Carol schob ihm einen der heißen Becher hin. »Wieder die Vandalen?«, fragte sie.
Er schüttelte den Kopf, während er die Nummer des Notarztes wählte. »Wasserleiche bei den Reculver Towers«, erklärte er schnell, bevor sich die Einsatzleitung meldete. Fünf Minuten später fuhr er hinter dem Rettungswagen auf der A28 nach Norden. Carol musste den Kaffee allein trinken.
»Das hat ja gedauert«, empfing sie Mrs. Croydon ungehalten.
Sellick wusste jetzt, dass sie Lehrerin an der Grundschule war und genau so verhielt sie sich. So stellte er sich eine Lehrerin vor, in deren Klasse er lieber nicht sitzen wollte. »Wir kamen, so schnell wir konnten«, versuchte er zu beschwichtigen. »Steigen Sie bitte ein und zeigen Sie uns die Stelle.«
Der Fundort lag genau bei der Ruine des alten Klosters. Die sensationelle Neuigkeit hatte sich offenbar herumgesprochen, und das gefiel ihm gar nicht. Ein halbes Dutzend Neugierige standen am Damm und auf den Felsen. Spuren eines Verbrechens, falls es denn eines war, konnten sie unter diesen Umständen vergessen.
»Am Ende des Damms, zwischen den Felsen«, sagte Mrs. Croydon, als sie ausstiegen.
»O. K., Sie bleiben bitte hier. Zurücktreten, Leute. Bitte treten Sie hinter die Wagen zurück, sonst behindern Sie die Polizeiarbeit.« Er stieg mit dem Arzt auf die Felsen. Sie kletterten bis ans Ende des Damms und schauten sich verblüfft an. Weit und breit war nichts von einer Leiche zu sehen.
»Scheint wasserlöslich zu sein«, grinste der Arzt.
Sellick blickte mürrisch aufs Meer hinaus. »Finde ich gar nicht witzig.« Es blieb ihm nichts anderes übrig: Er musste ein ernstes Wort mit der strengen Mrs. Croydon reden.
Sie empfing ihn mit rotem Kopf. »Die Leute behaupten, es gäbe keine Leiche«, sagte sie schnippisch. Es klang wie ein Vorwurf.
»Er war tot, ganz sicher«, ereiferte sich der kleine Mikey, der sich trotz Mrs. Croydons Verbot wieder zu den Gaffern gesellt hatte.
Sellick zählte innerlich bis fünf, dann beugte er sich zum Knaben hinunter und fragte ruhig: »Was hast du denn genau gesehen. Erzähl mal.«
Mikey ließ sich nicht zweimal bitten, ignorierte den strafenden Blick seiner Mutter und berichtete ausführlich über seinen fantastischen Fund. Sellick begriff, dass der Junge eine lebhafte Fantasie hatte, aber die Schilderung deutete auch auf eine gute Beobachtungsgabe hin. Unsicher, ob er der Beschreibung glauben sollte, wandte er sich wieder an Mrs. Croydon, die ihm diesen Einsatz eingebrockt hatte:
»Tatsache ist, dass hier keine Leiche zu finden ist. Wenn es stimmt, was Sie sagen …«
»Hören Sie«, brauste die Frau auf. »Ich weiß, was ich gesehen habe, und ich bin nicht betrunken oder bekifft. Da draußen am Ende des Damms lag ein dunkelhäutiger, schlanker Mann mit glänzend schwarzem Haar im Wasser. Ich habe sein Gesicht nicht gesehen, aber es muss ein Inder oder Pakistani oder etwas Ähnliches gewesen sein. Ich weiß auch nicht, wie er es geschafft hat, zu verschwinden, aber ich weiß, dass er vor einer Stunde noch da war.«
»Vielleicht die Strömung«, meinte Mikey mit Kennermiene. »Die Flut ist vorbei, das Wasser fließt zurück ins Meer.«
»Das Wasser ist das Meer, Dummkopf«, lachte sein großer Bruder.
»Brauchen Sie uns noch?«, wollte der Arzt wissen.
»Sieht nicht danach aus.« Kurz bevor die Tür des Rettungswagens zuschlug, fügte er hinzu: »Danke, Doktor.« Er beschloss, die Lehrerin und ihre aufgeweckten Jungen ernst zu nehmen, obwohl die Tatsachen gegen sie sprachen. »Ich werde eine Suche veranlassen, Mrs. Croydon. Mehr kann ich im Moment nicht tun, wie Sie sehen. Ich muss Sie bitten, morgen bei uns auf dem Revier vorbeizukommen, um das Protokoll zu unterschreiben.«
Sie nickte, nahm den Kleinen bei der Hand, versetzte dem Grossen einen leichten Stoß und machte sich mit den andern auf den Heimweg ins Dorf. Sellick holte den Fotoapparat, Pflöcke und die blau-weiße Rolle aus dem Wagen. Er dokumentierte die mysteriöse Fundstelle und sperrte sie weiträumig ab, während er angestrengt überlegte, wie er seinen Einsatz dem von Natur aus skeptischen Inspector erklären könnte, ohne dabei den Kopf zu verlieren. Sie hatten nicht einmal eine anständige Personenbeschreibung für den Abgleich mit den Vermisstmeldungen.
