Sicherheitspolitisch unterhielten die USA mit modernsten konventionellen und nuklearen Waffen den wohl effektivsten Heimatschutz der Welt, aber hielten sich konsequent aus den internationalen Konfliktherden heraus.
Die signifikante Reduzierung der militärischen Präsenz in ausländischen Regionen führte allerdings dazu, dass sich auch die militärischen Blöcke in der Welt verändert hatten. Mit dem Ausscheiden der USA aus der NATO hatte sich diese schnell aufgelöst. Die neu gebildeten Vereinigten Staaten von Europa verfügten über eine eigene Verteidigungsarmee mit nuklearer Potenz, und sie kooperierten neben den USA auch mit dem einstigen Erzfeind Russland, der wiederum ein Bündnis mit der neuen Supermacht China und auch mit dem erstarkten Iran eingegangen war.
Dessen Mullah-Regime hatte mit Hilfe Russlands aufgerüstet und zusätzlich gelernt, dass man die entscheidenden Schlachten kostengünstiger als Cyberwar führen konnte. Sorgen bereiteten dem Westen die modernen Topol-M-Interkontinentalraketen der Russen, die im Iran atomar abschussbereit standen. Auf jeder dieser Raketen war der Name einer israelischen Stadt zu lesen.
Nie war in der Welt die Kriegsgefahr durch Cyberwar, atomare, biologische und chemische Kriegsführungskompetenz größer. Jederzeit konnte ein kleiner Auslöser in den nächsten großen Krieg führen.
Das neue amerikanische Konzept, mehr Frieden durch Konzentration auf die eigene Verteidigung zu schaffen, stand somit in Zeiten der globalen Abhängigkeit und verfeindeten Ländern auf dünnem Eis.
Die US-Außen- und Verteidigungsminister forderten deswegen, mit zunehmender Unterstützung von Abgeordneten beider Lager, die Rückkehr der USA als militärische Supermacht. Und die Hardliner, die Falken im politischen Washington, hofften insgeheim auf einen konkreten Anlass zum Schaden der Vereinigten Staaten von Amerika, um den parteiunabhängigen Präsidenten George F. Summerhill von dem Richtungswechsel zu überzeugen.
Doch nur wenige wussten, dass der mächtigste Mann der Welt nur eine einzige offene Flanke hatte, an der er zu packen war: die Liebe zu seiner Tochter Jane und den beiden Enkelkindern, William und Florence.
Washington D.C. lag an diesem kalten Januartag unter einer leichten Schneedecke. Der blaue Himmel mit den ersten Sonnenstrahlen täuschte aufkommende Wärme vor. Tatsächlich sorgte der über den Potomac fegende Wind für eine gefühlte Temperaturdifferenz, die David G. Summerhill beim Joggen über die Arlington Memorial Brücke fast den Atem verschlug.
Auch den beiden Beamten vom Secret Service, die dem Sohn des US-Präsidenten in wenigen Metern Abstand hinterherliefen. Sie mussten sich ziemlich anstrengen, denn der durchtrainierte David machte sich einen Höllenspaß daraus, sie abzuhängen. Meistens geschah das hinter dem Lincoln Memorial auf den kurvigen Wegen durch den Park. Heute war dieser drahtige, kleingewachsene Typ, der wegen seiner Glubschaugen und seines großen Gebisses im Weißen Haus süffisant als Haifisch betitelt wurde, offensichtlich besonders einfallsreich. Er rannte, stoppte, schlug Haken, überquerte wie wahnsinnig die Constitution Ave NW und lachte, wenn er seine beiden Verfolger wieder einmal getäuscht hatte.
David war ein Täuscher. Intelligent und erfolgreich hinzu. Er hatte zum Stolz seiner Familie die Zulassung zur Harvard Universität bekommen, wo er Politikwissenschaft studierte. Zum Entsetzen seiner Eltern hatte er jedoch das Studium nach vier Semestern beendet, wechselte in die Finanzwelt und verdiente in seinen wenigen Berufsjahren als Börsenmakler bereits Millionen. In der Branche galt er als Shooting Star. Vor ihm lag eine glänzende Finanzkarriere.
