»Sicher, Herr … Timo. Schönen Tag noch.« Lenz ließ das Paar stehen.
»Und sauf nicht so viel, Lenz«, rief Timo Dollmann ihm hinterher. »Schaust übel aus. Wilde Nacht, hä?« Der Bursche und sein kichernder Aufriss gingen durch die offene Kellertür ins Haus.
»Ich saufe nicht, blöder Kiffer«, knurrte Lenz wütend, während er den Rasentrimmer anwarf und begann, die längeren Grashalme entlang der Buchsbaumhecke zu schneiden. »Ich. Saufe. Nicht. Verdammt noch mal.« Er war so aufgewühlt, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Vorsichtig tupfte er mit einem Papiertaschentuch am lädierten linken Auge herum. Den Trimmer führte er einhändig weiter. Das konnte er quasi blind. Ein Mann im dunklen Anzug kam auf dem Gehweg vorbei und grüßte kurz. Lenz nickte. Irgendjemand von der Security, den er nur vom Sehen kannte. Vorne an der Straße rumpelte eine Straßenbahn vorbei. Sein Trimmer ruckelte. Das Gerät setzte den Bruchteil einer Sekunde aus, so als hätte es etwas zu Hartes getroffen, dann schnurrte es wieder weiter, setzte noch einmal kurz aus und stotterte dann. Lenz schaltete das Gerät aus. Er wischte sich ein letztes Mal die tränenden Augen und bückte sich dann, um zu überprüfen, ob Zweige oder Steinchen in die Maschine gekommen waren. Das konnte vorkommen, durfte es aber eigentlich nicht. Er hatte erst am Vortag die niedrige Hecke akkurat gestutzt und war sich sicher, dass er alle Äste und Zweiglein auch restlos beseitigt hatte. Da war er akkurat. Lenz beugte sich zu der Hecke und tastete den Boden ab. Er bekam zwei kurze, dickliche Aststücke zu fassen, legte sie in seine rechte Handfläche und starrte stirnrunzelnd darauf. Seltsame Farbe, so blass und hell und ungewöhnlich dunkel an der Schnittstelle. Er hob eines der Stückchen mit Daumen und Zeigefinger hoch und führte es nah an sein gesundes Auge. Er hielt es gegen das Licht. Mit einem erstickten Schrei ließ er es fallen, als er erkannte, was er aufgehoben hatte. Er warf auch das zweite Stückchen weit weg und wischte sich angeekelt die Hände an der Schürze ab. Lenz schnappte kurz nach Luft und sah sich panisch um. Irgendwo sang ein Vogel. Dann ging Lenz Stockmair auf alle viere, legte den Kopf fast auf die Wiese und stierte angestrengt durch die Büsche. Dem Mann, der dort lag, fehlten nun Mittel- und Zeigefinger der linken Hand. Er würde sie freilich auch nicht vermissen, denn der deformierte Schädel, aus dem etwas Großes, Transparentes ragte, in dem sich die ersten Sonnenstrahlen brachen, ließ keinen Zweifel daran, dass der Mann nie mehr etwas vermissen würde.
02 Max Pfeffer nippte an dem Cappuccino, den er sich beim Bäcker an der Müllerstraße geholt hatte, und kratzte sich am Bart. Der hatte die Länge, in der er zu jucken begann. Zeit, sich wieder mal zu rasieren. Alles runter bis auf ein paar Millimeter. Niemand vom Team sprach ihn an. Man wusste, dass der Chef in der Frühe gerne maulfaul war und erst einmal genug Koffein getankt haben musste.
Die Rechtsmedizinerin richtete sich auf und zwinkerte Kriminalrat Pfeffer zu. »Servus, Maxl«, rief sie einen Tick zu fröhlich angesichts der Leiche, neben der sie kniete.
»Servus, Pettenkoferin«, antwortete Max Pfeffer und prostete ihr mit dem Kaffeebecher zu. Er stand noch hinter dem Absperrband, um die Spurensicherung nicht zu stören. Er hörte vorne an der Müllerstraße die Straßenbahn.
Dr. Gerda Pettenkofer stemmte sich hoch, was ihr angesichts ihrer wogenden Pfunde nicht leicht fiel, wischte sich über die Knie und kam zu Max Pfeffer herüber. »Hast du mal einen Schluck für mich?« Sie wollte ihm den Pappbecher aus der Hand nehmen.
Pfeffer zog seine Hand zurück. »Nein«, sagte er ruppig. »Du weißt, dass ich das hasse. Ich hol dir gleich deinen eigenen, wenn du willst.«
»Super Laune. Du mich auch.« Die Medizinerin zündete sich eine Zigarette an, war aber nicht ernstlich verstimmt. »Auch eine?« Sie hielt Pfeffer die Zigaretten hin.
