Fokal-motorischer Beginn – epileptische Spasmen
Bei diesem Anfallstyp, der vor allen Dingen im Säuglingsalter vorkommt, erhöht sich der Tonus der Rumpfmuskulatur. Dies äußert sich in einer Beugebewegung des Oberkörpers, auch diese Anfallsform kommt häufig in Serien vor (NICE 2020).
Fokal-motorischer Beginn – hyperkinetisch
Bis vor wenigen Jahren wurde diese Anfallsform als hypermotorisch bezeichnet und gibt damit einen direkten Hinweis auf die in vielen Fällen heftigen Bewegungen, die mit diesem Anfallstyp verbunden sind. Dieser tritt oft aus dem Schlaf heraus auf und Menschen mit dieser Epilepsie erleben heftige, nicht rhythmische, wälzende Bewegungen, bei denen Stürze und Verletzungen häufig sind.

Der Schutz vor Sturzfolgen ist bei dieser Gruppe besonders wichtig.
In der Pflegeanamnese sollte immer intensiv befragt werden, wie die Anfälle ablaufen. Pflegende sollten prüfen, ob Glas oder andere zerbrechliche Gegenstände im Zimmer verbleiben können, welche Ecken und Kanten von Möbeln ein Verletzungsrisiko bergen und wie ein Sturz aus dem Bett vermieden werden kann (Meier 2011).
Fokal-motorischer Beginn – myoklonisch
Merkmal ist hier ein plötzlicher, kurzer (< 100 ms) und fast schockartiger unwillkürlicher einzelner oder mehrfacher Ruck aufgrund abnormaler übermäßiger oder synchroner Aktivität im Gehirn. Bei einer sitzenden Position besteht die Gefahr, im Gesicht Verletzungen zu erleiden, z. B. durch Geschirr auf einem Esstisch. Stürze sind bei dieser Anfallsform häufig (NICE 2020).
Fokal-motorischer Beginn – tonisch
Diese Anfallsform ist durch eine abrupte Muskelversteifung einer oder mehrerer Muskelgruppen gekennzeichnet. Häufig dauern diese Anfälle nur wenige Sekunden bis zu einer Minute. Die postiktale Phase ist sehr kurz und in vielen Fällen wird keine oder nur eine kurze Zeitspanne zur Erholung benötigt. Das Bewusstsein ist bei tonischen Anfällen in vielen Fällen verändert, so dass die Patient*innen das Auftreten des Anfalls nicht bemerken (NICE 2020).