Doch dann kam alles anders. Der Präsident der Vereinigten Staaten wurde während eines Golfspiels von einem traumatisierten Kriegsheimkehrer ermordet, und der Vizepräsident, Davids Vater, wurde noch am selben Tag als Präsident vereidigt.
Damit öffneten sich für den zweiunddreißigjährigen David auf einmal ganz neue Wege. Das Schicksal hatte ihn mit einer kurzen, heftigen Welle in das größte Machtzentrum der Welt gespült.
David hatte dem Angebot seines Vaters, dessen Berater zu werden, sofort zugestimmt. Denn er sah die einzigartige Option, seine Israel-Visionen umzusetzen. Ideen, die an der Universität als irreal gegolten und allenfalls Erstaunen hervorgerufen hatten.
Die Familie Summerhill war jüdischen Ursprungs. David war der einzige in der Familie, der als strenggläubiger Jude galt. Dennoch sah er sich nicht als orthodoxen Juden an. Im politischen Washington spielte der Sohn des Präsidenten geschickt die Rolle des loyalen fachlichen Beraters. Er galt als der Nahost-Experte mit uneingeschränktem Zugang zu allen geheimen Dokumenten.
Sein Vater wusste allerdings nicht, dass sein Sohn seit Monaten mit Politikern aus dem nächsten Umfeld des israelischen Ministerpräsidenten einen neuen Nahost-Plan ausgehandelt hatte, der es in sich hatte. Kein Nahost-Friedensplan, sondern die kompromisslose Berichtigung einer falschen Landkarte, wie David meinte.
Sein Gott hatte im Alten Testament den zwölf Stämmen Israels ein Land zugesprochen, das weitaus größer war als das Israel von heute. Nach Gottes Willen reichte der israelische Landanspruch sogar bis in die Nähe von Damaskus und schloss fast den gesamten Libanon und Jordanien ein. Und nach Gottes Willen ist das Westjordanland Eigentum Israels. Das bedeutete für David, dass die Araber unrechtmäßig israelisches Land besetzt hatten. Das Volk Israel würde sehr bald für immer in seinem angestammten gelobten Land wohnen können. Die Verheißung Gottes an Abraham hätte sich endlich erfüllt, durch ihn, den Sohn des Präsidenten.
In den schlaflosen Nächten hatte er sich die neue Landkarte vorgestellt, in der es keine arabischen Gebiete in Israel mehr geben würde. Ein neuer Staat Israel mit Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt.
Sein Plan war so einfach wie genial. Er musste nur durchgesetzt werden. Ohne die Vereinten Nationen oder endlose internationale Abstimmungen. Vater musste ihn nur wollen. Heute ging es ihm besonders gut, denn sein Plan ruhte fix und fertig auf einem USB-Stick in der Innentasche seiner Jacke.
David schaute sich um. Die beiden Agents hingen jetzt keuchend an seinen Fersen. Wieder und wieder fühlte er an die Innentasche. Er spürte über seinem pochenden Herzen diesen einen Datenträger, mit dem sich eine zweitausend Jahre alte Geschichte fügen würde.
An diesem Morgen fühlte sich David, als er das Machtzentrum der Welt erreichte, wie ein Gesandter Gottes.
Ich muss nur noch den richtigen Augenblick finden, um Vater zu überzeugen .
Als er in die Pennsylvania Avenue einbog und auf das Weiße Haus zu rannte, konnte er nicht wissen, dass heute sein Tag sein würde.
Sie blickten sich in Lauerstellung an. Verharrten wie eingefroren. Plötzlich griff Thomas mit beiden Armen zu, zog Marc mit einer blitzschnellen Bewegung über seinen Rücken und ließ ihn mit einem Tai-otoshi-Körpersturz auf den Boden krachen. Marc rappelte sich hoch.
Wieder standen sie sich gegenüber. Der schlanke durchtrainierte Marc wehrte den Angriff vom dem im Kraftraum gestählten Hünen Thomas ab, indem er dessen Handgelenk griff, ihm einen Schlag auf die Brust versetzte, sich unter Thomas Schulter schob und ihn mit einem perfekten Jiu-Jitsu-Schulterwurf zu Boden brachte.
Es krachte gewaltig in der Halle.
Marc zog seinen Freund nach oben.
Beide verneigten sich.
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