Scotland Yard, London
Detective Chief Inspector Adam Rutherford ließ es klingeln. Der Chief wollte ihn sprechen. Das konnte warten. Chief Superintendent Whitney würde seinen zweifellos enthusiastischen Monolog noch früh genug loswerden. Er hatte grundsätzlich Mühe mit begeisterten Leuten, vor allem, wenn sie ihn von der Arbeit abhielten. Er verließ das Glashaus, das er sein Büro nannte und fröstelte, als er das unterkühlte Großraumbüro seiner Mitarbeiter betrat. Er hielt nicht viel von Privilegien und Rängen, aber die Tatsache, dass er als DCI ein sonniges Einzelbüro mit botanisch herausragender Kakteenzucht besaß, entschädigte für vieles. Nicht zuletzt die niemals versiegende Begeisterung seines Chefs.
Die Mannschaft erwartete ihn im Sitzungszimmer zur Lagebesprechung. Es waren tatsächlich alles Männer, die mehr oder weniger entspannt am langen Tisch saßen. Bisher hatte es keine Frau zu ihm an die Front geschafft. Den Grund kannte er nicht, und er bedauerte es manchmal. Das andere Geschlecht schien sich mehr für die Arbeit hinter den Kulissen in den Labors zu interessieren. Er nickte den Leuten kurz zu.
»Wo sind Miller und Cawley?«
»Die Inspectors sind noch in Hammersmith, Sir«, antwortete Ron Cornwallis, der Jüngste und Schnellste seiner Truppe. »Befragung der Stammkunden in der ›Red Lantern‹.«
»Wird allmählich Zeit, dass wir die Clan-Sache abschließen«, brummte Rutherford ärgerlich. »Also, wo stehen wir, Pete?«
Sein alter Leidensgenosse bei Schotland Yard, Detective Sergeant Pete Townsend, der seit fünfzehn Jahren partout nicht Inspector werden wollte, kam nicht mehr dazu, zu antworten. Der Telefonapparat auf dem Tisch erwachte lautstark zum Leben. Der schnelle Ron hatte den Hörer in der Hand, bevor sich der DCI ärgern konnte. Er hörte kurz zu, dann reichte er den Hörer seinem Chef. »Wir haben eine Leiche, Sir.«
Mit zusammengekniffenen Augen hörte er sich an, was die Zentrale ihm zu melden hatte. »Kent? Was geht uns das an?«, unterbrach er unwirsch. Sie hatten wahrlich genug eigene Probleme und keine Zeit und Ressourcen, die Aufgaben der lokalen Polizei auch noch zu übernehmen. Überdies begannen sich seine Männer bereits zu langweilen. Das mochte er am allerwenigsten. »Wann sagten Sie? Heute Mittag?« Es war fünf Uhr abends. Die Spur, wenn es denn eine gab, dürfte längst kalt sein. »Hören Sie, ich bin mitten in einer Besprechung. Ich rufe …«
Der Rest blieb ihm im Halse stecken, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür und Chief Whitney trat mit strahlender Miene ein. Hinter ihm tauchte ein strohblonder Haarschopf auf. Er gehörte einer jungen Frau, deren Ausstrahlung den kühlen Raum erwärmte wie ein laues Frühlingslüftchen. Wären plötzlich Maiglöckchen aus seinem Hörer gewachsen, der DCI hätte sich überhaupt nicht gewundert. Seine Männer saßen kerzengerade am Tisch wie brave Primaner, bereit aufzuspringen und die Lady im Chor zu begrüßen, so schien es. Dabei war die unerwartete Erscheinung eher klein. Sie trug weder extravagante Kleider noch schwindelerregende Schuhe. Jeans, weißes T-Shirt, hellbraune Lederjacke, bequeme Schnürschuhe, das war’s. Ihr Gesicht aber mit den blau schimmernden, neugierigen Augen, der angedeuteten Stupsnase, den weichen Lippen und der dicke, goldene Zopf zogen sofort alle Blicke magisch auf sich. Auch Rutherford vermochte sich dem Bann nicht sogleich zu entziehen. Ganz sanft legte er den Hörer auf die Gabel zurück, als dürfte kein Geräusch die Weihe des Augenblicks stören.
»Meine Herren«, begann der Chief freudig, »ich möchte Ihnen Detective Sergeant Hegel vorstellen.« Er trat etwas zur Seite, um seine Begleiterin ins rechte Licht zu rücken. »Dr. Hegel ist Deutsche. Sie arbeitet beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden und wird uns ein Jahr lang im Rahmen des internationalen Austauschprogramms ihr Wissen und ihre Erfahrung zur Verfügung stellen.«
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