»Sechsundzwanzigster August, vierzehn Uhr fünfunddreißig. Fortsetzung der Vernehmung von Alois Schmitz. Anwesend sind Kriminaloberkommissarin Dr. Hegel und Alois Schmitz.«
Sie sah ihn schweigend an, bis er den Blick senkte. Zu seiner Verblüffung stoppte sie die Aufnahme wieder und schob das Mikrofon beiseite. Dann formulierte sie die erste Frage in einer Sprache, die er verstehen musste:
»Hat der Neger Sie provoziert? Haben Sie deshalb zugestochen?«
Ein Ruck ging durch seinen Körper, als spürte er selbst den Dolch zwischen den Rippen.
»Ich hab die Sau nicht …«
»Man hat es oft nicht mehr leicht als Deutscher in Deutschland. Ich verstehe …«
»Ich hab ihn nicht – er war schon tot, wie ich …«
»Wie Sie was?«
»Ich bin hingegangen, nachschauen, als er weg war.«
»Wer, der Täter? Haben Sie gesehen, wer es getan hat?«
Er schüttelte den Kopf. »Die haben gestritten.«
Schmitz war soweit. Sachte zog sie das Mikrofon wieder heran und schaltete unauffällig auf Aufnahme.
»Sie haben nichts zu befürchten, wenn Sie unschuldig sind«, beruhigte sie. »Erzählen Sie mir einfach von Anfang an, was in jener Nacht geschehen ist.«
Kaum ein ganzer Satz kam aus seinem Mund, aber er redete, nur das zählte. Am Ende der mühsamen Unterhaltung fügten sich die Bruchstücke zu einer geradlinigen Geschichte zusammen. In jener Nacht konnte er nicht schlafen. Plötzlich hörte er Schritte im Durchgang beim Nonnenhaus, dann Stimmen. Zwei Männer stritten sich, behauptete er. Das Gespräch brach unvermittelt ab. Es blieb kurze Zeit ruhig, bis er hörte, wie etwas Schweres ins Wasser plumpste. Er traute sich nicht, nachzusehen, wartete, bis der Harndrang zu stark wurde. Beim Urinieren entdeckte er die Leiche im Kanal. Etwa zehn Minuten später, als er sicher war, dass alles ruhig blieb, wagte er sich an den Tatort im Durchgang. Er sah das zertrampelte Handy am Boden liegen, hob es auf und steckte es ein, wie er alles erst einmal einsteckt, was er findet. Dabei trat er aus Versehen in die Blutlache. Kurz danach weckte er den Langen und den Benjamin. Soweit hörte sich seine Version ganz plausibel an, dachte sie, bevor sie nachhakte:
»Die Männer, die stritten – haben Sie verstanden, worüber sie sprachen?«
»Wie denn«, lachte er verächtlich. »Die versteht doch keine Sau, die Neger.«
»Wie bitte?«, fuhr sie überrascht auf. »Habe ich Sie richtig verstanden? Sie glauben, es waren zwei Schwarze?«
»Gesehen habe ich nichts, aber die hatten beide so komische Stimmen.«
Sie beendete die Vernehmung und suchte als Erstes die Toilette auf, um sich zu modernisieren. Sven unterhielt sich mit dem Staatsanwalt, als sie hinzutrat.
»Nun, haben wir ihn?«, fragte Richter.
Sein zufriedenes Gesicht ließ nur eine Antwort zu, die falsche.
»Schmitz’ Geschichte passt zu den Indizien und Zeugenaussagen«, gab sie zu bedenken.
Sven rümpfte die Nase. »Du glaubst ihm?«
»Außer dem kaputten Handy haben wir nichts Verdächtiges bei ihm gefunden. Außerdem gibt es keinen Hinweis auf die Tatwaffe. Sein Taschenmesser kommt nicht für die Tat infrage. Und – warum soll er den Streit zwischen zwei Schwarzen erfunden haben?«
»Scheint mir naheliegend bei diesem Nazi«, entgegnete Sven.
»Wir suchen also den unbekannten Dritten«, stellte Richter ärgerlich fest. »Das gefällt mir gar nicht, müssen Sie wissen, ganz und gar nicht. Ich will diese Sache so schnell wie möglich vom Tisch haben. Es gibt wahrlich anderes zu tun.«
Kopfschüttelnd eilte er zu den Aufzügen.
»Kannst du mir verraten, was in seinem Kopf vor sich geht?«, fragte Sven mürrisch.
Sie zuckte die Achseln. »Vielleicht ist es der zunehmende Realitätsverlust im Alter.«
Sven beobachtete durch den Spiegel, wie Schmitz unruhig auf und ab lief. Unvermittelt stand Chris’ Freundin Caro von der Kriminaltechnik neben ihnen.