»Nein. Tim verlässt mich endgültig, wenn ich schon wieder mit dem Rauchen anfange.«
Gerda Pettenkofer lachte trocken. »Verstehe, Pantoffelheld. Sagt er das nicht jedes Mal? Haben wir dich heute früh am Sportprogramm gehindert, oder was?«
»Nein.« Pfeffer schmunzelte. Er hatte sein tägliches Sportprogramm längst hinter sich gebracht, als der Anruf kam, dass mitten im Gärtnerplatzviertel Arbeit auf ihn warten würde. »Nichts gegen dich, werte Gerda, aber ich mag es einfach nicht, wenn jemand von meinem Glas oder Becher trinkt. Das müssen wir jetzt aber nicht weiter vertiefen, Hase.«
»Geht mir ja eigentlich auch so.« Sie zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls beneide ich dich nicht um den Klienten von heute. Die Kundschaft hier wird sicher not amused darüber sein, dass ihr Palast schon wieder in die Negativschlagzeilen kommt.« Sie deutete zum Hochhaus hinauf, in dessen Glasfassade sich die Morgensonne brach.
Max Pfeffer ließ seinen Blick schweifen. Rechts von ihm erhob sich der gläserne Wohnturm, zu dem der Garten gehörte, in dem sie standen. Geradeaus grenzten dreistöckige Neubauten daran und rechts versperrte ein grün gestrichener, hoher Bauzaun die Sicht zu der angrenzenden Baustelle. Hier wurden weitere Eigentumswohnungen hochgezogen. Hinter Pfeffer stand ein klotizges Bürogebäude, dessen Architekten offensichtlich Legofans gewesen sein mussten.
»Kommt unser Klient denn aus dem Palast?«, fragte er.
»Deine Assistenz ist schon im Anmarsch und kann dir das sicher beantworten.« Die Rechtsmedizinerin wies auf Hauptkommissarin Annabella Hemberger, die sich den beiden näherte. Sie trug einen weißen Ganzkörperoverall, wie alle hinter der Absperrung. In der Hand schwenkte sie einen durchsichtigen Plastikbeutel mit einer Geldbörse.
»Morgen, Chef«, sagte Hauptkommissarin Hemberger fröhlich und strahlte über das ganze Gesicht. Ihr blonder Kurzhaarschnitt leuchtete in der Sonne.
»Ich frage mich allerdings ernsthaft«, sagte Gerda Pettenkofer und musterte die Kriminalbeamtin mit zusammengekniffenen Augen, »ob deine Assistenz nicht ein schwerwiegendes Drogenproblem hat.«
Das fröhliche Lächeln von Annabella Hemberger fror ein, während sie leicht verwirrt zwischen den beiden hin- und hersah.
»Irgendwoher muss ja diese penetrante Fröhlichkeit kommen, Frau Scholz«, seufzte die Medizinerin erklärend.
»Die Hormone«, erklärte Max Pfeffer. »Und die Frau Scholz heißt ja längst Hemberger. Wir waren auf der Hochzeit, Gerdahase. Alzheimer?«
»Oh.« Gerda Pettenkofer begriff und begann ebenfalls zu strahlen. »Wieder schwanger? Na, Mensch, gratuliere, Bella. Glückwunsch!«
»Danke«, antwortete die Hauptkommissarin selig grinsend. »Weiß es erst seit gestern. Wir freuen uns schon ganz narrisch …«
»Mädels, bitte«, unterbrach Pfeffer. »Bleiben wir einen Moment noch beim Thema.«
»Klar, Chef.« Bella Hemberger hielt ihm den Plastikbeutel hin. »Er trug sein Portemonnaie mit sich. Es scheint nichts zu fehlen. Zumindest sind ungefähr dreihundert Euro in bar drin, diverse Kreditkarten und sogar sein Personalausweis. Unser Toter ist ein gewisser Guido Zumboldt, einundvierzig Jahre alt. Wohnte hier im Haus. Dann haben wir hier noch einen Autoschlüssel, sein Smartphone und eine Abholbenachrichtigung vom Zoll.«
»Und wie ist er gestorben?«
»Jemand hat ihm mit Gewalt einen riesengroßen Diamanten in den Kopf gerammt«, sagte Gerda Pettenkofer lakonisch und nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette.
»Einen Diamanten?«, fragte Pfeffer ungläubig.
»Na ja, so was ähnliches. Es ist ein großes geschliffenes Ding, das ihm im Schädel steckt. Richtig in den Hinterkopf hineingedrückt. Könnte ein Kristall sein oder auch einfach Glas. Wenn ich ihn bei mir auf dem Seziertisch habe, hol ich das Ding raus und lass es dir zukommen. So wie er aussieht, ist er noch nicht sehr lange tot. Tatzeit so zwischen fünf Uhr dreißig und sechs Uhr dreißig. Ihm fehlen außerdem zwei Finger der linken Hand.«
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