Präiktal: Phase vor dem Anfall
Interiktal: Zeitraum während des Anfalls
Postiktal: Zeitspanne nach dem Anfall
2.2.3 Fokal-nicht motorischer Beginn
Anfälle, die nicht mit einer motorischen Reaktion beginnen, sind unter der Rubrik »fokal-nicht motorischer Beginn« zusammengefasst. Die Phänomene, die Ausdruck des vegetativen Nervensystems sind, z. B. Sprachstörungen, kognitive Beeinträchtigungen oder emotionale Reaktionen, werden von Betroffenen und ihren Angehörigen sehr unterschiedlich im Alltag bewältigt. Vorgefühle, die sich in Angstgefühlen äußern, sind auch über den Anfall hinaus äußerst belastend.
Fokal-nicht motorischer Beginn – autonom
Bei diesem Anfallstyp ist das autonome, vegetative Nervensystem beteiligt. Häufige Reaktionen sind Erröten, Blässe, Piloreaktion der Haut (z. B. Gänsehaut, Aufstellen der Körperbehaarung) und Reaktionen des Herzschlages (Herzrasen oder Herz-Rhythmus-Störungen) (Schulze- Bonhage et al. 2019).
Fokal-nicht motorischer Beginn – innehalten
Der Beginn dieses Anfalls ist mit einer Pause der durchgeführten Aktion gekennzeichnet. Falls die Patient*innen gesprochen haben, entsteht eine Sprechpause, in der sie ins Leere schauen.
Fokal-nicht motorischer Beginn – kognitiv
Unter diesem Begriff werden unterschiedliche Phänomene der Kognition zusammengefasst, z. B. Aphasie (Sprachstörung), Apraxie (Verlust der Handlungsfähigkeit), Neglekt (Verlust der Körperwahrnehmung), Phänomene wie Déjà-vu (Situation schon mal gesehen), Jamais-vu (Situation noch nie wahrgenommen), Illusionen oder Halluzinationen.
Fokal-nicht motorischer Beginn – emotional-affektiv
Diese Anfallsform geht mit emotionalen Phänomenen einher. Häufig sind beispielsweise Angstauren. Diese werden von vielen Betroffenen als sehr belastend erlebt.
Fokal-nicht motorischer Beginn – sensibel-sensorisch
Bei diesem epileptischen Ereignis erleben die Betroffenen sensible Empfindungen in einer oder mehreren Körperregionen. Typisch ist das Gefühl des Kribbelns, das Patient*innen in den Beinen oder Armen wahrnehmen können.
2.2.4 Generalisierter Beginn
Anfallsereignisse, bei denen von Beginn an das ganze Gehirn in die epileptische Aktivität einbezogen ist, werden als generalisierte Anfälle bezeichnet. Diese Anfälle gehen immer mit einem unmittelbaren Bewusstseinsverlust einher. Während bei Absencen keine motorischen Phänomene auftreten, sind bei klassisch tonisch-klonischen Anfällen Stürze und Verletzungen häufig (Hagemann 2017).
Generalisierte Anfälle entstehen dadurch, dass das ganze Gehirn von epileptischer Aktivität gleichzeitig beeinträchtigt ist. Bezogen auf generalisierte Anfälle gibt es folgende Untergruppen: tonisch-klonische, tonische, klonische, myoklonische, myoklonisch-klonisch-tonische, atonische und epileptische Spasmen. Bei den tonischen, klonischen und atonischen Anfallsereignissen soll auf die vorhergehenden Schilderungen verwiesen werden (Hagemann 2017).
Generalisierter Beginn – tonisch-klonische Anfälle
Zu Beginn zeigt sich eine Erhöhung des Muskeltonus am ganzen Körper, gefolgt von rhythmischen Muskelzuckungen. Zungenbiss und Einnässen können diese Anfallsform begleiten.

Der generalisiert tonische-klonische Anfall gilt als die schwerste Form eines Anfalls. Falls diese Anfallsform zum ersten Mal auftritt, nicht nach fünf Minuten sistiert oder weitere Komplikationen auftreten, sollte unmittelbar der Notarzt verständigt werden.
Generalisierter Beginn – myoklonische Anfälle
Diese epileptischen Ereignisse zeichnen sich durch kurze, plötzliche und ruckartige Bewegungen aus, dabei liegt die Dauer unter 100 ms. Die Myoklonien können sowohl als einzelne Anfallsereignisse wie auch wiederholt auftreten, auch Serien dieser Anfälle sind nicht selten. Diese Anfallsereignisse entstehen durch pathologische Aktivität des Gehirnes, die sich häufig in Polyspikes im EEG zeigt (NICE 2020).
Generalisierter Beginn – nicht motorische Absence
Diese Anfallsform ist im Alltag kaum auffällig. Die Patient*innen verharren nur wenige Sekunden im Gespräch oder in ihrer Handlung. Weitergehende Unterstützung durch Pflegende ist in dieser Situation nicht notwendig. Die Diagnostik dieser Anfallsform ist für die Patient*innen von großer Bedeutung, da Absencen häufig im Grundschulalter auftreten und dazu führen, dass die Kinder dem betroffenen Schulstoff nicht folgen können und Leistungsprobleme in der Schule haben (Vrielynck 2013).
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