»Ich fürchte, er muss mal«, schmunzelte sie.
»Den Gedanken hatte ich auch schon«, murmelte Sven.
Caro reichte Chris ein Blatt Papier. Es war ein Fax aus Stuttgart.
»Ich dachte, das würde euch interessieren«, bemerkte sie dazu.
Die Techniker des Landeskriminalamts hatten Schmitz’ DNA mit den Spuren an der Leiche verglichen: Ergebnis negativ. Die Konsequenz lag auf der Hand.
»Wir müssen ihn laufen lassen«, sagte Chris. »Ich informiere Richter.«
»Viel Spaß«, knurrte Sven grimmig.
Tübingen
Er wusste jetzt, wer der Mann war, mit dem der Reporter so lang über seinen Freund gesprochen hatte. An jenem Abend hatte er ihn am Schlossberg aus den Augen verloren. Ein paar grölende Spätheimkehrer, die eigentlich noch keinen Alkohol trinken durften, hatten ihn kurz abgelenkt, da war der Alte zwischen den Häusern verschwunden. Erst am nächsten Morgen bei Tageslicht entdeckte er den Pfad zum Schloss hinauf. Oben im Schutz der Bäume beim Schlossgraben hatte er den ganzen Nachmittag den kleinen Parkplatz und die wenigen Häuser an der Straße beobachtet. Er durfte auf keinen Fall aufgeben. Der Alte war zu gefährlich. Endlich, gegen Abend, geschah es. Sein Mann tauchte oben am Ende des Fußwegs auf und überquerte die Straße. Er ging auf eine altertümliche Villa zu, leerte den Briefkasten und betrat das Haus. Seither hatte er es nicht mehr verlassen. Es war eine einsame Gegend. Neugierige Touristen verirrten sich kaum hierher, sodass er ungestört auf seinen Augenblick warten konnte. Es begann zu dunkeln. Die Vögel im Geäst über ihm gaben endlich Ruhe. Nach und nach erloschen die Lichter in den Häusern. Wer in dieser Gegend wohnte, ging früh zu Bett. Auch im Haus des Alten wurde es dunkel, bis auf einen Lichtschimmer im Garten über dem Neckar.
Es war soweit. Geräuschlos und unsichtbar wie ein Phantom huschte er auf das Grundstück, ums Haus herum zur Terrasse und spähte ins Zimmer, aus dem der Lichtschein drang. Der alte Mann saß lesend am Fenster. Sonst befand sich an diesem Abend niemand im Haus. Das glaubte er sicher zu wissen. Selbst wenn jemand in einem der Zimmer schliefe, spielte es keine Rolle. Das Phantom würde niemanden wecken. Wie aus dem Nichts materialisierte er vor der Terrassentür und klopfte leise an die Scheibe. Der Alte reagierte genau wie erwartet. Statt zu erschrecken, blickte er ihn nur verwundert an, legte das Buch beiseite und öffnete die Tür.
Wiesbaden
Chris hob den Hörer ab.
»Gute Nachrichten«, sagte Caro. »Wir konnten die Daten auf dem Chip des Handys rekonstruieren. Der Telefonspeicher ist im Eimer, aber der Chip war noch lesbar.«
Die erste wirklich gute Nachricht in diesem Fall, der eigentlich gar nicht ihrer sein sollte.
»Na also, schieß los.«
»Ein wenig Begeisterung hätte ich schon erwartet«, gab Caro zu bedenken. »Die meisten Kontakte gehören zu Nummern mit der Vorwahl +264 61.«
Chris tippte die Ziffern wie elektrisiert ins Suchfenster auf ihrem Computer.
»Du brauchst nicht nachzusehen. Es ist die Vorwahl von Windhoek, Namibia. Der Besitzer des Handys heißt Usko Mwilima. Er ist – war – Journalist bei der Zeitung ›Namibian‹ in Windhoek. Du hast alles in der Mail.«
»Jetzt solltest du mich sehen!«, platzte Chris heraus. »Ich glühe vor Begeisterung. Vielen Dank, ich liebe euch Laborratten.«
Caros Mail enthielt nicht nur das Ergebnis der Analyse, sondern ein erstaunlich umfangreiches Dossier über den namibischen Journalisten, Artikel, die er veröffentlicht hatte und die Zeitung, für die er arbeitete. Sie wählte die Telefonnummer der Redaktion. Minutenlang hörte sie dem elektronisch verfremdeten Rhythm and Blues in der Warteschlaufe zu, bis eine Frauenstimme sie erlöste.
»Ich möchte bitte mit Usko Mwilima sprechen«, sagte sie, nachdem sie sich vorgestellt hatte.
Die Antwort kam erst nach langem Zögern: »Ich werde Sie zurückrufen.«
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