ETAPPE 1: VON DER ELBE IN DEN SACHSENWALD
58,5 km, 210 Hm, max. Steigung 9 % (kurzes Stück in Escheburg)
Tourcharakter
Asphalt; einige Hundert Meter Sand im Sachsenwald. Hinter den Deichtorhallen beginnt der Radweg, der uns autofrei elbaufwärts führt. An der Tatenberger Schleuse verlassen wir den Radweg Hamburg–Berlin und folgen der hübscheren Strecke auf dem Tatenberger Deich. In Kirchwerder stoßen wir auf den „Radwanderweg Elbufer“, den wir kurz vor Geesthacht Richtung Norden verlassen. Es geht schnurstracks durch den schattigen Sachsenwald nach Friedrichsruh, wo der „Eiserne Kanzler“ Otto von Bismarck in seinem Mausoleum ruht. Wir ruhen zur Nacht in der historischen Grander Mühle am Ufer der Bille.
ETAPPE 2: EULENSPIEGEL, KANAL UND MARZIPAN
72,2 km, 53 Hm, max. 6 % Steigung
Tourcharakter
Asphalt; ab Berkenthin nach Lübeck fester Sandweg am Elbe-Lübeck-Kanal.
Auf verkehrsarmen Nebenstraßen durch das ländliche Herzogtum Lauenburg erreichen wir Mölln, einst Wirkungsstätte von Till Eulenspiegel, wo wir über derbes Kopfsteinpflaster rumpeln. Eine Asphaltpiste führt uns kommod nach Ratzeburg, malerisch auf einer Insel inmitten dunkler Seen gelegen. Das Finale ab Berkenthin bietet entspanntes Geradeausfahren. Auf dem Sandweg neben dem Elbe-Lübeck-Kanal nähern wir uns der Hansestadt, deren Kirchtürme schon von Weitem grüßen.
03
OSTFRIESLAND
Zwischen Dollart und Jadebusen
Backstein und Boote: sehenswerter Kutterhafen in Greetsiel .
Ein Turm, schiefer als der in Pisa, Seeräubermythen und Fischerromantik: Ostfriesland hat mehr zu bieten als plattes Land und Wind.
TEXT:Sven Bremer
FOTOS:Martin Kirchner
Irgendwas stimmte nicht, irgendwas war diesmal anders in Ostfriesland. Die Deiche und Weiden waren immer noch genauso sattgrün wie sonst auch, der Himmel immer noch so weit über der topfebenen Landschaft. Die Türme der wuchtigen Backsteinkirchen waren immer noch so schief und die Dörfer im Hinterland der Nordseeküste noch genauso gemütlich wie verschlafen. Und die Menschen grüßten auch weiterhin mit einem herzhaften „Moin“, was sie hier bekanntlich auch noch kurz vor Mitternacht machen. So weit, so ostfriesisch. Aber was zum Teufel war anders als bei meinen vorherigen Touren?
Schon bald nach dem Start in Leer rollen wir hinterm Emsdeich auf das kleine Fischerdorf Ditzum zu. Dort gibt es am Hafen nicht nur astreine Krabbenbrötchen, sondern auch eine Fähre, die Radler hinüberbringt nach Emden. Wir passieren zahlreiche Schafgatter, die dafür sorgen, dass das liebe Vieh nicht reißaus nimmt.
Die Gegend hier nahe der niederländischen Grenze wird auch das „Endje van de Wereld“ genannt. Weite Teile liegen unterhalb des Meeresspiegels. Immer wieder haben die Ostfriesen hier nasse Füße bekommen, mehrere Dörfer sind einst im Dollart versunken. Der Sage nach sollen Seeleute die Spitzen der abgesoffenen Kirchtürme gesehen und sogar das Glockenläuten der Gotteshäuser gehört haben.
