Taub und zerschunden lagen sie nebeneinander, ein kleines, gekrümmtes, zur Festung gerundetes Gebilde und ein Gekreuzigter mit dröhnendem Schädel und klopfenden Lidern.
Als er wieder aufwachte, schien sie sich nicht einen Millimeter bewegt zu haben. An den Fensterläden, die niemand zugeklappt hatte, rüttelte der Wind; auf den verstreuten Kleiderarchipel am Boden fielen einzelne, kräftige Sonnenstrahlen. Und noch bevor Sperber sich vollständig aus dem zähen Morast des Schlafes befreit hatte, nahm er die dunkelrote Haarmasse in sein Bewusstsein auf, die sich neben seinem Kopf wie ein Blutfleck ausbreitete.
Langsam griff er hinein in das sonnenwarme Schlangennest, ließ die roten Locken durch seine Finger fließen. Unter dem Laken begann die Festung sich zu regen und aufzulösen, ein nackter Oberkörper wurde sichtbar, richtete sich auf. Einen Moment lang blieb die Frau, Sperber ihren weißen, runden Rücken zuwendend, auf der Bettkante sitzen, dann stand sie auf, um ihre Kleider zusammenzusuchen; mit müden, kraftlosen Bewegungen stieg sie in ihre Hose, drehte den Pullover auf die richtige Seite. Nur einmal, bevor sie die Tür öffnete und leise, fast lautlos hinter sich zuzog, kam ihr Gesicht kurz zum Vorschein. Es war, wie Sperber nun endgültig wahrhaben musste, das traurige, aufgedunsene Gesicht mit den blassen Sommersprossen und den vorstehenden, wie verständnislos blickenden Augen von Heather, der Engländerin.
Heather lebte seit vielen Jahren im Ort. Seitdem der bretonische Gastwirt, mit dem sie verheiratet gewesen war, mit einer jungen Bedienung in die Hauptstadt verschwunden war und sie mit ihren Kindern zurückgelassen hatte, betrieb sie einen Laden, in dem sie »maritime Geschenkartikel« englischer Fabrikation verkaufte, Clipper- und Bulkhead-Lampen, messingbeschlagene Schiffsschränke, Sextanten und Oktanten, Himmelskarten, Barografen und Hydrometer. Wie Sperber selbst gehörte sie zu den regelmäßigen Gästen der Bar L’Escale, wo er aber kaum jemals ein Wort mit ihr gewechselt, höchstens in größerer Runde einige Male mit ihr und anderen zusammengestanden hatte. Allenfalls war ihm aufgefallen, vielmehr fiel es ihm wohl erst rückblickend auf, dass sie ihn manchmal freundlich-scheu angesehen hatte aus ihren fragenden Bullaugen. Er konnte sich nicht erinnern, sie am Vorabend gesehen, geschweige denn in ihrer Begleitung das Lokal verlassen zu haben; wahrscheinlich war er schon zu betrunken gewesen, als er dort ankam.
Was in der Nacht geschehen war, sein stierartiger Angriff im Schutz des Dunkels, in der altbewährten Immunität des Alkoholrausches, tauchte nun erst aus dem Nebel seines Bewusstseins wieder auf und erfüllte ihn mit einer glühenden Scham, als hätte er sich an einem Schutzengel vergriffen. Denn er wusste inzwischen klar und deutlich, dass Heathers Blicke schon oft auf ihm geruht hatten, weder einladend noch gar provozierend oder flehend, sondern umsichtig-zärtlich und schonungsvoll.
Der Wind – eine Art Aspirin, das die nordatlantische Küste ihren Säufern unentgeltlich liefert – blies parallel zur Küste, so kräftig, dass man, den Strand entlanglaufend, sich entweder gegen ihn stemmen musste oder von ihm vorwärtsgeschoben wurde. Slapstickhaft vorgeneigt ging Sperber ihm entgegen, über seinem Kopf einzelne, tragische Schreie ausstoßende Möwen, die aus mysteriösen Gründen von den Sturmböen nicht davongeweht wurden. Seinen unsichtbaren Gegner Schritt für Schritt zurückdrängend, schob er sich vorwärts, nur mit einer leichten Hose und einem Hemd bekleidet, das sich in seinem Rücken zu einem grotesken Höcker aufblähte. In der Gegenrichtungwaren Millionen runder Algensamen unterwegs, flach flogen die braunen Kügelchen über den Sand, eilten in endlosen Zügen den Strand entlang, eine Völkerwanderung, von der niemand wusste, wo sie begonnen hatte und wo sie enden würde.
