In Marienhafe lagen früher auch Schiffe am Kai. Doch durch die Verlagerung der Küstenlinie liegt der Ort heute gut zehn Kilometer von der Nordsee entfernt im Binnenland. Einer, der hier im Mittelalter häufig anlegte, war Klaus Störtebeker. Der berühmt-berüchtigte Seeräuber ist allgegenwärtig. Es gibt Störtebeker-Kuchen, Störtebeker-Schinken, jedes Jahr das Störtebeker-Straßenfest und alle drei Jahre die Störtebeker-Freilichtspiele in Marienhafe.
Wir essen unseren Kuchen in Störtebekers Teestube im Schatten des Störtebeker-Turms der St.-Marien-Kirche. Störtebeker hatte sich dort nach seinen Beutezügen versteckt, bei denen er mit Vorliebe die „Pfeffersäcke“ der Hanse ausraubte und seine Beute anschließend – zumindest teilweise – unter den Armen verteilte. Unterstützt wurde der Pirat vom ostfriesischen Häuptling Widzel tom Brok, der im Clinch mit der Hanse lag. Das ist kein Ostfriesenwitz. Die ostfriesischen Herrscher im Mittelalter hießen tatsächlich Häuptlinge.
Rasenmäher und Stromerzeuger: Schafe und Windräder bei der Arbeit .
Einer der Hauptsitze der „Hoventlinge“ war damals Aurich, heute Kreisstadt und Stammsitz von Enercon, dem größten deutschen Hersteller von Windenergieanlagen. Alles ruhig am Firmengelände, noch scheint sich niemand Sorgen zu machen über die anhaltende Flaute in Ostfriesland. Kritiker der Windenergie nörgeln ja gern mal über die „Verspargelung“ der Landschaft. Aber Umfragen haben ergeben, dass sich die Wenigsten an den mehr als 1.000 Windkraftanlagen in Ostfriesland stören. Und für Radler erweisen sich die Dinger sowieso als äußerst praktisch: Zeigen sie doch zuverlässig an, woher der Wind weht. Normalerweise. Kaum zu glauben, aber wahr, auch auf dem Weg nach Dangast am Jadebusen weht kein Lüftchen. Meinem Mitradler Martin, bekennender „Windphobiker“, gefällt das außerordentlich gut. „Ich hasse Wind“, hatte er schon bei der Reiseplanung zwischen den Zähnen hervorgepresst. Er behauptet, Wind gäbe es ausschließlich als Gegenwind, und er würde lieber dreimal hintereinander nach L’Alpe d’Huez hochfahren als eine Stunde gegen den Wind.
Wir gondeln jedenfalls gemütlich bei Windstille am Jade-Ems-Kanal entlang und gewinnen locker das Rennen gegen ein Motorboot mit dem schönen, aber unpassenden Namen „Tornado“. Kurz vor Jever gönnen wir uns in einem gemütlichen Dorfkrug eine Tasse Tee. Man sieht es uns sogar nach, dass wir ihn schwarz trinken statt klassisch ostfriesisch – nämlich mit Kandis und Sahne. Vielleicht liegt es ja daran, dass wir die Grenze von Ostfriesland nach Friesland überfahren haben – ohne es gemerkt zu haben.
In Richtung Ammerland radeln wir entlang der hier so typischen Wallhecken. Ansonsten ist alles beim Alten. Nach wie vor kein Wind, was auch Frank Bullerdiek, Tourismus-Chef im Ammerland, arg wundert. „Hier haben wir im Schnitt eine Windstärke weniger als an der Küste, aber eigentlich weht es auch bei uns immer ordentlich.“ Sagt’s und schaut übers Zwischenahner Meer, wo in der Abenddämmerung ein paar Segelboote über das spiegelglatte Wasser motoren.
Auch das Ammerland ist platt wie eine Flunder. Die höchste Erhebung der gesamten ostfriesischen Halbinsel ragt gerade einmal 20 Meter in den Himmel, die härtesten Anstiege beschränken sich auf die Deiche und die Autobahnbrücken.