Hätte es damals schon Windräder gegeben, dann wären die sicherlich auch zu sehen gewesen. Und endlich klingelt es bei mir. Beim Anblick der Windkraftanlagen am Wegesrand wird mir klar, was diesmal so anders ist. Schlaff und reglos stehen die Windräder in der Weite der Landschaft herum, die riesigen Rotorblätter drehen sich keinen Millimeter. Es ist nicht nur zu wenig Wind, es ist windstill. Das kommt in Ostfriesland ungefähr so oft vor wie Schnee auf den Malediven. Auch der Fährmann von der Ditzumer Fähre schaut ungläubig auf seine schlaff am Mast hängenden Fahnen und sagt: „Da habt ihr ja man Glück gehabt, vor zwei Tagen hat’s noch so geweht, dass uns fast die Passagiere von Bord geflogen sind.“ Meistens weht es hier oben aus westlicher Richtung. Windstärke sechs ist gar nichts in Ostfriesland. Aber heute? Kein Windhauch weht von der Nordsee herüber.
Das Zwischenahner Meer ist der drittgrößte Binnensee Niedersachsens .
Der Pilsumer Leuchtturm hat Kultstatus .
Daran ändert sich auch in der Krummhörn nichts. Ostfriesischer ist Ostfriesland nirgendwo sonst, sagt man. Und schon nach ein paar Kilometern weiß man auch, warum es heißt, dass die Ostfriesen schon morgens sehen können, wer am Nachmittag zum Tee kommt. So platt ist das Land hier hinterm Deich. Nur die Dörfer in der nordwestlichsten Ecke Deutschlands wurden einst auf sogenannten Warfen errichtet, zumeist kreisrunden Erdhügeln. Zum Schutz vor den Sturmfluten, die so sicher wie das Amen in den Kirchen hereinbrachen. Auf die Idee, Deiche zu bauen, waren die Ostfriesen nämlich erst später gekommen. Aus den Dörfern ragen teils bedenklich schiefe Kirchtürme heraus, weil die massiven Backsteinbauten auf dem viel zu weichen aufgeschütteten Boden absackten. Der Kirchturm in Suurhusen lässt mit einer Neigung von 5,19 Grad sogar den Schiefen Turm von Pisa deutlich hinter sich.
Unser Weg führt vorbei an Rysum, dem wohl hübschesten der insgesamt 18 Warfendörfer in der Krummhörn. In der kleinen und gar nicht schiefen Rysumer Dorfkirche steht eine der ältesten noch bespielbaren Orgeln der Welt. Wenig später passieren wir den Leuchtturm von Campen: „Eiffelturm der Nordsee“ wird das 65 Meter hohe Ungetüm auch genannt. Es ist wenig los in Campen, das ändert sich ein paar Kilometer weiter schlagartig. Rund um den gelb-rot geringelten Pilsumer Leuchtturm ist solch ein Auflauf, als hätte jemand den Schlick der Nordsee in pures Gold verwandelt. Dabei ist der Pilsumer Leuchtturm ein Zwergenturm, gerade einmal elf Meter hoch. Aber als stummer Nebendarsteller in Otto Waalkes’ Kinofilm „Otto – Der Außerfriesische“ hat er nun mal Kultstatus erlangt.
Ein paar Pedalumdrehungen weiter auf dem Themenradweg „Seeräuber und Häuptlinge“ entern wir Greetsiel. Tagtäglich werden hier am Busparkplatz Horden von Touristen ausgespuckt, die für einige Stunden die kleinen Gassen bevölkern. Greetsiel sollte man sich deshalb am besten ganz früh am Morgen anschauen, wenn die Busse noch auf den Betriebshöfen in Wanne-Eickel oder sonstwo stehen. Dann liegen vielleicht auch noch die Krabbenkutter im Hafen. Wenn die Greetsieler Seeleute am frühen Abend wieder in den Hafen einlaufen, werden sie bereits von neugierigen „Sehleuten“ erwartet, die am liebsten gleich vom Kutter den „Granat“ kaufen – wie die Nordseekrabben auch genannt werden.
Pittoresk und menschenleer: das Hafenstädtchen Greetsiel in der Nebensaison .
Die schmalste Autobrücke Deutschlands führt über die Leda bei Amdorf .
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