Abbildung 5: Entwicklung stationäre Pflegeplätze in Niederösterreich 2010 bis 2019 gesamt (Quelle: eigene Darstellung, Datengrundlage: Land NÖ, 2020, p. 45)
Abbildung 6: Entwicklung stationäre Pflegeplätze in Niederösterreich 2010 bis 2019 öffentlich/privat (Quelle: eigene Darstellung, Datengrundlage: Land NÖ, 2020, p. 45)
Ein wichtiger Teil des sozialen Netzwerks in Niederösterreich sind die NÖ Pflege- und Betreuungszentren. Mit 48 Standorten, 5.874 Pflege- und Betreuungsplätzen und 3.937,5 Dienstposten (= Vollzeitäquivalenten), die durch 1.640 ehrenamtlich tätige Personen begleitet und unterstützt werden, ist das Land Niederösterreich der größte Anbieter im stationären Segment. Vertraglich abgesicherte Pflege- und Betreuungsplätze stehen sowohl in NÖ Pflege- und Betreuungszentren als auch in privaten Einrichtungen Personen mit Sozialhilfeanspruch zur Verfügung (vgl. Land NÖ, 2020, p. 49).
1.2 Bauliche Infrastruktur
Gesamtheitlich betrachtet zeigt die bauliche Infrastruktur der stationären Altenhilfe in Niederösterreich vielschichtige Erscheinungsbilder und Ausdrucksformen mit generationstypologisch 2 geprägten Merkmalen. Alle Einrichtungen stehen im Zeichen von Diversität und einer individualisierten Gesellschaft vor der Herausforderung, sowohl den Bewohnerinnen und Bewohnern als auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein zeitgemäßes Wohn- bzw. Arbeitsumfeld zu bieten. Die baulichen Strukturen werden laufend evaluiert und konsequent an räumliche und organisatorische Bedarfe herangeführt. Der Wandlungsprozess – weg von der Institution, hin zu einem Leben in Privatheit – wird weiter forciert. Die Implementierung zeitgemäßer Pflege- und Betreuungskonzepte führt in der Regel zu Veränderungen in den bestehenden Gebäudefunktionen. Anpassungen sind durch bauliche Maßnahmen zwar möglich, in der Praxis und unter Berücksichtigung betrieblicher Prozesse aber oft schwer durchzuführen und mit erheblichen Aufwendungen und logistischen Herausforderungen verknüpft. Baulich und organisatorisch inhomogene Strukturen wirken sich nicht nur auf das Wohlbefinden und Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner aus, sondern auch auf die Arbeitszufriedenheit des Pflegepersonals. Das räumliche Umfeld ist eng mit den Anforderungen aus der Pflege verbunden. Neue Konzepte folgen nicht nur pflegewissenschaftlichen Grundsätzen und praxisnahen Erkenntnissen, sie sind zunehmend unter räumlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Angesichts dieses Umstandes sowie des Forschungsinteresses werden wir zunächst versuchen, mögliche Problemlagen in der stationären Pflege und Betreuung zu identifizieren.
Problemlagen in der stationären Altenhilfe stützen sich auf eine multidimensionale Misere, die auf Grund eines Impulses/Auslösers, wie beispielsweise eines Umzugs in eine institutionelle Wohnform, ein defizitäres Bild bei den Betroffenen verursachen kann. Wir gehen davon aus, dass diese Mehrschichtigkeit sowohl auf verhaltensgebundenen Dimensionen (Verlust der Privatsphäre, Verlust sozialer Beziehungen und gewohnter Rituale, Rückzug aus der sozialen Interaktion, soziale Beengungssituationen, Verlust der Ortsidentität usw.) als auch auf raumgebundenen Dimensionen (Verlust der vertraut-häuslichen Umgebung, Verlust territorialer Raumbindungen, Verlust der individuellen Gestaltungsfreiheit, räumliche Beengungssituationen, Verlust der Ortsbindung usw.) beruht. Beide Perspektiven stehen in einer wechselseitigen Wirkung zueinander, die uns die Mensch-Raum-Beziehung verdeutlicht. Bevor wir uns dieser Beziehung widmen, wollen wir auf die Herausforderungen, die ein Umzug in eine Pflege- und Betreuungseinrichtung mit sich bringen kann, eingehen. Die Problemlagen werden vorrangig aus Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner vorgenommen. Auf die Perspektive der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird an dieser Stelle nicht näher eingegangen.
