubt, am Segen und der Gnade bewusst teilzunehmen. Es ist kein moralisches Wiederholen von Formeln, sondern ein Ausdruck der Reinigung des Herzens und der Einigung. Denn Harmonie entsteht, wenn in der Vielfalt die Einheit einfließt und wirkt. Formeln helfen uns, dieses Bewusstsein in unser Leben einzuflechten.
Die Formeln
subḥāna llāh سبحان الله „Ehre sei Gott“,
al–ḥamdu li–llāh الحمد الله „Gepriesen sei Gott“ und
allāhu ‘akbar الله أکبر „Gott ist größer“
werden – einem Hadith entsprechend – oft zusammen aufgesagt.
Durch das Ausrufen von „subḥāna llāh“ سبحان الله „Ehre sei Gott“, wirkt man einem der Göttlichen Majestät entgegenstehenden Fehlurteil bzw. einer Irrlehre entgegen bzw. entkräftet sie.
Ein Dieb stiehlt einer hilflosen alten Frau die Handtasche und rennt davon, er stolpert über einen Stein, fällt hin, wird erwischt und die Handtasche kommt zu ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurück, subḥāna llāh!
Doch diese Formel wird auch bei Situationen und Dingen angewendet, die man nicht so offensichtlich nachvollziehen kann, deren Weisheit uns verborgen bleibt. Es ist eine Formel, die Gott betrifft und daher für uns Menschen in ihrer Allumfassenheit oft nicht erklärbar ist. Durch ihr Aussprechen trennen wir uns von den sichtbaren, eingeschränkten Dingen und Sichtweisen und betten uns in das Absolute, den Duft der Ewigkeit einatmend.
Die Formel „al–ḥamdu li–llāh“ الحمد الله „Gepriesen sei Gott“ ist das Erheben einer Tat von der Erde in den Himmel. Sie steht meist nach der Vollendung einer Handlung bzw. nach einer Erkenntnis. Sie ist in gewisser Weise das Pendant zu: „bismillāh ar–raḥmān ar–raḥīm“ بسم الله الرحمن الرحيم „Im Namen Allāh, Der unendlich Gütige, Der immer Barmherzige“.
Jede Handlung wird mit „bismillāh ar–raḥmān ar–raḥīm“, „Im Namen des Allbarmherzigen, Allgütigen, Schöpfer aus Liebe und Erretter aus Erbarmen“, eröffnet. Mit dieser Formel wird ein gütiger himmlischer Strahl auf jede Tat herabgerufen und gesegnet, im Wissen um die Einheit, im Wissen um die Göttliche Liebe und Gnade. Möge sie Widerhall finden in all meinen Taten. Jede Veränderung, jedes Eintreten in einen anderen Raum, jede Absicht wird mit der basmallah, wie diese Formel genannt wird, eröffnet.
Ich beginne mein Essen mit „bismillāh ar–raḥmān ar–raḥīm“ und beende es mit „al– ḥamdu li–llāh“. Mit dem al–ḥamd, dem Göttlichen Namen in dieser Formel, binde ich meine Handlungen und die Dinge an Gott. Ich erhebe sie und bette sie in die Einheit.
Die Formel „allāhu ‘akbar“ الله أکبر „Gott ist größer“, takbīr genannt, eröffnet das Gebet und bezeichnet den Wechsel der Stellung während des Gebetes. Der Komparativ des Wortes kabīr „groß“, der oft für einen Superlativ gehalten wird, bringt in dieser Formel zum Ausdruck, dass Gott stets größer oder der Größte ‘akbar sein wird.
Im Alltag wird sie oft ausgerufen, wenn man überrascht oder überwältigt wird. Sie wird aber auch zur Anfeuerung und zur kollektiven Stärkung verwendet.
Eine weitere oft verwendete Formel ist „in šā’a llāh“ إن شاء الله „Wenn Gott es will“. Mit ihr wird die Anlehnung, die Unwissenheit und Abhängigkeit vor Gott formuliert. Sie ist die befreiende Formel von jedweder Selbstgefälligkeit. Sie ist die Formel der Gelassenheit und des Vertrauens auf Gott, dass das, was richtig und gut ist, durch Ihn geschehen wird bzw. nicht eintreten wird – und dann ist es gut so. Allāh ist das Ziel, von Ihm kommt alles und zu Ihm kehrt alles zurück. Es gibt kein Dasein und keine Zukunft außer Ihm.
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