Zur Zeit der Wikinger (ab dem 9. Jahrhundert) verbreiteten sie sich dann jedoch noch weiter. Uralte DNA, die der von Hauskatzen aus Ägypten entsprach, fand sich etwa an einem alten Wikingerhafen auf Rügen. Dass die Mäusejäger nicht nur als Bauern-, sondern auch als Schiffskatzen beliebt waren, ist naheliegend. Sie schützten Handelsgüter, aber auch Taue, Segel und die Nahrungsvorräte für die Mannschaft vor Nagern – überlebenswichtig für alle Mann an Bord. Im Mittelalter waren Schiffskatzen daher üblich und teils sogar obligatorisches Besatzungsmitglied, berichtet Katzenexperte Detlef Bluhm, der ein ganzes Buch über miauende Seefahrer geschrieben hat.
Mit kaum gezähmten Katzen über längere Zeit durchs Meer segeln – man muss kein Wissenschaftler sein, um zu ahnen, dass dies recht blutig enden würde. Es mussten also schon recht verschmuste Wesen gewesen sein, die in der Antike mit den Menschen umherreisten. Die Genforscher glauben, dass die Tiere der alten Ägypter genau wegen ihres anschmiegsamen Charakters in ganz Europa zum Renner wurden. Im Reich der Pharaonen war die Beziehung von Katzen und Menschen nämlich immer enger geworden. Davon zeugen auch Bilder, etwa eine Wandmalerei aus dem Grab des Nacht, das etwa im Jahr 1400 v. Chr. gestaltet wurde. Es zeigt ein Festmahl, bei dem auch eine Hauskatze mitfeiert: Unter einer Bank, auf der der Bauherr des Grabs und seine Frau am Tisch sitzen, verspeist die Mieze gemütlich eine Portion Fisch.
Als Meilenstein ihrer Domestizierung haben die Genforscher eine Fellzeichnung identifiziert, die heute bei Hauskatzen verbreitet ist, bei Wildkatzen hingegen nicht existiert: blotched tabby fur , gestromt-getigertes beziehungsweise marmoriertes Fell. Die dunklen Streifen sind deutlich breiter als bei der zart getigerten Fellzeichnung der Wildkatzen. Diese Zeichnung ist eine Mutation der Wildzeichnung, taucht aber laut aDNA-Forschung erst ab dem Mittelalter auf, und zwar zuerst im Osmanischen Reich in Vorderasien, dann verstärkt auch in Europa und Afrika. Erst im 18. Jahrhundert kam die marmorierte Zeichnung häufig genug vor, um charakteristisch für Hauskatzen zu werden.
Die Idee, verschiedene Katzenrassen durch selektive Zucht zu erzeugen, ist relativ neu. Eine der ältesten Edelkatzen ist die Angorakatze, die Anfang des 17. Jahrhunderts als kostbares Luxusgeschöpf aus dem Orient an europäische Adelshöfe gelangte, doch der Wunsch, gezielt verschiedene Sorten zu kreieren, machte sich erst im ausgehenden 19. Jahrhundert bemerkbar. Ihren Boom erlebte die Rassekatzenzucht noch später, ab Mitte des 20. Jahrhunderts. Er hält weiter an und treibt bizarre Blüten, inzwischen gibt es sogar Nacktkatzen. Doch selbst diese Kreaturen, die von vielen Tierfreunden als Qualzuchten bemitleidet werden, sollen angeblich in Freiheit überlebensfähig sein, sagen ihre Züchter. Ob das zutrifft, ist schwer zu beurteilen, ohne sie auszusetzen, was zum Glück verboten ist. Wer Haustiere, egal welcher Art, ihrem Schicksal überlässt, muss mit bis zu 25 000 Euro Strafe rechnen.
Fest steht jedenfalls, dass Rassekatzen aus kontrollierter Zucht bis heute keinen relevanten Teil unserer Hauskatzen ausmachen – Experten sprechen von lediglich drei Prozent. Auch dies ist ein Grund, warum Katzen anders sind als andere Haustiere. Denn laut einer gängigen Definition sind Tiere domestiziert, wenn sie vom Menschen abhängig sind, der sich um ihr Futter, ihren Schutz und die Wahl ihrer Sexualpartner kümmert. Die allermeisten Hauskatzen suchen sich ihre Partner jedoch selbst aus – ob Bauernhofkatzen, urbane Freigänger, Wohnungskatzen, die auf dem Weg zur Kastration aus ihrem Korb ausbrechen (auch das kenne ich aus eigener Erfahrung) oder die unglücklicherweise weitaus größere Zahl an verwilderten Hauskatzen ohne Heim. Zudem können sich Katzen, sofern sie nicht in Überpopulation unter unnatürlichen Bedingungen leben, in Freiheit problemlos selbst ernähren.
