Den Sohn des Präsidenten akzeptierte er zwangsläufig, aber er schätzte ihn nicht. Wie er überhaupt keine Menschen mochte, die illoyal agierten, wussten seine ehemaligen Mitarbeiter aus dem NATO-Hauptquartier zu berichten. Und David, der nach Informationen der CIA nicht abgestimmte Beziehungen zu den politischen Spitzen Israels führte, gehörte dazu. Aber der Stabschef wusste nicht, ob diese Verbindung eventuell vom Vater geduldet oder sogar gebilligt war. Der ganze jüdische Clan mit seinen besonderen Ritualen war ihm als Soldat ohne jegliche kirchliche Bindung ohnehin suspekt. So hielt er sich grundsätzlich aus den Familienangelegenheiten von POTUS heraus.
„GOLIATH im Anmarsch“, gab der Body Guard Agent durch, bestätigt auf den Monitoren in der Überwachungszentrale und mitgehört durch die Scharfschützen auf dem Dach.
Der Präsidentensohn dankte den beiden Mitläufern kurz mit einem Daumen hoch, nickte dem Special Agent an der Pforte freundlich zu und begab sich zu seinem Büro.
Schon bei der Übernahme seiner Beratungstätigkeit hatte er dafür gesorgt, dass er im Westflügel die Zimmer des Deputy Chief of Staff bekam, inklusive einer Schlafgelegenheit und Dusche, was zur Verärgerung des Vorbesitzers führte wie auch des Pressestabes, weil dieser in der Folge einen Raum verloren hatte.
Doch David saß nun praktisch in Reichweite des Oval Office. Kurze Wege und physisch präsent sein, vor allem, wenn Vater im Hause war. Das Ziel hatte er erreicht.
David steckte den USB-Stick in seinen privaten Laptop, der nicht am Netz des Weißen Hauses angeschlossen war und vertiefte sich die nächsten Stunden in sein Projekt. Er hatte es generalstabsmäßig aufbereitet. Die Zielsetzung seines Konzeptes war es, auf Überraschung zu setzen und die seiner Ansicht nach beherrschbaren Risiken, bewusst in Kauf zu nehmen. Der Präsident der Vereinigten Staaten (POTUS) müsste ohne diplomatische Vorbereitung durch eine einzige Botschaft Fakten schaffen, und Israel müsste zeitgleich militärisch im Land handeln. Die Hölle würde los sein, aber am Ende würde die Welt den Coup schlucken, so wie die Welt die Annexion der Krim vor Jahren durch Russland geschluckt hatte.
David strich geradezu liebevoll über seine Landkarte, die Israel endlich den allseits anerkannten offiziellen Status eines Staates bringen würde, speicherte die letzten Änderungen des Plans, überspielte ihn auf sein Smartphone und löschte alle Spuren auf seinem Laptop. Der Mossad hatte ihm ein Smartphone geliefert, mit dem eine verschlüsselte Sprach- und Bildübertragung möglich war. Niemand in der Kommunikationszentrale des Weißen Hauses würde diese Kommunikation identifizieren oder gar verfolgen können.
Er schaute auf die Uhr, nur noch wenige Minuten bis zum letzten entscheidenden Telefonanruf aus Tel Aviv. David verschloss die Tür und legte in angespannter Erwartung sein Smartphone auf den Tisch.
„Schalom, Quarto“, begrüßte Ehud Strauss, der amtierende israelische Ministerpräsident, seinen Mossad-Chef Quarto Storch.
„Schalom, Ehud. Fühl’ dich willkommen in unseren Hallen. Du kennst unsere Abteilungsleiter für politische Aktionen, für spezielle Operationen, für Atomwaffen und die Abteilungsleiterin für psychologische Kriegsführung.“
Der Ministerpräsident schüttelte den Vieren die Hand.
„Danke Ihnen allen. Gute Aufklärungsarbeit! Dann wollen wir mal.“
„Nimm Platz, Ehud. In Washington ist es 15.00 Uhr. Unser Mann im Weißen Haus wartet bereits.“
Ehud Strauss ließ sich in den Sessel fallen. Hier, in der Zentrale des Mossad, war der Ministerpräsident sicher, dass sein Vorhaben bis zum letzten Augenblick geheim blieb. Der langersehnte Wunsch, Israel für alle Zukunft zu festigen, schien greifbar nahe, denn der Feind in Teheran spielte ihm direkt in die Hände. Und in Ehuds Händen ruhten Fotos, von deren Wirkung er vollkommen überzeugt war.
