In Herat war alles ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte gedacht, ich würde zum Abschied von meiner Heimat vielleicht – im Vorbeifahren, von fern – die große Zitadelle Alexanders des Großen zu sehen bekommen, von der mir mein Großvater erzählt hatte. Oder würde vielleicht noch einmal einfach nur so über einen Basar laufen können, wie damals, als ich noch Kind war. Von Karim wusste ich, dass sein Onkel nach Ablieferung seiner Fracht neue Ware einkaufen würde, die er jenseits der Grenze in Taybad verkaufen wollte.
Bei einem letzten kurzen Stopp an einer Tankstelle vor der Stadt schärfte mir Karim ein – während er so tat, als müsste er die Plane am rückwärtigen Ende des Laderaums noch mal überprüfen – mich ab sofort immer in der Nähe meines Verstecks an der Wand zum Führerhaus aufzuhalten. Von hier ab bis in die Stadt gebe es häufig Kontrollen.
So traute ich mich ab da kein einziges Mal mehr nach hinten zum Ausstieg, wo ich einen Blick durch meinen Sehschlitz hätte werfen können. Selbst dann nicht, als wir längst mitten in der Stadt sein mussten, wie mir der Lärm des Verkehrs, das ständige Bremsen und Anfahren, die Trillerpfeifen von Verkehrspolizisten und laute Rufe von Straßenverkäufern verrieten. Die Fahrt durch diese für mich mittlerweile ungewohnte Geräuschkulisse schien kein Ende zu nehmen. Schließlich parkten wir rückwärts irgendwo ein, wie ich an dem Hin- und Hermanövrieren merkte. Als der Motor abgestellt war, fiel mir als erstes auf, dass der Straßenlärm auf einmal seltsam gedämpft klang. Dann drang der Geruch von Öl und Abgasen zu mir in den Laderaum.
Ich kletterte Richtung Ausstieg. Da machte sich auch schon jemand von außen an der Plane zu schaffen. Diese wurde mit ungewohntem Schwung zur Seite geworfen. Da stand auf einmal ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte, und streckte seine grobe, ölverschmierte Hand nach mir aus.
„Karim“, stammelte ich.
„Komm schon“, grollte eine tiefe Bassstimme, „beeil dich!“ Der Mann machte sich nicht mal die Mühe, die Ladeklappe zu öffnen.
Nachdem es mir gelungen war, auf der Kante sitzend die Beine nach außen zu bringen, zog er mich einfach zu sich herunter. Ich befand mich in einer großen, zur Straße hin offenen Autowerkstatt. Die Türen des Führerhauses unseres Lasters standen offen, aber Dschingis und Karim waren nirgends zu sehen. Ich hatte auch keine Chance, mich nach ihnen umzusehen.
Der Mann – noch größer und breiter als Dschingis Khan und in einem fleckigen Overall – zerrte mich grob auf eine nur wenige Meter entfernte Metalltür zu. Dahinter durchquerten wir einen Innenhof, in dem zuhauf ausgediente Motoren, Getriebe und sonstige Autoteile herumlagen. Durch ein düsteres Treppenhaus gelangten wir in den ersten Stock eines Hinterhauses. Vor einer weiteren Metalltür blieben wir stehen. Der Mann schob zwei schwere Riegel zur Seite, öffnete die Tür und schob mich hindurch. Knarzend wurden die Riegel hinter mir zugeschoben und die Schritte des Mannes entfernten sich.
Ich fand mich in einem kleinen, halbdunklen Raum wieder. Nur durch ein schmales, weit oben gelegenes Fenster drang ein schwacher Lichtschein hinein – der Wiederschein der nächtlichen Stadt.
„Salaam“, tönte es leise aus einer Ecke des Raums.
Erst jetzt sah ich, dass dort jemand hockte. „Salaam“, sagte ich. „Wer bist du – wo sind wir?“
„Bist du mit dem Laster gekommen, der uns über die Grenze bringen soll?“, kam es statt einer Antwort zurück.
„Ja“, sagte ich, als ich mich von meiner Verblüffung erholt hatte. Dass auf dem letzten und entscheidenden Teil der Strecke noch ein weiterer Flüchtling dazukommen würde, hatte mir niemand gesagt. „Ich heiße übrigens Adib.“
„Abdul – aus Helmand“, sagte der andere und erhob sich. Er war kleiner als ich, aber nicht ganz so abgemagert. Auch schien er noch etwas jünger zu sein. Offensichtlich saßen wir ab jetzt im gleichen Boot. Wir umarmten uns.
„Ich hatte schon Angst, ihr kommt gar nicht mehr“, sagte mein neuer Freund. Er forderte mich auf, mich zu ihm auf die Matratze zu setzen, die in seiner Ecke auf dem Boden lag.
