Egal, ob es um unsere berufliche oder private Zukunftsplanung geht, wir alle tragen Verantwortung und gehen unsere Entscheidungen betreffend oft hohe Risiken ein. Es handelt sich also darum, aufgrund der uns zur Verfügung stehenden Informationen richtige Entscheidungen zu treffen. Auch das erfordert Mut. Aufgrund immer kurzfristigerer Kadenzen wird Mut ein entscheidender Erfolgsfaktor sein, wenn es um unsere Zukunft geht. Nicht nur unsere eigene, sondern auch unsere gemeinsame und selbst die Zukunft unserer Nachkommen.
Planung, Kalkulation und Produktentwicklungen sind bei zunehmendem Tempo der Entwicklungen kaum mehr möglich, agile Arbeitsmethoden wie Lean Startup, Design Thinking oder Scrum halten Einzug in unseren Alltag, um iterative Prozesse zu unterstützen. Der Außendienst startet den Verkauf von Produkten und nimmt Vorbestellungen von Kunden entgegen, bevor Forschung und Entwicklung überhaupt abgeschlossen sind – sofern sie jemals abgeschlossen werden. Können Sie sich an die Zeit erinnern, als es noch Menschen gab, die sich dem Handy-Boom anfangs der 2000er-Jahre verwehrten? Es war wie eine kleine Revolution gegen die damals gängigen Handy-Produzenten wie Nokia und Sharp und ein Zeichen gegen das Establishment und bisherige gesellschaftliche Konventionen. Um diese Menschen ist es inzwischen schon längst still geworden, ich bin wohl schon zehn Jahre lang keinem Zeitgenossen mehr begegnet, der bewusst auf die Vorzüge eines Smartphones verzichtet, um ein persönliches Statement abzugeben. Können Sie sich erinnern, als es noch Menschen gab, die keine E-Mail-Adresse hatten, obwohl jede Visitenkarte dieser Welt schon mit @-Zeichen versehen war? Auch sie sind mittlerweile ausgestorben. Die Entwicklungen unserer Zeit lassen sich nun einmal nicht aufhalten. Von niemandem. Wir alle tragen die Verantwortung, sie neugierig und dankend und ja, mutig, anzunehmen oder – aus eigenen Stücken – uns dagegen zu verschließen. Die Frage lautet vielmehr: Wie gehen wir damit um, wie setzen wir diese neuen Technologien, die in den nächsten Jahren noch massiv auf uns einwirken werden, ein? Wenn wir uns verwehren, werden wir kaum Einfluss darauf nehmen können und sie daher nicht aktiv mitgestalten. Wir sind dann bloße Zuschauer am Rand jenes Spiels, wo die Musik läuft. Wollen Sie das? Wollen Sie angstvoll am Rande des Spielfelds zaudern, vielleicht sogar weglaufen? Oder doch lieber Verantwortung übernehmen und eine mutige Entscheidung treffen? Trotz Ihrer Ängste? Gerade wegen Ihrer Ängste! Sich nicht zu entscheiden ist auch eine Entscheidung, wenn auch selten die beste.
80 Prozent der Deutschen, 75 Prozent der Österreicher und 60 Prozent der Europäer sagen, dass sie vor der Zukunft Angst haben, schreibt der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. Zeitgleich geben gemäß Umfragen beinahe genauso viele Menschen an, zufrieden, glücklich oder sogar sehr glücklich zu sein. Ist das nicht ein Widerspruch? »In der Schweiz leidet jede siebte Person an einer Form von Angst, auch ohne Corona-Bedrohung«, so die NZZ am Sonntag in ihrem Magazin. Gehört die Angst mittlerweile zum hippen Lifestyle oder macht uns Angst gar glücklich? Wer öffentlich verkündet, angstfrei zu sein, wird in unserer Gesellschaft kaum mehr ernst genommen. Und trotzdem werden unsere Ängste entweder stark tabuisiert oder stigmatisiert. Ist das nicht zu einfach? Sollten Ängste nicht nuancenreicher und differenzierter betrachtet werden? Was ist denn überhaupt Angst, und wie macht sie sich bemerkbar? Jede und jeder von uns hat seine individuellen Ängste. Sie genauso, wie auch ich. Alle! Wir sind damit in bester Gesellschaft!
