Als Paradebeispiel für diese Art von Politik wird häufig der Nationalsozialismus angeführt, in dem politische Lügen und Propaganda an der Tagesordnung waren. Man denke nur an die Geschichte vom Überfall auf den Sender Gleiwitz, der 1939 den Zweiten Weltkrieg auslöste. Der Völkische Beobachter schrieb damals, die Polen hätten sich dazu »hinreißen lassen, die Reichsgrenze zu überschreiten, einen deutschen Sender zu überfallen, und die Kriegsfackel an ein Pulverfaß zu legen«. Dabei war den meisten Zeitgenossen völlig klar, dass es keine »polnische Meute« war, die den Überfall verübt hatte, sondern eine SS-Abteilung.3
Doch nicht nur totalitäre Regime nutzen Lügen, um ihre politischen Interessen durchzusetzen. Die US-Regierung unter George W. Bush behauptete 2003 ohne jeden Anhaltspunkt die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak und rechtfertigte damit einen Krieg.4 Auch die externe Einflussnahme auf Wahlen durch gezielte Desinformation ist eine altbekannte Praxis.5 Sowohl die USA als auch die Sowjetunion versuchten während des Kalten Krieges unter dem Stichwort »hybride Kriegsführung« immer wieder Wahlen in anderen Ländern zu beeinflussen.6
Sogar das für uns so selbstverständlich erscheinende Ideal der journalistischen Objektivität ist sehr viel jünger, als man meinen würde. Vor dem 19. Jahrhundert war die Berichterstattung durchweg stark meinungsgefärbt. Dies änderte sich erst, als 1835 die Zeitung New York Herald und zeitgleich die erste Presseagentur Havas gegründet wurden. Es sollte dennoch bis zur Jahrhundertwende dauern, bis sich Nachrichtenmedien allgemein zum Ziel setzten, möglichst objektiv und wahrheitsgemäß aktuelle Informationen zu vermitteln: Erst Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich allgemein so etwas wie ein journalistisches Ideal der Wahrhaftigkeit durch, an dem Nachrichtenmedien gemessen wurden.7
Natürlich berichtet kein Journalist vollkommen objektiv. Wie alle Menschen nehmen Journalisten die Welt vor dem Hintergrund ihrer eigenen Weltsicht, Erfahrungen und Einstellungen wahr. Im Normalfall stellt das kein allzu großes Problem dar und lässt sich durch gutes journalistisches Handwerk in den Griff bekommen. Lassen sich Journalisten jedoch allzu sehr von ihrer Weltsicht leiten, kommt es zu einem Phänomen, das in der Psychologie als Medienbias bezeichnet wird.8 Unter einem Bias versteht man eine systematische Neigung zu Wahrnehmungs-, Erinnerungs-, Denk- und Urteilsfehlern. Im Deutschen bezeichnet man Biases auch häufig als »kognitive Verzerrungen«. Durch einen Medienbias kommt es zu Berichterstattungen, die durch die Weltsicht der berichtenden Journalisten stark eingefärbt oder verzerrt sind.
Darüber hinaus kommt es im journalistischen Geschäft auch immer wieder zu bewussten oder irrtümlichen Falschmeldungen – sogenannten »Enten«. Im Jahr 1964 ist das der Deutschen Presseagentur (dpa) unterlaufen. Per Eilmeldung gab sie bekannt: »Der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow ist am Montag 20.19 MEZ, vier Tage vor seinem 70. Geburtstag, an den Folgen einer akuten Hephocapalytirosises plötzlich gestorben (nach Tass).«9 15 Minuten später folgte die nächste Eilmeldung, die den Bericht zurücknahm. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Nachricht bereits wie ein Lauffeuer verbreitet. Hier zeigt sich also schon ein Phänomen, vor das uns auch die heutigen Fake News stellen: Ist die aufregende Falschheit einmal in der Welt, haben Richtigstellungen kaum noch eine Chance.
Lug und Trug, Irreführungen, Propaganda und Desinformation, Auslassungen, Verzerrungen und Irrtümer – all das hat es seit jeher gegeben. Waren das auch schon alles Fake News? Sind Fake News in Wirklichkeit ein alter Hut? Warum reden jetzt alle darüber? Wie schafft man es, Fake News zu erkennen und von anderen Arten problematischer Berichterstattung zu unterscheiden? Oder gibt es gar nichts zu erkennen und der Ausdruck »Fake News« ist nichts weiter als ein politischer Kampfbegriff?
Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir einen genaueren Blick darauf werfen, was Fake News sind. Nicht alles, was in den Medien oder in den sozialen Netzwerken schiefgeht, ist ein Fall von Fake News. Und Fake News sind auch nicht einfach Falschmeldungen, Lügen oder Propaganda. Stattdessen sind Fake News Nachrichten, die ganz bestimmte Mängel aufweisen. Nachdem man sich klargemacht hat, welche Mängel das sind, ergeben sich die Antworten auf unsere Fragen von ganz allein.
Um zu verstehen, was Fake News sind, muss man sich zunächst klarmachen, was überhaupt News sind. Dem englischen Gebrauch folgend, haben News drei Merkmale:
1 Es sind Berichte über typischerweise jüngste Ereignisse.
2 Adressat der Berichte ist die Öffentlichkeit (oder eine Teilöffentlichkeit).
3 Die Berichte werden über die traditionellen oder sozialen Medien verbreitet.
Wenn ich meinem Nachbarn erzähle, ich sei im Besitz eines Dokuments, das über russische Einflussnahme auf den US-Wahlkampf Auskunft gibt, dann sind das keine News in diesem Sinne. Schließlich richtet sich mein Bericht nicht an eine (Teil-)Öffentlichkeit. Wenn ich allerdings einen Blogeintrag schreibe, in dem ich dieselbe Behauptung aufstelle, dann haben wir es mit News zu tun. Dabei ist sogar unwesentlich, ob jemand tatsächlich liest, was ich geschrieben habe.
Der »News«-Teil des Doppelbegriffs »Fake News« ist damit hinreichend klar. Interessanter wird es, wenn man sich fragt, was Fake News sind. Häufig werden Fake News einfach als eine bestimmte Art von Falschmeldung verstanden – also als Nachrichten, die falsch sind. Erinnern wir uns an die Zahlen auf dem Brexit-Bus, an die Pizzagate-Verschwörung über Hillary Clintons Verwicklung in einen Kindersexring oder an die Meldung, Merkel zensiere die Tagesschau. In all diesen Fällen haben wir es mit Falschmeldungen zu tun. Doch so eng die Verbindung zwischen Fake News und falscher Berichterstattung auf den ersten Blick auch erscheint – nicht immer sind Fake News falsch.
Der Mangel an Wahrheit: Falsche und irreführende Berichte
Tatsächlich zeichnen Fake News ein unwahres Bild der Wirklichkeit. Das bedeutet jedoch nicht, dass Fake News zwangsläufig falsch sein müssen. Häufig sind sie lediglich irreführend: Etwas wird so ausgedrückt, dass über die reine, oft im wörtlichen Sinne wahre, Information hinaus auch falsche Informationen kommuniziert werden.
Ein gutes Beispiel für einen Fall irreführender Fake News ist eine Meldung des US-amerikanischen Online-Portals Breitbart aus dem Januar 2017. Nachdem es in der Silvesternacht vor einer Kirche in Dortmund zu einem Tumult unter überwiegend jungen Männern gekommen war, meldete Breitbart , ein muslimischer »Mob« habe »Deutschlands älteste Kirche in Brand gesetzt«.1
Abgesehen davon, dass besagte Kirche nicht Deutschlands älteste Kirche ist, ist diese Meldung genau genommen nicht falsch. Es hatte tatsächlich einen Brand gegeben. Eine Gruppe junger, überwiegend muslimischer Männer hatte mit Feuerwerkskörpern geschossen. Schließlich war eine Rakete in das Fangnetz eines an der Kirche angebrachten Baugerüstes geflogen und hatte es in Brand gesetzt.
Dass die Gruppe die Kirche in Brand gesetzt hat, ist also nicht falsch. Dennoch, und das ist in diesem Zusammenhang der entscheidende Punkt, ist die Meldung irreführend. Durch die Wortwahl wird allerlei Falsches kommuniziert. Es wird zum Beispiel impliziert, dass das Feuer bewusst und mutwillig gelegt wurde, dass die Kirche selbst und nicht nur ein Fangnetz betroffen war und dass der Brand ein nennenswertes Ausmaß hatte. Nichts davon ist wahr. Die Meldung zeichnet demnach ein unwahres Bild der Wirklichkeit, indem etwas Falsches (mit-)kommuniziert wird, ohne eine tatsächlich falsche Behauptung aufzustellen.
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