Gemeinsam mit dem leidenschaftlichen Radler nehmen wir die letzte Etappe in Richtung Leer in Angriff. Und schon beim Aufstehen weiß ich Bescheid. Die Fahne vor dem Hotel knattert im Wind, meine am Abend zuvor sorgsam aufgehängten Radklamotten sind auf der Terrasse verteilt – der Wind ist zurück. Es geht westwärts, zunächst durch die Gärten und Parks des Ammerlands und schließlich immer entlang der Leda. Weil der Zufluss der Ems in Schlangenlinien durchs Overledingerland mäandert, haben wir den Wind mal von der Seite, kurzfristig sogar Rückenwind, aber meistens genau von vorn.
Historisch: alte Waage und Börse im Hafen von Leer .
INFO |
MEHRTAGESTOUR305 km, 453 Hm |
Die rund 300 km lange Radtour führt auf überwiegend kleinen Straßen und Wirtschaftswegen durch die landschaftlich schönsten Ecken und entlang der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Ostfrieslands, Frieslands und des Ammerlands.
Hinterm Deich erstreckt sich weites Marschland mit sattgrünen Weiden, das landeinwärts in Niedermoore, Geest und Hochmoore übergeht. Die Gegend ist platt wie ein Pfannkuchen, die härtesten Anstiege hat man an den Deichen zu bewältigen. Die zahlreichen Radwanderwege und Themenradwege („Wasser und Weite“, „Seeräuber und Häuptlinge“, „Alte und neue Häfen“, „Gärten und Schlösser“) sind fast überall bestens ausgeschildert und zumeist gut asphaltiert. Bisweilen geht es über historisches rotes Klinkerpflaster oder graues Verbundsteinpflaster.
Leer
Villa LedaStilvolles Bed & Breakfast unweit der Leeraner Altstadt. Bremerstraße 57, Tel. 0491/9196258, www.bedandbreakfast-leer.de
Hotel Hafenspeicher4-Sterne-Hotel in einem historischen Speichergebäude, Ledastraße 23, Tel. 0491/9975300, www.hotel-hafenspeicher.de
Greetsiel
Hohes HausErstes Haus am Platz, gemütliche Zimmer in historischem Ambiente. Hohe Str. 1, Tel. 04926/1810, www.hoheshaus.de
Aurich
Hotels Twardokus & Alte KantoreiZwei überaus charmante Altstadthotels mit geschmackvoll eingerichteten Zimmern. Kirchstr. 4–6, Tel. 04941/99090, www.twardokus.de
Dangast
Hotel Graf BentinckGediegenes 4-Sterne-Haus rund einen halben Kilometer hinterm Deich. Sensationell gutes Frühstücksbuffet. Dauenser Str. 7, Tel. 04451/1390, www.bentinck.de
Bad Zwischenahn
Hotel PetersenRuhig gelegenes Hotel in Zentrumsnähe. Auf der Wurth 6, Tel. 04403/93330, www.hotel-petersen.de
Wer sich in Ostfriesland auf kulinarische Entdeckungsreise machen will, kann mit viel Glück traditionelle Gerichte wie „Bohnen un Peeren mit Duffkook“ (Bohnen und Birnen mit Mehlkloß) oder den „Peter in de Büx“ (Buchweizenpfannkuchen mit Speck) probieren. Als weitere Delikatessen gelten das Deichwiesenlamm oder ein zünftiges Labskaus. Das „Nationalgetränk“ der Ostfriesen ist natürlich der Tee, ansonsten mundet zum Essen ein frisch gezapftes Jever.
Die besten Krabbenbrötchen auf die Hand bekommt man im Fischhaus Ditzumdirekt am Hafen und im Greetsieler Ortskern im SB-Fischrestaurant Greetje.
Der Räucheraal im Ammerland heißt „Smoortaal“, ist eine echte Delikatesse und wird im Spiekerzu Bad Zwischenahnnach einem festen Ritual verspeist. Regel dabei ist, aus einem Zinnlöffel möglichst viel Korn zu schlürfen – und zwar vor dem Aal, zum Aal und nach dem Aal. Schmeckt selbstverständlich auch ohne Schnaps. Am Hogen Hagen 4, Tel. 04403/2324, www.spieker-gaststätte.de
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