Wer denn der Grobian wäre, der mich hergebracht hatte und warum man uns hier überhaupt einsperrte, fragte ich.
Die hätten wohl Angst, dass wir weglaufen könnten und ihnen so ein einträgliches Geschäft entginge, meinte mein neuer Freund. Die bekämen ja viel Geld dafür, dass sie uns in den Iran brächten – aber erst dann, wenn Kadér die Bestätigung erhalten hätte, dass wir auch angekommen seien.
Kadér! Den Namen hatte mir auch Onkel Najib genannt. Den müsse ich mir unbedingt merken. Das sei der Mann, der meine Reise bis Italien organisieren würde. Dieser Mann musste unglaublich mächtig sein, wenn er von Kabul aus solche ‚Reisen‘ sogar für Flüchtlinge aus der weit entfernten Provinz Helmand arrangieren konnte …
Ja, vor dem Grobian aus der Werkstatt habe er anfangs auch Angst gehabt, gestand Abdul. Hier drin aber versorge uns dessen Frau mit Essen. Wenn man klopfe, führe sie einen auch zu einem Abort im Hinterhof. Dort stehe übrigens immer ein Eimer mit Wasser, mit dem man sich waschen könne.
Später hat Abdul mir in kurzen Sätzen seine Geschichte erzählt: Er stammte aus einem Bergdorf im Norden der Provinz Helmand. Seine Familie war arm. Ein paar Ziegen waren ihr wertvollster Besitz. Sein Vater war zweimal hintereinander nicht zum Freitagsgebet erschienen. Beim ersten Mal hatte er Kräuter in den Bergen gesammelt. Beim zweiten Mal hatte er nicht rechtzeitig von der Suche nach zwei verirrten Ziegen ins Dorf zurückkehren können. Als ihn der Mullah des Dorfes zur Rede gestellt hatte, hatte er im Zorn gesagt, vom Koran allein werde seine Familie nicht satt. Kurz darauf waren die Taliban ins Dorf gekommen und hatten seinen Vater auf den Dorfplatz geschleppt. Dort hatten sie ihn wegen Beleidigung des Koran vor den Augen aller Bewohner des Dorfes mit Knüppeln erschlagen. Auch Abdul selbst, seine Mutter und seine vier Schwestern hatten bei der Hinrichtung zusehen müssen. Noch in der Nacht war die Familie zu Verwandten nach Girishk geflüchtet. Abduls Mutter hatte befürchtet, dass man auch noch ihren Sohn entführen und ihn zwingen würde, für die Taliban in den Kampf zu ziehen. Irgendwie war es ihr gelungen, Geld für seine Flucht in den Iran aufzutreiben. Dort werde er arbeiten müssen, um dieses Geld zurückzuzahlen und das Überleben seiner Mutter und seiner Geschwister zu Hause zu sichern.
Der Junge tat mir leid. Ich sagte ihm, dass es mir ähnlich ergangen sei, seit mein Vater bei einem Anschlag der Taliban in Kabul ums Leben gekommen sei. Ich war froh, dass er nicht weiter nachfragte. „Dann sind wir ja Brüder“, sagte er nur.
Abduls Flucht bis Herat war allerdings wesentlich komfortabler gewesen als meine. Nur zwei Tage zwischen Säcken mit Rohbaumwolle auf der A01, und auf der ganzen Strecke hatte es nicht eine einzige Kontrolle gegeben.
Ich dachte zuerst, das wäre ein anderer LKW, so verändert sah es im Laderaum aus. Vorne türmten sich Säcke und als wir hinaufkletterten, entdeckten wir dahinter Stapel von großen Kartons und kleineren Schachteln. Und dann der Duft: Wie auf dem Basar in den Läden mit Gewürzen und Trockenfrüchten.
Wenige Minuten zuvor erst waren die Riegel an der Stahltür vor unserem Gefängnis mit dem inzwischen vertrauten metallischen Knarzen beiseitegeschoben worden. Anstelle der Frau des Werkstattbesitzers hatte Karim vor uns gestanden. Ich hatte schon befürchtet, noch einen dritten Tag in diesem Loch verbringen zu müssen. Und Abdul, der dort schon eine volle Woche eingesperrt gewesen war, hatte es erst recht kaum noch ausgehalten.
Plötzlich aber war auf einmal alles ganz eilig. Der Motor lief schon, als Karim uns auf die Ladefläche hinaufscheuchte. Wir sollten bloß die Finger von den Kartons lassen, schärfte er uns noch ein, während er die Ladeklappe verriegelte. Und es werde nur noch einen ganz kurzen Zwischenstopp geben, bevor es über die Grenze ginge. Damit verschloss er die Plane.
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