Qualitative Inhaltsanalyse
Der Auswertung qualitativer Daten wird in den Wissenschaften häufig gegenüber quantitativen Verfahren ein geringer wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn zugesprochen. Die Kritik besteht darin, dass die Ergebnisse nicht überprüfbar und nachvollziehbar seien. Eine Möglichkeit bietet – wie auch die Grounded-Theory-Methodology – die qualitative Inhaltsanalyse (Mayring, 2015), die in Hinblick auf den Erkenntnisgewinn auf einer theorie- und regelgeleiteten und methodisch kontrollierten Auswertung qualitativer Daten beruht. Die Grundlage der qualitativen Inhaltsanalyse bildet Textmaterial, das durch qualitative Interviews erhoben wird. Als Voraussetzung für die Datenanalyse gilt, dass qualitative Daten in verschriftlichter Form zur Verfügung stehen müssen. Die qualitative Inhaltsanalyse beruht auf einem systematischen, regel- und theoriegeleiteten Vorgehen. Dieses Verfahren ermöglicht Kombinationen aus qualitativen und quantitativen Verfahren und schafft darüber hinaus anschlussfähige Verbindungen. In den Abhandlungen Mayrings finden wir Hinweise darauf, dass die qualitative Inhaltsanalyse keine statische Technik ist, sondern eine flexible Herangehensweise erlaubt, die an den konkreten Gegenstand der Analyse angepasst werden kann. Die Generierung des Datenmaterials erfolgt durch die Befragung von Expertinnen und Experten in Form von Interviews (Bogner et al., 2014). Die Auswahl der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner, die in unterschiedlichen Bereichen und Netzwerken der Pflege und Betreuung tätig sind und mehrdimensionale Sichtweisen mitbringen, erfolgte auf Basis ihrer beruflichen Herkunftsdisziplin.
Leitfadengestütztes qualitatives Interview mit Expertinnen und Experten
Das Interview mit Expertinnen und Experten ist in den sozialwissenschaftlichen Disziplinen als Forschungsinstrument von großer Bedeutung. Nachdem sich strukturanalytische Ansätze der 1960er Jahre aus dem sozialwissenschaftlichen Fokus zurückgezogen haben, wurde die Forschung konkreter Lebenswelten Anfang der 2000er Jahre ausgebaut. Dabei wurde die Expertin/der Experte als mehrdimensionale Möglichkeit begriffen, um Informationen zu gewinnen. Die methodologische und methodische Diskussion wird nach wie vor von der Frage begleitet, wer ist als Expertin/Experte geeignet und wer nicht und wer entscheidet über die Qualifikation einer Expertin/eines Experten. Bogner et al. (2014) beschreiben das Expertentum als praxisbezogene Zuschreibung, das heißt, die personenbezogenen Fähigkeiten sind keine Tatsache zur Kriterienerfüllung, sondern das spezifizierte Forschungsinteresse befähigt zur Expertise. Um Fachwissen zu erschließen, muss danach gefragt werden. Die Durchführung der Interviews erfolgt anhand eines strukturierten Leitfadens.
Als Basis der Interviewführung dient ein Interviewleitfaden. Für die Gestaltung des Interviewleitfadens integrieren wir die in der Literaturrecherche gewonnenen Kategorien und bündeln diese in vier Themenblöcke. Die Themenblöcke dienen einer strukturierten Gesprächsführung und beschreiben als Auswertungseinheit den Analyseumfang der qualitativen Inhaltsanalyse. Der Leitfaden dient im Interview der Orientierung und ist unterstützendes Mittel bei der Gesprächsführung.
Themenblöcke im Interview
Themenblock I – Privatheit, Wohnen und häusliche Umgebung – analysiert das Wesen der Privatheit, das Wohnen als Grundlage für die Entwicklung der Individuen sowie den Maßstab der häuslichen Umgebung, die in Form kleinteiliger Strukturen Raum für soziale Interaktionen schafft. Themenblock II – Territorien und Dichte – beschäftigt sich mit territorialen Aspekten innerhalb der Institution, mit Funktionsüberlagerungen und verdichteten Aktivitäten sowie mit Beengung und Stress. Im Besonderen wird dem Verlust der territorialen Bindung nachgegangen und nach Möglichkeiten gesucht, vergleichbare Strukturen in die Institution zu implementieren. Themenblock III – Konflikte, Aggression und Gewalt – betrachtet Konfliktsituationen als eine der großen Herausforderungen in der Pflege. Aggressions- und Gewalthandlungen gegen Pflegebedürftige und Pflegende basieren auf Ängsten, Überforderungen und unterschiedlichen Erwartungshaltungen. Pflege ist eine sensible Interaktion, bei der unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Themenblock IV – Kreativität und Gestaltung – versteht Raum nicht nur als technische Größe, sondern hebt den emotional atmosphärischen Aspekt der räumlichen Umgebung hervor. Menschen bringen individuelle Raumvorstellungen mit in die Institution. Dieses mitgebrachte Raumgefühl löst Gestaltungsbedürfnisse aus, die durch partizipative Prozesse in die Betreuungskonzepte integriert werden sollen.
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1Der Bericht des Rechnungshofes „Pflege in Österreich“ (2020) unterscheidet für Niederösterreich drei Leistungserbringende: Land, Gemeinden, privat. Auch in Niederösterreich sind konfessionell geführte Einrichtungen Vertragspartner der Sozialplanung, diese wurden in der Statistik des Rechnungshofes in die Kategorie „privat“ integriert.
2Der Begriff „generationstypologisch“ bezieht sich auf die bauliche Entwicklung des Institutionsbaus in der stationären Altenhilfe in Abhängigkeit von pflegefachlichen Konzepten der jeweiligen Zeit. Die Generationenabfolge wurde unter anderem von Gudrun Kaiser (2012) beschrieben und durch das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) publiziert.
Die generationstypologische Abfolge des Alten- und Pflegeheimbaus wird in Teil IV in einem Abschnitt der Expertise von Franz Kolland, Rebekka Rohner und Vera Gallistl „Affekte in stationären Pflegeeinrichtungen“ beschrieben.
3Territoriale Bindungen beziehen sich auf erlernte, erworbene und verfestigte Beziehungen aus dem räumlichen und sozialen Umfeld der Individuen. Der Begriff wird durch den Autor eingeführt.
Teil II – Territorien, Konflikte und Raum
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