Auch vom Körperbau her ähnelt die Katze ihrer Wildform noch sehr. Zwar stellte schon Darwin fest, dass Hauskatzen einen längeren Darm haben, wohl eine Anpassung an Küchenabfälle als neue Nahrungsquelle, doch im Vergleich zu Hunden und anderen Haustieren wurden sie nur wenig durch den Menschen verändert – vielleicht, weil sie noch nicht so lange mit uns leben, vielleicht, weil ihre Urform den Menschen gefiel. Manche Forscher bezeichnen die Hauskatze daher als »semidomestiziert«.
Katzen sind definitiv die ›wildesten‹ unserer Haustiere, auch genetisch. »Sind unsere Hauskatzen überhaupt richtig domestiziert? An sich schon – aber vielleicht nur gerade eben so«, meinen Carlos A. Driscoll und Kollegen, jenes Forscherteam, das 2007 mit seiner DNA-Studie von Haus- und Wildkatzen in der Katzenforschung für Aufsehen sorgte.
Überraschend ist, was die so unabhängige Katze am deutlichsten zum Haustier macht: ausgerechnet ihr sozialer Charakter. »Die auffälligste Anpassung an den Menschen ist die überwältigende Toleranz der Hauskatze gegenüber Menschen, ein Schlüsselmerkmal domestizierter Tiere«, schreiben Carlos A. Driscoll und Kollegen 2009 in einer Veröffentlichung über die unterschiedlichen Entstehungswege verschiedener Haustiere. Statt »überwältigende Toleranz« könnte man, wie Alfred Brehm es tat, auch »Liebe« sagen.
Interessanterweise sind Katzen die einzigen Haustiere, die in ihrer Wildform Einzelgänger sind, sich in ihrer – dann also doch? – domestizierten Form aber gesellig zeigen, schreibt Driscoll. Tatsächlich leben verwilderte Hauskatzen oft in Gruppen – obwohl sie, ganz genau wie Wildkatzen, alleine jagen, also für die Nahrungsbeschaffung nicht aufeinander angewiesen sind. Meistens bestehen diese Gruppen aus einer oder mehreren Müttern (in der englischen Forschungsliteratur werden weibliche Katzen schönerweise queens genannt, also ›Königinnen‹), deren Kindern und weiteren Weibchen, häufig Verwandten. Geschlechtsreife Männchen sind meist nur zur Paarung anwesend, während kastrierte Kater oft mit in der Damengesellschaft leben.
Katzenkolonien sind meist hierarchisch organisiert, wenn auch nicht so ausgeprägt wie bei Wölfen oder Hunden. Es gibt häufig eine dominante Anführer-Queen. Die anderen Katzen entscheiden nach Gusto, wer gerade welchen Rang hat, ihre Stellung ändert sich oft. Insgesamt gibt es kaum erkennbare Regeln. Der Zoologe und Tierpsychologe Paul Leyhausen, ein Schüler von Konrad Lorenz, der schon in den 1960er Jahren das Verhalten von Katzen erforschte, stellte fest, dass sich die Sozialstrukturen verwilderter Hauskatzen in jeder Gruppe unterscheiden.
Obwohl das Verhalten von Katzen immer noch vergleichsweise wenig erforscht und mysteriös ist, weiß man, dass sie geselliger sind als lange Zeit angenommen. Tierärzte und Ratgeberbücher betonen immer wieder, dass gerade für Wohnungskatzen eine Partnerkatze ideal sei – wenn die Tiere zueinander passen und sich mögen. Aber auch dies lässt sich nicht pauschalisieren, manche Miezen fühlen sich durch eine weitere Katze in der Wohnung nur gestresst. Doch gibt es nicht selten innige Freundschaften unter Katzen, ebenso wie Hasslieben und Gewohnheitspaare.
Manche Hauskatzen schließen auch andere Spezies in ihr Herz, etwa Hunde, wobei normalerweise die Katze der Boss ist. Zu meinen lustigsten Kindheitserinnerungen gehören die Interaktionen unserer Katzen mit dem Pudelmischling, den sie offenbar als ›ihr‹ Haustier ansahen. Eine der Miezen zog hingegen die Gesellschaft eines auf dem Kühlschrank lebenden, verwitweten Meerschweinchens vor. Sie kletterte gern in den oben offenen Käfig, um mit dem Nager zu kuscheln. Die Katze einer meiner Freundinnen adoptierte ein Eichhörnchenbaby, säugte es und zog es groß. Auf Youtube gibt es Videos, die Miezen als Ersatzmütter aller möglichen Tierarten zeigen. In der Fachliteratur werden sogar Katzen erwähnt, die Mäusebabys an Kindes statt annehmen und später mit diesen befreundet bleiben, fremde Mäuse aber jagen und fressen.
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