Vielen aus der Mitte und dem Süden Deutschlands gelten ja bereits die Menschen in Bremen und Hamburg als „Fischköppe“. Was will man da bloß über Kappeln sagen, noch mal zwei Autostunden nördlich von Hamburg gelegen, im äußersten Nordosten der Republik? Hier haben sie den letzten noch funktionierenden Heringszaun Europas, feiern alljährlich die Heringstage, halten eine Heringswette ab und küren dabei sogar noch eine Heringskönigin oder einen Heringskönig. Mehr „Fischkopp“ geht ja wohl nicht.
Ansonsten ist Kappeln ein idealer Ausgangspunkt für wunderschöne Radtouren. In der Nachbarschaft liegt Arnis, mit rund 300 Einwohnern nicht nur Deutschlands kleinste Stadt, sondern auch die mit den meisten Werften pro Einwohner. Der Ort besteht eigentlich nur aus einer langen Kopfsteinpflasterstraße, gesäumt von niedlichen Häuschen. Plötzlich dröhnt es gewaltig von einer der vier Werften herüber, so, als bräuchte es einen Beweis, dass hier wirklich noch gearbeitet wird. Gut, dass gerade die Fähre kommt, um uns hinüberzubringen nach Schwansen, in die Region südlich der Schlei.
Blickrichtung Dänemark: auf dem Radweg an der Geltinger Birk .
Gesäumt von Raps und Mohn: typischer Schlei(ch)-Weg .
Schon bald rollen wir direkt am Wasser entlang. Lärm machen hier nur ein paar Möwen, die Wellen plätschern sanft gegen das Ufer, und als die Sonne sich durch die Wolken bohrt, glitzert die Schlei wie eine Discokugel. Bisweilen führt der Radweg weg vom Wasser in die sanften Hügel. Auf den Feldern wiegt sich das Getreide, die Schlei ist eine windige Ecke. Mohn und Kornblumen blühen am Rand der Felder um die Wette, es duftet nach wilder Kamille. Immer wieder öffnet sich der Blick auf den Fjord, die Masten einiger Segelboote überragen das Schilf.
Bei Missunde nehmen wir die Fähre zurück auf die Halbinsel Angeln. Die Sträßchen, die sich durch das idyllische Bauernland schlängeln, sind von sogenannten Knicks gesäumt, uralten Wallhecken, die als Schutz gegen Wildtiere errichtet wurden, aber auch die steife Brise von der See abmildern sollen. So haben es die Angelner auch heute noch „hyggelig“ in den Gärten ihrer reetgedeckten Häuschen. Und wie es hier ansonsten so ausschaut, ist ja wohl klar: wie in Dänemark. So richtig verwunderlich ist das nicht so nah an der Grenze. Zudem wurde die Region, zumindest der nördliche Teil des heutigen Bundeslandes Schleswig-Holstein, über Jahrhunderte vom dänischen Königshaus regiert. Erst der Deutsch-Dänische Krieg im Jahr 1864 beendete die Herrschaft.
Die Geschichte der Angelner verbindet sich aber noch viel nachdrücklicher mit der Entstehung einer anderen europäischen Nation. Zahlreiche Angelner wanderten gemeinsam mit dem germanischen Volksstamm der Sachsen im fünften Jahrhundert ins damalige Britannien aus. Die Auswanderer vom Kontinent gewannen auf der Insel rasch an Einfluss und Macht, schon bald waren sie zur Volksgrupppe der Angelsachsen verschmolzen. Und so geht letztendlich der Name Englands auf diese kleine Halbinsel an der Schlei zurück.
Erkundungstour durch Maasholms Sportboothafen .
AutoAb Hamburg gelangt man in knapp zwei Stunden ans Ziel. Man fährt entweder über die A 7 nach Schleswig und von dort aus auf der B 201 nach Kappeln oder via Kiel (B 404) und Eckernförde (B 76) auf der B 203 nach Kappeln.
BahnAb Hamburg mit dem Regionalzug/ICE nach Kiel, von dort mit dem Regionalexpress Richtung Flensburg, in Süderbrarup aussteigen. Die Busse nach Kappeln nehmen Räder nur mit, wenn Platz ist. Wer sichergehen will, bestellt ein Taxi (bei der Anreise mit eigenen Rädern ein Großraumtaxi). Die Kosten für die Strecke Süderbrarup–Kappeln liegen bei ca. 35 bis 40 Euro pro Strecke.
Pierspeicher Boutique HotelDas 1936 erbaute backsteinerne Speichergebäude wurde 2006 zu einem empfehlenswerten Hotel umgebaut. Je höher im denkmalgeschützten Haus das Zimmer, desto besser der Ausblick über die Schlei. Am Hafen 19c, Kappeln, Tel. 04642/924780, www.pierspeicher.de
KappelnAn der Hafenpromenade reiht sich ein Restaurant ans andere, Fischgerichte dominieren logischerweise die Speisekarten. Aber so wirklich zu empfehlen sind die meisten – außer der Alten Räucherei– erstaunlicherweise nicht. Am Hafen 16, Tel. 04642/5095, www.alte-raeucherei-kappeln.de
Beste Ware bekommt man in der traditionellen Aal- und Fischräucherei Föh, Dehnthof 28, Tel. 04642/2274, www.foeh.de
Auf der südlichen Seite der Kappelner Klappbrücke sitzt man nicht nur gemütlicher, das Essen im Restaurant Tauwerk-ASCdes Arnisser Segelclubs ist auch richtig gut, egal ob Dorschfilet, Heringsteller oder Surf&Turf-Burger. Am Südhafen 4, Tel. 04642/2158, www.tauwerk-asc.de
Die Wallanlage Danewerkund die ehemalige Wikingersiedlung Haithabubei Schleswig zählen zu den wichtigsten archäologischen Stätten Nordeuropas und wurden 2018 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. www.danevirkemuseum.de, www.haithabu.de
In Schloss Gottorfbei Schleswigsind u. a. das schleswig-holsteinische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte sowie das Archäologische Landesmuseum untergebracht. Schlossinsel 1, Tel. 04621/813222, www.schloss-gottorf.de
Maritime Vergangenheit kann man im Kappelner Museumshafenerleben. Hier hat so manches bestens renovierte Schmuckstück auf ewig festgemacht, darunter alte Heringsboote und Krabbenkutter. www.museumshafen-kappeln.de
Fahrräder & Spielwaren SchmidtVorn gibt’s Spielwaren, hinten im Hof Fahrräder: Die freundlichen Schmidts verleihen solide Böttcher-Räder mit und ohne Unterstützung; nichts Extravagantes, aber passend für eine gemütliche Tagestour. Für sportlich ambitionierte Radler sind Mountainbikes im Angebot. Mit Werkstatt. Kappeln, Schmiedestr. 30, Tel. 04642/3606, www.schmidt-kappeln.de
Kompass Rad- und WanderkarteOstseefjord Schlei Schleswig, 1:35.000
Ostseefjord Schlei GmbHPlessenstraße 7, Schleswig, Tel. 04621/850050, www.ostseefjordschlei.de
Touristinformation SchleswigPlessenstr. 7, Tel. 04621/850056
Touristinformation Kappelnin der Holländermühle Amanda, Schleswiger Str. 1, Tel. 04642/4027
Auf dem Gelände von Gut Krieseby steht eine 800 Jahre alte Eiche .
Nur einen Steinwurf von der Schlei entfernt: Gut Bienebeck .
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