Wovor also haben Sie Angst? Zu den weitverbreitetsten Ängsten gehören die Angst, vor Menschen zu sprechen (41%), vor Höhe (32%), vor Geldmangel (22%), vor tiefem Wasser (22%), vor Ungeziefer (22%), vor Krankheit und Tod (19%), vor dem Fliegen (18%), vor der Einsamkeit (14%), vor Hunden (11%), vor dem Autofahren (9%), vor Fahrstühlen und vor der Dunkelheit (jeweils 8%). Ängste gehören zu unserem Alltag wie das Zähneputzen. Doch genauso unterschiedlich die Ursachen dieser Ängste sind, genauso stark variieren deren Wahrnehmung und Intensität. Angst ist etwas Persönliches, etwas Privates, ja etwas Intimes. Zeitgleich legitimieren Ängste für lautstarke Parolen, politische Engagements, für hitzige Debatten und provokante Aktionen. Wer Angst öffentlich verkündet, erkauft sich damit Autorität und wird medial erhört. Angst vor Überfremdung, Angst vor Klimakatastrophen, Angst vor Terrorismus, Angst vor Altersarmut, Angst vor Corona, Angst vor Inflation, Angst vor der Digitalisierung, Angst vor dem Demokratieverlust, Angst vor Social Media, Angst vor Großkonzernen, Angst vor dem Sozialismus, Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor religiösen Gruppierungen, Angst vor Pädophilen, Angst vor Amokläufern, Angst vor Terrorismus, Angst vor G5-Antennen, Angst vor dem Bienensterben, Angst vor der Zukunft und – ganz schlimm – die Angst vor der Angst. Und man könnte in diesem Sinne die Aufzählung der Ängste noch endlos fortsetzen. Stehen wir im gesellschaftlichen und politischen Angstwettbewerb?
Jeder Zeit ihre Angst, jeder Angst ihre Zeit
Ängste sind so alt wie die Menschheit. Jede Kultur, jede Epoche, jede Zeit, jede Generation beinhaltet ihre ureigenen Ängste. So hatte im Mittelalter die Mehrheit der Menschen Angst vor der Hölle und dem Fegefeuer. Im 14. Jahrhundert raffte die Pest jeden dritten Europäer dahin, es folgten zwei große Hungersnöte und Cholera. Da es insbesondere bei Cholera angeblich zu postmortalen Bewegungen der Verstorbenen kommen konnte, herrschte während der Aufklärung vom 17. bis ins 19. Jahrhundert in Europa große Angst davor, lebendig begraben zu werden. Nebst vielen anderen soll beispielsweise auch der russische Schriftsteller Dostojewski neben seinem Bett die Nachricht hinterlassen haben: »Sollte ich in lethargischen Schlaf fallen, begrabe man mich nicht vor fünf Tagen!«
Unsere Großeltern und Eltern fürchteten sich vor der roten Armee, vor den Russen und Nationalsozialisten, vor Hippies, Gammlern und natürlich Kommunisten. Nach dem Angriff auf Hiroshima fürchteten sich die Menschen vor der Atombombe und während dem Wettlauf ins All in den 60er-Jahren waren es die Ufos und die Außerirdischen, welche für die meisten eine Bedrohung darstellten. In den 80ern waren es das Waldsterben, nach Tschernobyl die Atomkatastrophen, gefolgt von zunehmendem Terrorismus, der mittlerweile auch bei uns in Westeuropa viele Menschen emotional erschüttert und in Angst versetzt. Aktuell dominieren Ängste vor dem digitalen Wandel, vor künstlicher Intelligenz, vor dem generellen Kollaps der Zivilisation, wie wir sie kennen, und der katastrophalen Rache der Natur. Ob real oder imaginär – Ängste prägten seit jeher unsere Gesellschaft, unser Denken, unser Handeln und auch die Politik. Dabei sind Ängste nicht per se schlecht. Denn ohne sie hätten unsere Vorfahren nicht überlebt. Wenn eine reale Bedrohung nicht als solche wahrgenommen wird, kann es tödlich enden. Das galt auch schon zu Zeiten der Säbelzahntiger, der Mammuts und unserer Vorfahren, der Jäger und Sammler. Wer nicht geflüchtet ist, wurde gefressen. Wer angriff, ging ein hohes Risiko ein, sich ernsthaft zu verletzen oder ebenso zur Nahrung zu werden. Angst war also schon damals ein Schutzmechanismus, sich unauffällig zu verhalten, sich in der Herde zu tarnen, sich zu verstecken oder zu flüchten. Stammen wir also alle von den Feiglingen unserer Vorfahren ab? Ängste mobilisieren und bringen uns in Bewegung. Sie motivieren uns, ins Handeln zu kommen und etwas dagegen zu tun. Die Voraussetzung dazu ist die klare Entscheidung, ihnen mutig zu begegnen. Welchen Ihrer Ängste möchten Sie mutig begegnen?
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