„Ich bin bereit“, sagte er zu Quarto, „ruf’ ihn an.“
David hatte den israelischen Ministerpräsidenten nur ein einziges Mal getroffen, nicht in Israel, sondern in der UNO, als es um Sanktionen gegen den Iran ging. Wieder einmal waren diese durch das Veto von China und Russland verhindert worden. David erschrak kurz, als er das freundliche Gesicht von Ehud Strauss im Smartphone sah.
Die müssen verdammt wichtige Informationen haben, wenn der Chef selbst anruft .
Das Bild von David erschien klar auf dem Bildschirm in Tel Aviv-Jaffa. Die Abteilungsleiterin für psychologische Kriegsführung fixierte Davids Gesicht, seine Augen, Mund- und Handbewegungen und seine Stimme. Der Inhalt war für diese Frau, die zugleich zu den besten Profilern des Mossad gehörte, eher nebensächlich. Ihr Auftrag war es, die Vertrauenswürdigkeit vom Sohn des US-Präsidenten und seine Loyalität zu Israel zu beurteilen.
„Guten Tag, David!“
„Guten Tag, Herr Ministerpräsident, sorry, guten Abend bei Ihnen, was verschafft mir die Ehre?“
„Wir haben Neuigkeiten. Ich bin bei meinem Mossad-Chef. Er gibt Ihnen jetzt die Munition, die Sie brauchen, um in Washington die notwendige Akzeptanz für unseren gemeinsamen Plan zu bekommen.“
„Ich bin gespannt, Herr Ministerpräsident!“
„Gut, ich übergebe, wir sprechen uns anschließend noch einmal.“
Quarto Storch und David G. Summerhill hatten sich zum ersten Mal bei einer gemeinsamen Präsentation in Harvard gesehen. Damals wussten die beiden – im jüdischen Glauben eng verbunden – nicht, dass der eine einmal First Son und der andere Mossad-Chef sein würden. Den Kontakt hatten sie beide gepflegt, und sie beide waren die Autoren des neuen Plans, der in Tel Aviv längst bis in alle Facetten geprüft und weiterentwickelt worden war.
„Hi, David, schön, dich jung und dynamisch zu sehen.“
„Schalom, Quarto, sieht so aus, als könntest du in deinem Bunker etwas Höhensonne gebrauchen.“
„Da sagst du etwas. Aber ich sage dir, wenn wir jetzt nicht etwas tun, dann wird es für Israel überhaupt keine Sonne mehr geben.“
„Das klingt ja ziemlich dramatisch. Was meinst du damit?“
„Wir haben gesicherte Informationen, dass der Iran einen Nuklearschlag gegen Israel vorbereitet. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann.“
„Woraus schließt ihr das?“
Auf Davids Smartphone erschienen die Bilder von iranischen Raketen.
„Du siehst hier die bekannten Sajiil-2-Raketen. Sie wurden mit russischer Unterstützung vollkommen modernisiert und mindestens vierzig sind mit nuklearen Sprengkörpern aus eigener Produktion bestückt. Treffgenauigkeit auf den Punkt.“ „Das kommt nicht ganz unerwartet“, wandte David nachdenklich ein, „aber warum jetzt die akute Bedrohung?“
„Wir haben einen brisanten Operationsplan der Revolutionsgarden oder besser: den seines Führers Ali Naz. Wir senden es dir in diesem Augenblick.“
KHUTAT ALEMLYAT LA SHAYATAN
„Was heißt das, Quarto?“
„Das heißt KLEINER SATAN und steht für die Vernichtung Israels. Auf jeder Rakete ist der Name einer israelischen Stadt gemalt. Für Jerusalem und Tel Aviv-Jaffa sind jeweils fünf definiert, für Haifa, Rishon LeZion, Petach Tikwa und Aschdod jeweils drei. Jeder nukleare Gefechtskopf hat eine TNT-Sprengkraft von jeweils sechzig Kilotonnen. Du weißt, eure Hiroshima-Bombe hatte einundzwanzig Kilotonnen. Wenn nur zehn von diesen vierzig Raketen zum Einsatz kommen, wäre Israel von der Landkarte verschwunden.“
„Aber noch einmal, Quarto, warum jetzt?“
„Es ist nicht nur der innenpolitische Machtkampf, David, es ist eure Politik. Die Mullahs wissen, dass Israel vollkommen isoliert ist, besonders von den USA. Die kluge Bündnis- und Wirtschaftspolitik der Mullahs und vor allem die strategische Rückzugspolitik deines Vaters ermöglicht ihnen, jetzt ohne größeres Risiko die Vorherrschaft im Nahen und Mittleren Osten zu übernehmen. Israels Vernichtung ist aus Sicht des Irans der wichtige Meilenstein, um Saudi-Arabien, den Irak und Syrien zu beherrschen. Die Mullahs rüsten zum Kampf, David, also sollten wir ihnen zuvorkommen und zwar mit eurer Unterstützung.“
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