Es war noch Frühling, ein gewaltsamer, wuchtiger, beißender Frühling, das Meer dröhnte und schäumte, die grüngelben Zypressen standen verrenkt und gichtig über die spärlichen Gräser gebeugt. Sperber begann zu rennen, er rannte und rannte, als wollte er die Harpyien in ihre Höhle zurückdrängen, und kam doch kaum vom Fleck. Tränen rannen ihm waagerecht über die Schläfen, wie im Zeitraffer flogen grauweiße Wolkenbänke oder Schaumfetzen über ihn hin. Vielleicht sah ihn jemand in einem vorüberfahrenden Auto von der Strandstraße aus rennen, seht mal, ein Irrsinniger, würde er zu seinen auf dem Rücksitz kartenspielenden Kindern sagen. Der Wind stach ihm in die Augen und nahm ihm die Sicht, seine Beine wollten die Richtung nicht mehr halten und trugen ihn ins undurchsichtige schwarzgrüne Wasser und in die nächste anrollende Welle hinein, die sich, zornig, dass es hier nicht weiterging, aufbrüllend am Festland brach.
Die Welle überrannte ihn und wirbelte ihn zu Boden. War das Wasser kochend oder eisig? Jäh brannte es sich in jede Pore hinein. Du Verlorener, du Lump, du armseliger Wicht!, rief ein Gott ihm zu oder ein Wassergeist.
Noch nicht wieder an der Oberfläche, Mund und Nase mit Salzwasser gefüllt, spürte Sperber einen Schlag gegen die Schläfe, als hätte ihm der zürnende Gott, um seiner Lektion mehr Nachdruck zu verleihen, zum Abschluss noch eins übergezogen. Das Meer hatte ein großes Stück Wellblech angeschwemmt und es ihm mit der Wucht der nächsten anrollenden Welle an den Kopf geworfen.
Nun hätte er ohnmächtig werden und ertrinken können, das Blech hätte ihn schwerer verletzen und ihm vermutlich sogar die Gurgel durchschneiden können, aber der Wassergeist wollte ihn warnen oder strafen, nicht töten, und so ließ er ihn, triefend von Wasser und Blut, jämmerlich zitternd und lebendig, auf die Beine kommen und aus den Fluten steigen.
Keiner kam, ihn in eine warme Decke zu hüllen; immerhin schob ihn der Wind in die richtige Richtung, heimwärts.
Wie durch Gletscherspalten fielen Sonnenstrahlen auf das schieferfarbene Meer, Wolkenbrüche aus Licht, die bewegliche, gleißende Inseln in der Ferne hinterließen. Kurz bevor er wieder im Ort angelangt war, tat sich eine jener Wolkenklüfte über Sperbers Kopf auf und gab für wenige Momente den Blick frei auf das immerwährende, von keinerlei Niederschlag je getrübte schöne Wetter, das darüber herrschte, auf jenen ewigen, wolkenlosen Sommer, den die Flugmaschinen als Lebensraum für sich beanspruchen.
Er duschte, solange warmes Wasser aus dem Boiler kam, zog sich warm an. Das Wellblech hatte ihm die rechte Schläfe aufgerissen, über dem Auge war die Haut schmerzlich angeschwollen. Da er weder eine Wundsalbe noch ein Pflaster fand, strich er Zahnpasta auf die Wunde – er hatte gehört, sie habe eine entzündungshemmende Wirkung. Im Spiegel erschienen sein rotes, vom heißen Wasser aufgeweichtes Gesicht, der kahle Schädel, das stoppelbärtige, kantige Kinn, die Kerben um die hellen Augen, die geschwollene, steile, wie ein demnächst zu fällender Baum mit einem weißen Kreuz markierte Stirn.
Dieses eine Mal hatte er das transportable Telefon nicht mittransportiert, sondern auf dem Küchentisch liegen gelassen, sonst wäre es ebenso durchnässt worden wie er und jetzt Müll. Obwohl es so gut wie nie summte und keine Nachrichten überbrachte, trug er es stets bei sich und inspizierte es oft. Er besaß es nicht, um zu telefonieren, sondern um erreicht werden zu können. Erreicht von wem? Sein Sehnen galt keiner bestimmten Person oder Nachricht. Er wartete darauf, erreicht zu werden von etwas oder jemandem, von etwas Konturlosem, Unbekanntem, vom Leben, von der Welt.
Er nahm das Gerät in die Hand und ging ans Fenster, von wo nicht das Meer zu sehen war, sondern eine verwitterte Mauer, und noch eine, und dann noch eine dritte, in Terrassensprüngen stiegen sie an bis hin zu einem unfernen, hohen, von einer Kiefer überragten Horizont. Darunter, in der Tiefe des Hinterhofes, wuchsen neben dürren Unkrauthalmen, die meiste Zeit des Tages im Schatten, zwei Hortensienbüsche, deren Blüten im Laufe des Sommers von hellgrün zu rosa, violett, lavendelfarben und schließlich tiefblau wechselten. Voll aufgeblüht ähnelten die großen Blütenkugeln jenen vielblättrigen, pastellfarbenen Gummi-Bademützen, die Frauen früher im Schwimmbad trugen.
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