Ein Umzug in ein institutionelles Umfeld konfrontiert Betroffene mit dem Verlust grundlegender emotionaler und territorialer Bindungen 3 . Die vertraut-häusliche und soziale Umgebung wird verlassen, die neue Umgebung wirkt fremd. Der Verlust an Individualität, Privatsphäre und Selbstbestimmung führt – verbunden mit räumlichen und sozialen Beengungssituationen – zu unterschiedlichen Ausprägungen sozialer Konflikte. Territoriale Bedürfnisse, individuelle Privatheitsvorstellungen, soziale und räumliche Gefüge beeinflussen das zwischenmenschliche Handeln in der Institution. Verletzungen des privaten und intimen Raums führen vielfach zu Stress. Stress zu Aggressions- und Gewaltverhalten, Ruhelosigkeit und zum Rückzug aus der sozialen Interaktion. Pflegehandlungen sind besonders sensible Interaktionen, die in intime Distanzzonen eingreifen und bei unklarer Kommunikation zwischen den Beteiligten zu konflikthaften Situationen führen können. Im hybriden Geflecht der Institution entsteht ein Potenzial, das Verhalten formt. Neben sozialen Konflikten kommt es zu Angst, Orientierungslosigkeit und Unsicherheit und daraus folgend zu einem Mehraufwand in der Pflege und Betreuung. Insgesamt können wir von einer multidimensionalen Problemlage ausgehen, die sich im Wesentlichen auf Verhaltensweisen der Individuen zurückführen lässt. Neben dem Verhalten ist das räumliche Umfeld eine weitere Dimension, die eine bedeutende Rolle übernimmt. Soziale Interaktionen finden in Räumen statt. Insofern können wir die Annahme treffen, dass wir durch die räumliche Umgebung Einfluss darauf nehmen können, wie sich unser Zusammenleben gestaltet. Durch geeignete Interventionen kann Raum als Komplementärstruktur hilfreich sein.
Abbildung 7: Ablaufdiagramm Problemanalyse (Quelle: eigene Darstellung)
Die diskutierten Problemlagen werden in weiterer Folge durch theoriegeleitete Ansätze verfestigt und in eine themenfokussierte Argumentation eingebettet. Insofern können wir die nachfolgenden Annäherungen als maßgeblich betrachten.
Territorien als Voraussetzung für Autonomie, Selbstbestimmtheit und Individualität
Das Verlassen der häuslichen Umgebung, der Entzug von Territorien (Lyman & Scott, 1967; Altman, 1970) und der Verlust von Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten (Welter, 1997; Sowinski, 2005; Radzey, 2014) auf die unmittelbare räumliche und soziale Umgebung kann in Zusammenhang mit einer verdichteten Alltagsrealität, wie am Beispiel stationärer Pflege- und Betreuungseinrichtungen deutlich wird, entweder zu sozialen Konflikten (Glasl, 2013) oder zur völligen sozialen Isolation und zum Rückzug aus der Gemeinschaft (Michell-Auli & Sowinski, 2013) führen. Territorien, der Einfluss interpersoneller Distanzen (Hall, 1966, 1976) sowie individuelle Privatheitsvorstellungen (Westin, 1970; Pastalan, 1970; Altman, 1975) manifestieren sich als identitätsbildende Strukturen (Flade, 2008) und schaffen die Voraussetzung für selbstbestimmtes Handeln. Die Entwicklung der individuellen Identität lässt sich unter anderem darauf zurückführen, wie und in welcher Art und Weise und Intensität Kontrolle (Altman, 1975) auf ein begrenztes und klar definiertes Territorium ausgeübt werden kann. In diesem Zusammenhang wird der Begriff des Wohnens genannt, der als Teil der Wesensbestimmung des Menschen (Bollnow, 2010) beschrieben wird.
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